Donnerstag | 31. Mai 2012 | 11:10 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Reviewübersicht > Reviewdetails
  • FILM REVIEW | Brokeback Mountain
  • Brokeback Mountain

    Drama | USA 2005
  • | INHALTSANGABE

  • 1963: Ennis und Jack heuern als Cowboys an: Auf dem Brokeback Mountain, irgendwo in Wyoming, müssen sie Schafe hüten – und kommen sich in der Einsamkeit näher, verlieben sich. Nach ihrem gemeinsamen Sommer in der Wildnis trennen sich ihre Wege; beide heiraten, bekommen Kinder. Ennis lässt sich wieder scheiden und wird immer eine Aushilfskraft auf der Farm bleiben, Jack heiratet in eine reiche Familie ein, wird vom Schwiegervater gehasst und muss Traktoren verkaufen. Nur ihre Treffen alle paar Monate in der Wildnis machen ihr Leben lebenswert; dann können sie ihre Liebe leben.
    WERBUNG
      • | FILMKRITIK

      • Im klassischen Western wird allerhöchstens als harte Männerfreundschaft gezeigt, was „Brokeback Mountain“ als das ausspricht, was es ist: Liebe. Dabei ist Ang Lees Film kein Western im strengen Sinn, es geht um Cowboys im 20. Jahrhundert, und es geht um die Liebe, die sich über die Jahrzehnte des Lebens von Ennis und Jack fortsetzt.
        Die Liebe entspringt der leidenschaftlichen Geilheit in der Einsamkeit der Berge und sie entwickelt sich unaufgeregt und ohne großes Aufheben. Leise und langsam und ganz selbstverständlich zeigt Ang Lee die Gefühle der Männer füreinander in Situationen, kaum in Emotionen. Dafür sind die Männer zu wortkarg, ganz wie es sich für Cowboys gehört.

        Nur dass eben Ennis und Jack in den Bergen Wyomings Schafe gegen die Coyoten hüten und nicht einen Rindertreck gegen Indianer verteidigen müssen. Der klassische Western ist in die Jahre 1963ff übersetzt, und er hat dabei seinen Charakter verändert.
        Obwohl der Film nicht auf die Gefühle der Männer füreinander kapriziert, ist es die Liebe, die die Geschichte trägt, Jahr für Jahr immer weiter. Doch auch das ist nicht ganz richtig: Es ist kein Liebesmelodram, keine Alles-oder-nichts-Liebe; Ennis und Jack sind verheiratet, und sie lieben ihre Familien. Ihre Liebe zueinander spielt im Bereich des Konjunktivs. Und nur ab und zu lässt sie sich verwirklichen, bei Ausflügen heraus aus der Gesellschaft, in der sie leben; alle paar Monate treffen sie sich in der Wildnis, um dann wieder zurückzukehren in die wirkliche Welt, und sich weiter nacheinander zu sehnen.

        Der Film, der sich über Jahrzehnte spannt, basiert auf einer Kurzgeschichte von Annie Proulx – der epische Verlauf einerseits und die Handlung in alltäglichen Kleinigkeiten andererseits erhalten die strukturelle Spannung von „Brokeback Mountain“. In diesem Bogen lässt Lee seinen Figuren sich viel Raum zur Entfaltung: sie wirken echt, so echt wie das Leben; und schließlich ist es die Struktur menschlichen Lebens, die der Film übernimmt, Ereignisse, die aufeinander aufbauen, ohne zu etwas zu führen, Variationen über ein Grundthema, die sich nicht zu einer harmonischen Coda fortführen lassen.

        Jack und Ennis kämpfen nicht für ihre Liebe: Sie wissen um die Vergeblichkeit, auch wenn sie von einer Ranch träumen, auf der sie beide wohnen und arbeiten können. Besonders Ennis – mehr und mehr begibt sich der Film auf die Seite seiner Sichtweise – weiß, dass man Dinge, die man nicht ändern kann, akzeptieren muss. Ihre Liebe ist unmöglich, und nur punktuell lässt sie sich frei verwirklichen – und vielleicht deshalb währt sie so lange.

        Auf geradezu faszinierende Weise entwickeln sich die Charaktere über die Jahre, nehmen die vergangenen Ereignisse in sich auf und richten ihre Handlungen nach den Erfahrungen aus, die wir als Zuschauer – zumindest zum Teil – miterleben durften. Kontrastierend zu dieser Fortentwicklung der Filmfiguren im Film verharrt die Umgebung der Figuren in der Zeit. Tatsächlich sieht es im ländlichen Amerika auch heute noch so aus, wie der Film das Wyoming der 60er Jahre beschreibt. Die alten Pickup-Trucks, die leicht heruntergekommenen Gebäude, die Kneipen, letztendlich auch die Grundeinstellung der Gesellschaft: all das ändert sich im Lauf des Films kaum und nur in Details, wenn mal ein neuer Fernseher in einer Wohnung steht, oder wenn aus der Jukebox modernere Popmusik klingt. Dieser Gesellschaft stehen Ennis und Jack gegenüber, tatsächlich so etwas wie Outlaws. Also doch ein Western, nur dass hier das Kämpfen für ein Ideal nicht mehr lohnt.
      • | FAZIT

      • Der Gewinner des Goldenen Löwen zeigt die Liebe, als wäre sie echt.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 4.3/10 (4 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN