Miriam Polischka wird von ihrem Liebhaber zusammen mit ihrem Sohn Michael vor die Tür gesetzt. Fortan ist nichts mehr mit großer Wohnung in Berlin Zehlendorf, jetzt müssen sie in einer Bruchbude in Neukölln hausen. Michael wird an der Schule von der Gang um Erol verfolgt und malträtiert, und auch seine neuen Freunde Crille und Matze können ihm gegen die Stärkeren nicht helfen. Dafür aber Hamal, Drogenpate des Stadtteiles, der von Michaels mutiger und vorwitziger Art angetan ist und ihn als Kurier einsetzt. Der Einstieg ins kriminelle Milieu bietet Michael zwar Schutz gegen die Schulschläger, bringt aber auch ganz andere Gefahren hervor.
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| FILMKRITIK
„Manchmal wünsche ich mir, dass es still ist in meinem Kopf“, sagt Michael einmal; und zuweilen geht es dem Zuschauer mit dem Film genauso, laut wummert Musik, eine wilde und unausgewogene Mischung aus Klassik und Pop und Heavy Metal. Die Mischung soll den Mix der Nationalitäten in Neukölln spiegeln, aber dafür scheint zu oft die Zufallswiedergabe des CD-Players im Schneideraum eingeschaltet worden zu sein, als der Soundtrack zusammengestellt wurde. Zu wahllos ist die Songauswahl, zu ziellos wallt sie aus den Lautsprechern.
Die Musik soll dem Film Atmosphäre geben, deshalb ist sie so laut – denn die Bilder allein schaffen es nicht, substantiellen Stil zu entwickeln. Mit wilden Schwenks, wackliger Kamera, schnellen Schnitten, hektischer Schärfenverlagerung und der starken Farbentsättigung soll ein Gefühl von Realismus und Authentizität und Hipness erzeugt werden. Aber vielmehr wirkt es, als wolle Stil erzwungen werden. Gerade das Übermäßige der Mittel führt zu einer Beliebigkeit des Ausdrucks, vielleicht war der Kameramann, der zuvor Werbe- und Musikclips gedreht hat, einfach überambitioniert.
Das kann man „Knallhart“ vielleicht insgesamt zum Vorwurf machen: Dass Detlev Buck, der erfahrene und gerade für die Rotzigkeit seiner frühen Filme hochgelobte Regisseur, hier einfach zu viel will und maßlos alles aufeinanderstapelt, als wäre es sein Filmdebüt. Er will erzählen und erzählen und erzählen von dem sozialen Milieu und von der Kriminalität, vom Erwachsenwerden und von der Ablösung von der Mutter, von Freundschaft und Jugendgewalt. Dafür verlässt er immer wieder die Geschichte seiner Hauptfigur und springt mal zu dessen Gegner, dem brutalen Erol, der auch liebender Vater ist, oder zu Miriam, Michaels Mutter, die einen Job sucht, aber nicht um jeden Preis. Hier franzt der Film aus, zeigt fehlendes Gespür für Struktur und Dramaturgie, was man nicht erwartet hätte von Buck. Und manchmal arbeitet er auch einfach nicht sorgfältig, wenn derselbe Statist an ganz verschiedenen Stellen im Film als ganz anderer Passant den Weg von Michael kreuzt.
Diese Fehler machen den Film nicht schlecht – aber sie machen daraus ein zu ehrgeiziges Projekt von einem, von dem man handwerklich mehr verlangen kann. Dabei gelingt es über große Teile des Films durchaus, ein Gespür für das Leben in Neukölln zu vermitteln. Auch wenn das Milieu natürlich stilisiert und überzeichnet ist, wurzelt der Film doch in der Wirklichkeit – und kommt auch genau zur richtigen Zeit mitten in einer Integrationsdebatte, die kürzlich mit den Unruhen von Migranten in französischen Vorstädten und ganz aktuell mit der Diskussion um eine freiwillige Deutschpflicht an einer Schule in Berlin-Wedding neue Argumentationsfelder aufgetan hat.
In seinen besten Szenen, die wirklich sehenswert sind, zeigt der Film seine Qualität. Dann ist die Kamera still und die Musik suggestiv, und wenn Michael von dem Drogenhändler Kamal zum Essen bei seiner Großfamilie eingeladen wird oder später dann einem Kunden Kokain bringt, der ein Kind und zwei zugedröhnte Frauen und einen österreichischen Akzent hat, dann gerät der Film in eine unwirkliche, traumhafte Sphäre, die mehr erzählt über Michael und seine Welt, wie sie ist und wie er sie erlebt, als wenn er zu lautem Hip Hop zusammengeschlagen wird.
| FAZIT
Überambitioniertes Kiez-Drama von einem Regisseur, der es eigentlich besser können müsste.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung