Thriller,
Horror
| Frankreich / Japan / Kanada / USA 2006
| INHALTSANGABE
Mutter Rose (Radha Mitchell) macht sich mit ihrer (Adoptiv)Tochter Sharon (Jodelle Ferland) in Richtung Silent Hill auf. Diese mysteriöse Geisterstadt taucht immer wieder in Visionen des schlafwandelnden Mädchens auf. Nach einem Beinahe-Unfall in der Nähe des Ortes ist die Kleine verschwunden. Mama Rose macht sich auf die Suche in das nebelige Nest, in dem Alptraumkreaturen ihr Unwesen treiben – und aus dem es bald kein Entrinnen mehr gibt. Unterstützt von der Streifenpolizistin Cybil (Lauri Holden) bleibt ihr nichts anderes, als dem höllischen Geheimnis von Silent Hill auf den Grund zu gehen.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„Silent Hill“ ist nicht nur ein weiterer Beitrag zum boomenden Markt der Videospiel-Verfilmungen. Er ist auch ein geglückter. Insbesondere wenn man ihn mit so misslungenen Adaptionen wie „Doom“ vergleicht.
Der Grund dafür, dass der Spagat zwischen Film und Spiel funktioniert, liegt zunächst an der Vorlage selbst. Statt wüster Ballerei ist in „Silent Hill“ Erforschen (und Überleben) angesagt, statt Action reizt eher die unheimliche bis surreale Stimmung. Derlei lässt sich natürlich einfacher auf die Leinwand bringen und kommt dem passiven Erlebnischarakter des Kinos entgegen.
Freilich braucht es dazu noch den oder die Richtigen, um die Angst einflössende Atmosphäre so recht umzusetzen. Mit Regisseur Christopher Gans und seinem Kameramann Dan Laustsen hat man sie gefunden. Begleitet von der originellen Musik Jeff Danas, die auf elektronische Klänge setzt, haben die beiden das nebelig-jenseitige „Silent Hill“ mit all seiner Verlorenheit gekonnt eingefangen. Vieles erinnert denn auch an Gans’ französischen Mystery-Historien-Thriller „Pakt der Wölfe“. Schon da hat er sein Talent für Stimmungslandschaften bewiesen.
Die Hügel und einsamen Straßen zur Bergwerksstatt, die verlassenen Gassen im tiefen Dunst und all die finsteren, verfallenen Gemäuer werden als Kulisse genommen, um nicht nur eine permanente Bedrohung mythischer Dimension spürbar zu machen sondern auch eine existenzielle Einsamkeit. Gans und Laustsen finden dafür eine eigene Bildsprache, die die Perspektiven des Spiels mitbenutzt, ohne sich darauf zu beschränken.
Auch die Schauspieler sind überdurchschnittlich: Radha Mitchell („Melinda und Melinda“) ist als verzweifelte Mutter ebenso ein Gewinn wie Sean Bean, der hier nach „The Dark“ erneut einen Vater spielt, der Frau und Tochter zu retten hat.
Leider verlegt sich „Silent Hill“ nicht völlig auf die schauerliche zurückhaltende Stimmung, sondern muss den Charakter seiner Vorlage gerecht werden – schlichtweg um dessen Fans nicht zu enttäuschen. Schon bald tauchen die ersten grausigen Kreaturen auf, die der armen Rose nachstellen und deren Suche nach der Tochter zum Katz- und Mausspiel werden lassen.
Doch diese Monster sind wunderbar verdrehte und bizarre Gestalten, die den „Hellraiser“-Filmen in nichts nachstehen. Die Qualität ihrer Präsentation reicht dabei von solider Computer-Animation bis zu atemberaubenden Phantasmagorien.
Dumm nur, dass die „Geisterstunde“ in Silent Hill, die „Dunkelheit“, dann zu sehr mit Effekten protzt. Die Räume zerfallen und gebären die grässlichen Heimsuchungen – woraus leider des Guten zuviel wird. Immerhin artete „Silent Hill“ nicht in Splatter-Orgien aus (auch darin ist der Film wohltuend konsequent). Die wenigen harten Momente sind dafür von erlesener Grausamkeit: Da reißt ein Dämon einer Frau mit einem Ruck die Haut vom Leib (was noch recht comic-haft wirkt), es wird lebendig geröstet und Menschen von Stacheldrahttentakeln buchstäblich zerrissen – einmal sogar von innen (wie genau das vor sich geht, sei hier gar nicht erst erwähnt).
Das Drehbuch jedenfalls hat Roger Avery („Pulp Fiction“) geschrieben. Und damit eine alles in allem gelungene Geschichte geliefert. Denn die ist zwar nicht immer logisch, dafür angenehm komplex und gibt sich selbst nicht allzu schnell Preis. So ist nicht alles, was in „Silent Hill“ vor sich geht zuletzt geklärt oder gelöst. Doch das ist eher Vorteil als Manko: die einsam-kalte Hölle bekommt gerade dadurch eine verstörende Wirkung, die einen durchaus noch aus dem Kino folgt. Der Horror, trotz aller Backround-Story, ist hier auch und vor allem einer der Seele und der Verdammnis. H.P. Lovecraft lässt grüßen: Viel mehr, viel entsetzlicheres, so scheint, schlummert noch unter der Oberfläche. Uns ist nur ein kleiner Einblick erlaubt.
Schön, die die Geschichte von der Mutter, die ihrem Kind helfen muss, ist nichts Neues mehr. Die Auflösung gerät ein wenig wirr und manche Dialogzeile unfreiwillig komisch. Die längste Zeit aber wird das Personal wie die Polizistin Cybil nicht gleich verheizt, und überhaupt eine hübsche Schnitzeljagd veranstaltet bzw. die Teile eines Puzzles aneinanderfügt, was die Spannung hält und all das Grauen vor der allzu bloßen Beliebigkeit bewahrt.
Selbst wenn die einzelnen Stationen des Spiels sich hier als solche ausmachen lassen, verschiedene „Levels“ mit „Aufgaben“ und „Rätseln“ hinter sich zu bringen sind: Avery, Laustsen und Gans fügen das in Dramaturgie, Bilder und Schauspiel zu einem selbständigen Ganzen zusammen.
Kein Meilenstein zwar, weder ein neues „Shining“ oder „Kettensägenmassaker“. Aber ein Schauermärchen voller Abgründe – das sogar noch einen kleinen Dreh im Gefüge von Gut und Böse parat hält. Wie viele Computerspiele können das für sich in Anspruch nehmen?
| FAZIT
„Silent Hill“ mag zwar eine von vielen aktuellen Videogame-Verfilmungen sein, überragt jedoch die meisten: vor allem dank handwerklicher Finesse schafft der Film den Spagat zwischen Spieladaption und Horrorgenre als eine souveräne, bemerkenswert stimmungsvolle Alptraumvision.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung