Thriller,
Drama
| Deutschland / Frankreich / Italien / Österreich 2005
| INHALTSANGABE
Die gutbürgerliche Familie Laurent erhält anonyme Videokassetten, die einfach nur stundenlang ihr Haus zeigen; und sie bekommen blutrünstige Zeichnungen mit kindlichen Strichmännchen. Diese Störung des Alltags führt mehr und mehr zur Verunsicherung der gesamten Familie, die Polizei unternimmt nichts, solange nichts Ernsthaftes geschieht. So versucht Familienvater George selbst herauszufinden, wer ihnen nachstellt, und er stößt auf Majid, der in seiner Kindheit einmal auf dem Hof seiner Eltern gearbeitet hat.
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| FILMKRITIK
Keine Auflösung, keine Erlösung. Endlos lang dauert der Vorspann, im Bild das bürgerliche Haus der Familie Laurent. Die starre Einstellung ist die Videoaufzeichnung, mit der alles anfängt: Eine Familie unter Beobachtung, das bedeutet Unsicherheit, Verstörung, Beklemmung. Wie soll man mit der vagen, diffusen Bedrohung der Familie umgehen, die aus den Beobachtungsbildern spricht, die unvermittelt einbricht in die festgefügte Familie?
Die Bilder des Films und die Filme, die die Laurents erhalten, gehen ineinander über, vermischen sich untrennbar. Der Blick des Beobachters ist auch der Blick von Hanekes Kamera, und damit wird der Kinozuschauer zum Täter, zu dem, der die Familie stört und verstört, der aufwühlt, was unter der Oberfläche eines heilen Bürgertums verborgen ist. Haneke lässt die Verstörung durch das Zuschauen entstehen, und zugleich wird die Verstörung der Familie auf den Kinozuschauer übertragen, dem damit eine Art perfide Doppelrolle zugewiesen wird.
Unter permanenter Beobachtung zeigen sich die Haarrisse in der Beziehung zwischen Georges und seiner Frau Anne, kleine Störfelder, an denen etwas zerbrechen kann. Denn eine Beziehung schließt bei Haneke stets auch die Unmöglichkeit von Beziehung ein, weil es immer Leerstellen gibt, einen blinden Fleck, den der andere nicht sehen kann, nicht sehen darf.
Stete Beobachtung einer Familie auf Film, das zeigt Haneke als Ambivalenz und Äquivalenz von Voyeurismus und Paranoia, das einfache Beobachtetwerden erzeugt die tiefgreifende Beunruhigung, die das Beobachten erst interessant macht. Und er bietet kein Erklärungsmuster, nicht für die Videokassetten, die die Verstörung auslösen, noch für die Verstörung selbst, die mehr und mehr in den Vordergrund rückt.
Distanziert wird das Geschehen gezeigt, Standpunkte stehen einander gegenüber, man sieht den Umgang von Anne mit einem Freund, der – zufällig? – denselben Namen trägt wir ihr Sohn Pierrot, man sieht den aufgewühlten Pierrot, der einmal verschwindet und dann doch nur bei einem Kumpel übernachtet hat. Und man sieht die Träume über Georges’ Kindheit, Szenen einer persönlichen, uneingestandenen Schuld im Kleinen, die verknüpft ist mit der großen nationalen Sünde eines Polizeimassakers im Jahr 1961, bei dem 200 Algerier erschossen und in die Seine geworfen wurden.
Sollbruchstellen vermeintlicher Sicherheit, Rostflecken auf glänzender Fassade, die alles brüchig werden lassen können. Familie Laurent zeigt unter dem Druck anonymer Videobänder Anzeichen der Auflösung; und doch wird nichts akut, alles bleibt im Bereich des Latenten, des Möglichen, nichts bewegt sich im Vordergrund. Doch der Hintergrund ist in Wallung geraten durch reines stures Starren.
| FAZIT
Beklemmendes Spiel um die Sicherheit, die sich unter genauem Blick als trügerisch erweist.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung