Hanna lebt in ihrer eigenen Welt. Sie ist fast taub, und wenn sie ihre Ruhe möchte schaltet sie einfach ihr Hörgerät aus. Als sie von ihrem Chef gezwungen wird, das erste Mal in vier Jahren Urlaub zu nehmen, fährt sie nach Irland. Doch die Arbeit fehlt ihr. Sie beginnt, als Krankenschwester auf einer Bohrinsel den Arbeiter Josef zu pflegen, der bei einem Unfall schwere Verbrennungen erlitten hat und zeitweise erblindet ist. Mit seiner direkten, humorvollen Art gelingt es ihm in einem langsamen Prozess der Annäherung, der zurückhaltenden Hanna etwas über ihre Vergangenheit zu entlocken. Trauer, unterdrückte Emotionen, tiefe Wunden und Schuldgefühle gelangen an die Oberfläche.
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| FILMKRITIK
Wie durch einen Schleier dringen Bilder und Geräusche an die Oberfläche. Flammen in der Dunkelheit, Schreie, Hektik. Zur gleichen Zeit geht Hanna anderswo ihrer Arbeit nach. Auch sie nimmt ihre Umwelt nur undeutlich wahr, integriert sich wie ein Maschinenteilchen in die Choreographie von festen Rhythmen, Formen und Arbeitsabläufen. Erst als ihr Chef sie zu sich ruft, um sie in den Urlaub zu schicken, schaltet sie ihr Hörgerät ein. Die Geräusche werden deutlicher, die Welt um sie herum nimmt Konturen an. Hanna ist isoliert, in sich gekehrt, entfremdet, klammert sich an Rituale und feste Abläufe. Hühnchen, Reis, einen halben Apfel zum Essen, jeden Tag ein neues Stück Seife. Ihre Wohnung ist einfach eingerichtet, wirkt spartanisch und unbewohnt. Bloß nichts ungewohntes, bloß nicht aus der Routine ausbrechen, die Hanna ein bisschen Stabilität verschafft, so scheint es. Allein der Gedanke an Urlaub und fremde Menschen bringt sie ins Straucheln.
Doch dann, auf der Bohrinsel, irgendwo mitten im Atlantik, ist sie auf ein Mal mit fremden Menschen und einer fremden Umgebung konfrontiert. Allein zwischen Männern lernt sie eine neue Welt kennen. Mit seiner direkten Art, seinem manchmal etwas brachialen Humor holt der verletzte Josef sie in die Welt zurück. Es ist eine sinnliche Welt, die Hanna erfährt. Regentropfen, die wie Murmeln vom Himmel fallen, ihre Stimme, die, so Josef, nach Butter und Zimt klingt, das Essen, das der Koch Simon zubereitet – langsam beginnt Hanna aufzutauen, weniger einsilbig zu antworten, etwas von sich preizugeben. Und sie beginnt, neugierig zu werden, Fragen zu stellen. Nach dem Unfall, bei dem ein Arbeiter ums Leben kam, oder sich vielleicht das Leben nahm, nach dem Leben von Simon. Heimlich hört sie seine Mailbox ab, immer und immer wieder lauscht sie der Liebeserklärung einer unbekannten Frau.
Raubeinig und trotzdem herzlich ist Josef. Mit schlafwandlerischer Sicherheit gelingt Schauspieler Tim Robbins die Gratwanderung zwischen dem verletzten, leidenden Opfer und dem Mann, der sich gerne von einer geheimnisvollen Krankenschwester pflegen lässt. Und mit seiner Mischung aus Humor, Gefühl und leicht ironischer Provokation gelingt es Josef, Hanna ein paar Informationen über sie zu entlocken. Doch er ahnt noch nicht, welche traumatischen Erfahrungen sich hinter ihrem Schweigen verbergen.
Doch eines Tages bricht es plötzlich aus ihr hervor, sie berichtet von Kriegstraumata, Verletzungen und Schuldgefühlen. An dieser Stelle kommt es auch im Film zum Bruch. Sarah Polley, die nur in kleinen Moment Hannas Verletzungen andeutet, betont überdeutlich ihre Gefühle. Kamera und Musik, die vorher schwebend leicht einen Raum voll poetischer Melancholie kreiert haben, setzen auf Drama und große Gefühle. Was bei der Figur von Josef nur vorsichtig angedeutet wurde – Schuldkomplexe und Überlebensschuld – werden bei Hanna deutlich expliziert und am Ende werden in einer knappen halben Stunde mal eben, zwar politisch korrekt, aber auch höchst unvermittelt, die Leiden der Opfer des Jugoslawien-Krieges verhandelt.
| FAZIT
„Das geheime Leben der Worte“ ist Film über die Macht der Vergangenheit und Überlebensschuld. Äußerst einfühlsam beschreibt er die Annäherung zweier Menschen. Doch statt auf die Leistung der Schauspieler zu vertrauen gewinnen am Ende Pathos und Dramatik die Überhand.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung