Nach dem Geiseldrama um die israelische Mannschaft bei der Olympiade in München 1972 wird der Geheimdienstler Avner (Eric Bann) von der israelischen Regierung auf die Hintermänner angesetzt. Mit einem kleinen Team reist er quer durch Europa und exekutiert die Organisatoren des palästinensischen Terrors. Doch immer mehr regen sich Zweifel über die Legitimität ihrer Aufträge. Das dreckige, konspirative Leben fordert seinen Tribut – und schließlich gerät die Gruppe selbst auf die Abschussliste.
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| FILMKRITIK
Viel Aufsehen ist schon im Vorfeld um „München“ gemacht worden. Das Thema selbst ist nach wie vor heikel, umso mehr in Zeiten des Krieges der USA gegen den Terror und der Kritik daran. Und schließlich hat niemand geringeres als Großmeister Steven Spielberg den Film gedreht. Schon mit „Schindlers Liste“ hob er mit aller Kraft ein finsteres Kapitel der Geschichte in Kino und Massenbewusstsein. Hier nun geht es um die mehr oder weniger wahre, zumindest aber auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte eines Mordkommandos, dass nach der alttestamentarischen Losung Auge um Auge, Zahn um Zahn Jagd auf Terroristen macht.
Ob dabei die Buchvorlage „Vengeance“ des Kanadiers George Jonas wirklich die geeignete Quelle war für das Drehbuch von Tony Kushner („Angels in America“) und Eric Roth, ob und wie authentisch Details wiedergegeben wurden, spielt dabei nicht wirklich eine Rolle. Spielberg erzählt die Geschichte eines braven Staatsbediensteten, der von Ministerpräsidentin Golda Meir losgeschickt, in der Mühlen der großen Zeitpolitik gerät, in die schmutzige Halbwelt von Machtinteressen, Blöcken und Ränken. Nach und nach verliert dieser Mann sich darin, den Glauben und die Liebe zu seinem Land, welches nicht weniger unmenschlich gegen seine Feinde vorgeht wie die gegen es.
Dass „München“ darüber zu viel auf einmal will, ist das größte Problem. Mit über 160 Minuten ist er viel zu lang, zumal er sich nicht so recht entscheiden mag, um was es ihm wirklich geht. Eine realpolitische Fabel über die Folgen von Terror und Gegenterror? Ein Momentum der Zeitgeschichte mit all seinem Kolorit? Die existentielle Höllenfahrt eines „Soldaten“, der nur seinen Job tut? Oder doch eher ein Moralstück, das mit kleinen und größeren Spitzen die aktuelle, natürlich US-amerikanische Außenpolitik aufs Korn nimmt?
Tatsächlich wird deutlich, wie sehr Spielberg Amerika in die Pflicht nimmt. Wenn Golda Meir (Lynn Cohen) den Terror diskutiert, steht neben ihr das Foto eines laut lachenden Richard Nixon. Einer der zu ermordenden Palästinenser steht unter dem Schutz der CIA, die in letzter Minute auf offener Straße seine Hinrichtung verhindert. Und wenn zum Schluss Avner in New York mit seinem Führungsoffizier (Geoffrey Rush) über Recht und Unrecht streiten, ob der Zweck die Mittel heiligt oder nicht gerade dadurch das, was es zu schützen gilt, preisgegeben wird, schwenkt die Kamera auf die Twin Towers des World Trade Center, die wie ein Menetekel dem 11. September harren.
Es lastet freilich schwer diese Bedeutsamkeit und Geschichtlichkeit auf „München“. Ausgiebig werden Meirs Überlegungen dargelegt, wie nun der Staat Israel zu handeln hat. Auch die Palästinenser denken laut, sei es der Funktionär in Paris oder der Terrorist in Athen, mit dessen Gruppe sich Avner und sein Team (als RAF-Kommando getarnt) notdürftig eine Bruchbude teilen, weil durch Zufall die konspirative Unterkunft doppelt belegt wurde. Alle Aspekte werden also gewissenhaft abgedeckt. Dazu kommt die Brutalität, die Spielberg wie schon in „Der Soldat James Ryan“ explizit macht. Nach einem Bombenanschlag hängt ein abgerissener Arm im Ventilator, aus durchschossener Wange sprudelt das Blut. „Seht her“, sagt das, „so schrecklich ist das Leben wirklich.“ Bzw. der Krieg (des Terrors oder gegen ihn). Doch wirklich mehr als das vermittelt „München“ nicht – und damit zu wenig für das große Fass, das Spielberg aufmacht. Eher aalt der Film sich in der Spannung aus allerlei Ambivalenz, die vorgeführt wird: Wird die Tochter des palästinensischen Funktionärs nun in die Luft gesprengt weil sie statt ihres Vaters ans Telefon geht? Ist da nicht was Wahres dran, wenn der Palästinenser das Recht auf eine Heimat ein- und sein Volk in den Flüchtlingslagern beklagt?
All diese Dilemmata verhandelt der Film wie er seinen 1970er Look ausstellt. Jedes Hemd, jeder Oldie im Radio, sogar noch das Filmplakat mit Jean-Paul Belmondo schreit geradezu vor lauter „Echtheit“ – peinlich genau die Fahrzeuge und Motorroller, Reklame und Elektrogeräte. Wunderschön und viel zu brillant abgefilmt von Spielbergs prämierten Kameramann Janusz Kaminski. Ein Simulakrum haben die Macher geschaffen, dem man nun engagiert und zugleich nicht wirklich verstehend gegenübersteht.
Zudem kann Spielberg durch das professionelle Drehbuch nicht davon lassen, seine Figuren allzu menschlich zu zeichnen. Gleich beim ersten Treffen eröffnen sie einander, dass sie keine wirklichen Profis sind. Der Bombenbauer ist eher Spielzeugmacher und so weiter. Folglich klappt alles nicht so, wie man es von harten Killern erwartet. Übernervös wissen sie beim ersten Mord noch nicht, was sie nun eigentlich tun sollen, zittern mit den Pistolen. Bei einem Bombenschlag in einem Hotel wird beinahe ein frisch verheiratetes Pärchen mitgetötet. Aber eben nur fast – die anständigen Mörder helfen ihnen aus den Trümmern. Auch einem Portier, der ihnen vor einem schließlich missratenen Anschlag hilft, wird von ihnen bei einer Schießerei eingepackt und anschließend wieder laufengelassen. Statt den Mitwisser zu erschießen, wirft man ihm noch Geld zu.
Überhaupt kommt es zu keinen „Kollateralschäden“. Selbst beim Sturm auf ein libanesisches Versteck verhindert Avner, dass ein Junge voreilig erschossen wird. Ganz ungenießbar werden die Seelenqualen und inneren „Komplexitäten“ durch die Bilder der auslösenden Entführung im titelgebenden München. Die werden den Film über quasi als Avners Traum eingefügt. In Zeitlupe, schön und detailfreudig (re)konstruiert. Unerheblich dabei, dass Avner selbst nicht dabei war. So verpufft auch das Spiel mit der Medienrealität, das zu Beginn noch angedeutet wird.
Nur eine einzige Figur gerät echt: Daniel Craig (der kommende James Bond) als skrupelloser wie pragmatischer Steve. „Keiner verarscht die Juden“ bringt er es auf den Punkt, repräsentiert den wohl wahren Charakter der historischen Mossad-Agenten und bietet einen ehrlicheren Zugang zu dem Stoff und einer Auseinandersetzung damit.
So jedenfalls bietet „München“ wenig mehr als eine Kolportage-Geschichte, bei der die wirklich großartigen und tiefer gehenden Momente mit dem großen Ganzen nichts zu tun haben. Von Michael Londsdale als Patriarch und seiner Familie, die vom ideologiefreien Verkauf von Informationen lebt, hätte man gerne mehr gesehen; Stoff für einen eigenen Film oder den Roman eines John Le Carré.
Und die Quintessenz des Potentials „Münchens“ bekommt man in einer einziger Szene zu fassen: Auf einem Hausboot wird aus Rache vom Team eine Killerin erschossen. Zuvor hat sie noch ihre Brüste entblößt, um Avner und Steve davon abzuhalten. Als sie schließlich als Leiche blutend in einem Liegestuhl liegt – und es dauert entsetzlich lange, bis sie endlich tot ist -, nackt unter dem weit offenen Morgenmantel, bedeckt Avner ihre Blöße. Aber einer seiner Männer (der es später ausdrücklich bereuen wird; so konsequent ist Spielberg nicht), wirft den Stoff verächtlich wieder zur Seite. Die Deformierung durch die Unmenschlichkeit ihres Gewerbes, oft reine Behauptung im Film: so knapp und unerbittlich kann man sie darstellen. Mehr dieser wortlosen Unbarmherzigkeit hätte „München“ gut getan.
| FAZIT
Bei aller formalen und darstellerischen Brillanz bietet „München“, wo es um seine großen Themen geht, eine gehobene und (zu) perfekte, aber auch überlange und fahrige Kolportage. Die echte Güte zeigt sich hingegen in Momenten jenseits des zeitpolitischen und -geschichtlichen Kontextes.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung