1984. Gerd Wiesler ist Stasioffizier, linientreu, prinzipienfest, sozialismusgläubig, hart: Wenn er jemanden verhört, weiß er, wie er ihn anfassen muss, um die Wahrheit herauszukitzeln. Und bei dem anerkannten Theaterautor Georg Dreymann hat er ein ungutes Gefühl: Diese große Liebe zum System bei einem Intellektuellen ist verdächtig. Er übernimmt den Auftrag, Dreymann zu überwachen, der Befehl kommt von ganz oben, von Minister Hempf; und Wieslers Vorgesetzter Grubitz, der weiß, dass ein Erfolg bei dieser Überwachung einen großen Karriereschritt bedeutet, lässt Wiesler freie Hand.
Doch Wiesler findet keine Hinweise auf Opposition bei Dreymann; vielmehr scheinen den Minister private Gründe bewogen zu haben, Dreymann zu schaden, denn er hat ein Verhältnis mit dessen Freundin, der Schauspielerin Sieland. Wiesler kommen Zweifel, und er beginnt mehr und mehr, Dreymann zu decken; der will nämlich nach dem Selbstmord eines mit Berufsverbot belegten Freundes einen kritischen Artikel in der Westpresse veröffentlichen.
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| FILMKRITIK
Manchmal schrammt Florian Henckel von Donnersmarck ganz knapp am Klischee vorbei: wenn Ulrich Mühe mit Notizblock in einem dunklen Hauseingang steht, um sein Zielobjekt zu überwachen, oder wenn die Stasi, in langen, einheitlich grauen Mänteln gewandet, sich mit brachialer Gewalt Einlass verschafft in eine Wohnung.
Aber dann: Der Film schafft es immer, das Ausgelutschte zu vermeiden, er verweigert sich der Abstempelung seiner Figuren als klar definierte, einfache Charaktere genauso wie einer Abstempelung der DDR als absoluten, verabscheuungswürdigen Überwachungsstaat oder, andersherum, als Material für die nostalgische Komödie um den kultigen Osten. Das differenzierte Bild, das der Regisseur von einem Staat und seinen Bürgern zeichnet, lässt vielmehr „Das Leben der anderen“ zu einem der reichsten Filme werden, die in letzter Zeit entstanden sind, nicht nur aus deutscher Produktion.
Große Wahrhaftigkeit strahlt der Film aus, vielleicht nicht dem genauen historischen Detail nach, dafür dem Geist, der in einer großflächig überwachten DDR herrschte. Und gleichzeitig gelingt Henckel von Donnersmarck die Umsetzung seiner Geschichte ins Filmische, nicht als Lehrstück, nicht als bloße Emotionsmaschinerie, nicht als hohles Bebildern längst vergangener Historie, sondern in zwingende, aber nicht gezwungene Dramaturgie, in starke Bilder und starkes Schauspiel. Die erste Garde der deutschen Schauspielerriege: Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Ulrich Tukur und Martina Gedeck, schafft es, ihren Figuren auf ganz subtile Weise die geheimsten Facetten des Charakters zu entlocken, ohne durch Überstrapazierung an Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Dem Regisseur und seinen Darstellern gelingt es, eine ganze Weile im ersten Drittel des Films ein einfaches Nichts darzustellen, ohne dass es je langweilig würde: Autor Dreymann und seine Freundin, die Schauspielerin Sieland, leben ihr unauffälliges Leben, und Stasioffizier Wiesler belauscht sie dabei. Nichts passiert äußerlich – doch durch das Zusammenspiel der Charaktere und ihrer Geschichten entwickelt sich ein Drama, das die Spannung eines Thrillers enthält.
Der Lauscher an der Wand verändert sich, wenn er das Leben der anderen ausspioniert – aber gegen den Strich gebürstet geht diese Veränderung im Denken und Handeln nicht mit einem einfachen Wandel zum moralisch Guten einher, sondern sie beruht, zunächst zumindest, vor allem darauf, dass Wiesler sich hauptsächlich der Reinheit des Sozialismus verpflichtet fühlt. Nun, in einem Staat, der kaltes Karrieredenken fördert, in dem Denunziation anderer die eigene Machtfülle steigert, in dem hohe Parteimitglieder unangreifbar werden, wenn sie ihre Macht gebrauchen, ist Wiesler zu einem Mittel, zu einem Werkzeug in einem Privatspiel des Ministers geworden. Die von Wiesler als richtig erkannten Mittel, die die sozialistische Republik schützen sollen, werden zweckentfremdet – und Wiesler handelt, indem er nicht handelt, indem er sein Observierungsobjekt deckt. Eine hochkomplexe Frage wirft der Film hier auf, ohne sie direkt zu thematisieren: Ist Wiesler ein „guter“ Mensch, wenn das „Gute“, das er bewirkt, aus seiner eigenen, puristischen Anhängerschaft am Unrecht erwächst? Indem er wider seine Befehle handelt, unterstützt er – unter persönlichem Opfer – den Geist dessen, was aus heutiger Perspektive als richtig angesehen wird – doch der Beweggrund liegt in der ergebenen Anhängerschaft ans „Falsche“.
Auf der anderen Seite: Wie weit soll, darf Dreymann gehen in der Anpassung an einen „bösen“ Staat? Er, der Stücke schreibt, die ideologiekonform sind und – darauf ist die Führungsriege der Partei stolz – dabei der einzige DDR-Autor ist, der auch im Westen gelesen wird: Hat seine Freundin recht, wenn sie ihm vorwirft, genauso mit denen da oben im Bett zu liegen wie sie, wenn sie jeden Donnerstag dem Minister zu Willen ist? Auf präzise und unaufdringliche Weise stellt der Film die Ergebenheit an die Macht mit Prostitution gleich: ein weiterer Punkt, an dem der Film die Gegebenheiten der DDR zu einer Parabel allgemeinen menschlichen Verhaltens erweitert. Wie das Wechselverhältnis zwischen den Mächtigen und den Machtlosen sich verändert, wenn ein Rädchen des Systems sich plötzlich weigert, Machtmissbrauch zu unterstützen: auch darum geht es, und es ist dies beileibe kein auf die DDR beschränktes Phänomen.
Einmal sitzen Wiesler und sein Vorgesetzter Grubitz in der Kantine des Ministeriums für Staatssicherheit und hören mit, wie ein niederer Dienstgrad einen Witz über Honecker erzählt. Während Wiesler, der Sozialismusgläubige, starre Empörung ausstrahlt, lacht Grubitz jovial mit, droht dann dem Witzbold in plötzlichem Umschwung mit Degradierung, lacht dann wieder über dessen betroffenes Gesicht, war ja nur ein Witz seinerseits, allgemeine Erleichterung – am Ende des Films sehen wir, dass der Witzerzähler sich doch nie von seinem Scherz wiederholt hat, er muss im Keller der Stasi die eintönige Arbeit des Briefeaufdampfens verrichten. Der Vorgesetzte unterscheidet sich hier kaum von einem kapitalistischen Karrieristen wie die TV-Figur Stromberg – nur dass alles gar nicht zum Lachen ist.
| FAZIT
Spannender, komplexer, inszenatorisch und darstellerisch herausragender Film über Macht und Mitläufer und das richtige und falsche Leben, nicht nur in der DDR.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung