Während der Olympischen Spiele 1972 in München nehmen palästinensische Terroristen elf israelische Sportler als Geiseln, die bei einem Polizeieinsatz alle umkommen. Israel beschließt, die elf Drahtzieher des Terroraktes zu eliminieren, der Mossad stellt deshalb ein Team unter dem jungen Geheimdienstmitarbeiter Avner zusammen. Avner und seine Leute sollen die Terroristen in Europa aufspüren und töten, wenn möglich mit Bomben. Sie machen sich an die Arbeit, mit viel Geld ausgestattet erkaufen sie sich die Aufenthaltsorte der Terroristen und beginnen zu töten.
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| FILMKRITIK
Terrorismus, Nahost-Konflikt, ein sportliches Großereignis in Deutschland: Mit „München“ schwimmt Spielberg auf der Welle der Aktualität. Das Problem ist, dass er das weiß, und dass er wohl daher diesen Film gemacht hat. Israel wird getroffen, als Palästinenser bei den olympischen Spielen 1972 in München das israelische Team als Geisel nehmen und alle elf Geiseln sterben. Israel schlägt zurück: elf Drahtzieher des terroristischen Aktes sollen liquidiert werden, einer nach dem anderen. Um diesen Akt des Gegenschlags geht es Spielberg; und es wäre alles in Ordnung gewesen, wenn er es dabei belassen hätte.
Aber Spielberg muss natürlich auf seine Subtexte pochen, bis sie unüberhörbar in den Ohren und Augen der Zuschauer klingen: Dass Israel verletzt wurde, dass Israel Stärke zeigen muss, um im Kampf um das Land nicht zu unterliegen, dass sich Israel aber gemein macht mit den Terroristen, wenn diese durch terroristische Akte getötet werde; dass jeder Gegenschlag einen erneuten Gegenschlag nach sich zieht und dass diese Gewaltspirale kein Ende hat; dass das fanatische Denken auf beiden Seiten keinen Sinn hat, wenn beide auf ein Recht pochen, das es längst de facto nicht mehr gibt. All diese Ansätze – sie sind natürlich auch auf den aktuellen Krieg gegen den Terror des G. W. Bush bezogen – sind gut und richtig. Aber wenn Spielberg sie immer wieder in immer weiteren Dialogen immer neu thematisiert, um sicherzugehen, dass auch der letzte unter den Zuschauern begriffen hat, fühlt sich alles unweigerlich falsch an.
Zudem reichert er seine Geschichte noch mit derart Spielberg-typischen Elementen an, dass sie fast schon wie eine Parodie wirkt: Avners Frau ist natürlich schwanger, sein Verhältnis zu den Eltern ist gestört, ein latenter Vaterkomplex begleitet ihn; das Tötungsteam ist aus lauter Laien zusammengesetzt, die durch ihre Taten ihre Initiation vollziehen; und immer wieder die Ironie, die Spielberg so gerne als Kritik gesehen haben möchte: Golda Meir, die israelische Ministerpräsidentin, die in Wohnzimmeratmosphäre als eine Art Hausmütterchen den Befehl zum mörderischen Feldzug gibt; oder gleich in der Anfangsszene, wenn amerikanische Sportler in Unwissenheit den Terroristen über den Zaun ins olympische Dorf verhelfen: jaja, so ironisch ist das alles, aber: so geht’s halt zu in der Welt! Bitter, bitter!
„French Connection“ und „Parallax View“ gibt Spielberg als Vorbilder für seinen Film an, große Paranoia-Thriller der 70er Jahre; die Kamera mit Zooms und langen Brennweiten, das flache Bild und die ausgewaschenen Farben geben seinem Film auch tatsächlich den Look dieser Filme, dieser Zeit. Einige Szenen sind bemerkenswert in ihrer Darstellung von Paranoia, wenn einer verfolgt wird auf der Straße, wirkt die Kamera wie eine diffuse beobachtende Instanz; misstrauische Blicke, verdächtiges Verhalten von Passanten. Oder Avner, der vermutet, dass man hinter ihm her ist, zerlegt sein Zimmer auf der Suche nach einer Bombe, das Telefon, das Bett, den Fernseher, und verzieht sich dann angstvoll in den Schrank, der sich zumindest sicherer anfühlt. Und wie Spielberg den Film anlegt: Als die Geschichte einer Racheaktion, fast wie in „Kill Bill“, erzählt er zunächst einfach nur von den Anschlägen auf die Zielobjekte des Mossad, in je unterschiedlicher Ausführung mit verschiedenen Bombenvarianten in verschiedenen Ländern.
Aber dann: Dann will er die Dramaturgie, die sich zunächst geweigert hat, herkömmliche Dramaturgie zu sein, in die korrekten Bahnen lenken, das heißt: in die Spielberg-Soße von Zerrissenheit der Hauptfigur und von dem Versuch, eine moralisch richtige Position zu erlangen, und wenn das nicht geht, wenigstens eine ganzheitliche Familie zu werden. (Hier wirkt die Ironie Spielbergs konsequent, der neben die neue Familie von Avner die von Louis stellt, des zwielichtigen Informationszuträgers des Mossadteams: Dessen Vater, Papa genannt, hat ein Familienunternehmen aufgebaut, das ohne Rücksicht auf moralische Skrupel ihre Informationen an den meistbietenden verkauft – und glücklich ist auf dem Landsitz in der Bretagne).
Spielberg will den Politthriller, er will das Familiendrama, er will den Moralfilm: Und das alles so präsentiert, dass der Zuschauer es erstens alles haarklein kapiert, deshalb die plakativen Dialogpassagen; und andererseits so, dass der Zuschauer emotional mitgerissen wird, das ist ja ohnehin die große Spielberg-Obsession.
Spielberg vertraut den Zuschauern nicht, und er traut sich selbst nicht, einfach nur einen einfachen Thriller zu machen. Dabei wäre „München“ die Chance gewesen, einfach mal für einen kleinen Film zwischendurch zu den Anfängen zurückzukehren, wo Spielberg seinen Fernsehfilm „Duell“ ganz auf eine einzige Spannungssituation reduziert hat. Aber Spielberg ist ja inzwischen ein großer und oscargekrönter Filmemacher. Auf jeden Fall muss er in seinem Film selbst auch noch lauthals etwas sagen über die Themen, die er anspricht. Das führt zu einiger Redundanz; und dazu, dass der Film fast doppelt so lang ist, wie er sein müsste, um gut zu sein.
| FAZIT
Überambitionierter Mischmasch von Spielberg, der offenbar nach Minuten bezahlt wird.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung