Weihnachten 1960 erblickt Zac im französisch-kanadischen Québec das Licht der Welt. Sein Vater schätzt sein musikalisches Talent, seine Mutter glaubt, er habe „die Gabe“ und könne heilen. Wegen seinem Interesse für Frauensachen bekommt das Verhältnis zum Vater einen Knacks. Nichts verabscheut der Vater mehr, als „Schwuchteln“. Zac betet, er möge keine sein, und macht nachts ins Bett. Zu seinen drei großen Brüdern hat er keine Beziehung, außer zu dem aggressiven Raymond, den er hasst.
Dann kommen die wilden Siebziger und Zac hört Pink Floyd, die Rolling Stones, David Bowie. Er kifft, macht erste sexuelle Erfahrungen mit Michelle, aber von den Mitschülern wird er als schwul gehänselt. Der Vater heftet sich argwöhnisch an seine Fersen. Von Weihnachten zu Weihnachten erlebt man die Entwicklung Zacs und seiner Familie. An seinem 20. Geburtstag stimmt Zac zum ersten Mal in den alljährlichen Gesang seines Vaters mit ein. Kurz darauf wird er des Hauses verwiesen und bricht zu seiner Initiationsreise nach Jerusalem auf.
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| FILMKRITIK
Der vielfach preisgekrönte kanadische Spielfilm „C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben“ plätschert am Anfang so dahin, während der kleine Zac zwischen den gegensätzlichen Eltern aufwächst: der betont männliche Vater, die fromme Mutter, die ihn mit Jesus vergleicht, weil er am gleichen Tag Geburtstag hat. Zur Mutter hat Zac eine telepathische Verbindung, die in Momenten größter Not beide aus dem Schlaf reißt: Im Ferienlager hat Zac ins Bett gepinkelt! Beide pusten und pusten, aber das Unheil nimmt in einer schnellen Schnittfolge seinen Lauf: Zac wird von den Kindern unter Wasser gedrückt, und als sein Kopf auftaucht, ist er Jugendlicher und hört Pink Floyd: „The Dark Side of the Moon“.
Und auf einmal zieht die Spannung kräftig an. Zu den Klängen von „Sympathy for the Devil“ sieht Zac sich im Tagtraum durch die Kirche schweben, oder er droht zu David Bowies Major Tom ins Weltall zu fliegen. An Weihnachten 1975 sieht er seine Cousine mit anderen Augen. Mit ihrem Freund wird im Auto gekifft, und Zac kann später an nichts anderes mehr denken als an diesen Moment. Von heftigen Gefühlen gepeitscht, will er sein Schicksal mit einer Mutprobe wenden: Wenn er es bei Rot über die Kreuzung schafft, dann soll er nie wieder ein Asthmaspray brauchen!
Regisseur Jean-Marc Vallée schafft es auf diese Weise von Weihnachten zu Weihnachten und mit den paar Szenen, auf die es zwischendurch in Zacs Leben ankommt, 127 Filmminuten
prallvoll zu packen. Zacs Pubertät zu den Klängen der neuen musikalischen Jugendkultur ist so intensiv wie die kollektive Rebellion in den Siebzigern, das Ausleben der Gefühle und der grenzenlosen Freiheit. Wie ein guter Song zieht einen das Filmgeschehen immer stärker hinein, bis man die Schwingungen von innen spürt.
Und damit wandelt sich die Siebziger-Jahre-Story in eine Familiengeschichte, deren lebenslange Bande sich erst nach und nach offenbaren. Wie kommt es, dass Zac immer das Lieblingslied des Vaters, „Crazy“ von Patsy Cline, begleitet? Warum verachtet Bruder Raymond die Frauen und wieso schlägt er auf einer Hochzeit einen Mann zusammen? Über allem Geschehen, speziell in den unangenehmsten Momenten, wachen die Augen des Vaters.
In sehr genauen Momentaufnahmen überträgt der Regisseur Zacs jugendliches Lebensgefühl auf die Zuschauer. Seine Bilder sind vielsagender als Worte, zum Beispiel Zacs Gesichtsausdruck, als Bruder Raymond endlich einmal den Kürzeren zieht, oder das angespannte Kreisen der Blicke in einer Männerbar. Prägende Erfahrungen, das ruft dieser Film deutlich in Erinnerung, ähneln einem Feuerwerk: Sie entfalten sich oft in wenigen Sekunden.
Das Tabu von Zacs homosexuellen Neigungen zieht auch die Eltern in einen Strudel der Wandlung. Die Beziehung zu ihnen und der Kampf um ihre Anerkennung begleiten Zac über sehr viele Jahre, holen ihn an den entlegensten Orten heim. Nichts wirkt stärker im Leben als Familie, und in „C.R.A.Z.Y.“ sitzt man quasi mit am Küchentisch.
| FAZIT
Diese intensive Coming-of-Age-Geschichte zu den Klängen der Siebziger weckt die Lebensgeister.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung