Der erfolgreiche Modephotograph Jeff, Mitte Dreißig, kann sein Glück kaum fassen, als ihm seine bezaubernde Internetbekanntschaft, die attraktive vierzehnjährige Hayley, beim ersten Treffen auf ihre jugendlich-freche Art recht deutliche Avancen macht. Er zögert zunächst, sie mit nachhause zu nehmen, aber sie braucht nicht viel Überredungskunst, um ihn zu überzeugen. Als sie sich direkt zum privaten Photoshoot entblättert, scheinen seine kühnsten Träume in Erfüllung zu gehen, bis ihm plötzlich schwarz vor Augen wird und er in seinem ganz persönlichen Alptraum wieder zu sich kommt.
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| FILMKRITIK
Verführerische Worte flimmern über den Bildschirm. Der Film startet mit einem heißen Chat im World Wide Web, unserem virtuellen „place-to-be“ in der großen bunten Welt des digitalen Scheins, in der alles möglich und alles erlaubt ist. Dort findet auch Erfolgsmann Jeff im Schutzmantel der Anonymität seine 14-jährige Lolita, die mit deutlichen sexuellen Anspielungen – nicht umsonst wählt sie den Chat-Namen „Thonggirl“ („Tangamädchen“) – und jugendlicher Dreistigkeit ihn ähnlich der „Nymphe“ bei Nabokov in einen verbotenen siebten Himmel versetzt. Das Internet als neuer sozialer Raum bildet einen wichtigen Kontext des Films, besonders im Bezug auf die neuartige Problematik der Identitätskonstruktion und Selbstinszenierung, die es mit seinen Chatrooms und Onlinespielen aufwirft, wo man problemlos von einer Persönlichkeit in die nächste schlüpfen kann. Dieses Schau- und Maskenspiel beherrschen die beiden Protagonisten Jeff und Hayley ganz besonders gut, so dass wir bis zum Ende des Films nie erfahren, wer sie eigentlich sind.
Entsprechend computergerecht digital ist der Film auch inszeniert.
Dröhnende Musik, schnelle Schnitte, schwindelerregende Detailaufnahmen – Hayleys wilder Verführungstanz auf dem Photografensofa bringt Jeff mit geballtem Kamera- und Toneinsatz in Musikvideo-Ästhetik recht überzeugend zu Fall. Das Kinodebüt des Regisseurs David Slade und seines Kameramanns Jo Willems lässt deren langjährige Videoclip-Erfahrung deutlich „zu Bild“ kommen. Die Bilder sind auch in den überwiegenden langen, ruhigen Passagen des Films glatt und perfekt durchkomponiert, die Farben grell und flächig, die Formen klar und leer, die Musik emotional und dominant. Die Ästhetik des Films entspricht in ihrem modern-jugendlichen Look dem Charakter der vierzehnjährigen Hayley, die trotz ihres überraschenden Persönlichkeitswandels zu Beginn des Films immer etwas von ihrem kecken Teenager-Charme behält. Zunächst lernen wir sie als direktes, aber doch unsicheres Mädchen kennen, das sich mit verstohlenen Blicken auf den Boden den Schokoladenschaum von den Lippen wischen lässt und nasekräuselnd auf seinem Stuhl hin und her zappelt, während es verführerische Angebote macht. Nach dem überraschenden Black-out Jeffs sehen wir uns zu seiner wie unserer völligen Verblüffung einer determinierten, eiskalten und sarkastischen Rachegöttin gegenüber: „Playtime is over.“
Die Handlung bietet einige solcher Plotwendungen, die keine Langeweile zulassen, trotz der immer länger werdenden Einstellungen und der kammerspielartigen Situation, welche die beiden Protagonisten die komplette Filmhandlung über an einem einzigen Ort festhält. Dieser Ort – Jeffs modisch-dekadentes Heim und Atelier – wird als Attrappe, nah an der Grenze zur Virtualität inszeniert. Die weiten, grellen, einfarbigen Wände, die sterile Atmosphäre des riesigen Hauses, seine Leere und Oberflächlichkeit werden als Bühnenteile seiner Selbstinszenierung deutlich, die das dunkle Geheimnis seiner pädophilen Neigungen verbergen soll. Die Kamera zeigt uns nie die riesigen Photographien aufreizender Teenage-Models an seinen Wänden, die Hayley in ihrem erbarmungslosen Prozess gegen den potenziellen Kinderschänder als Beweismittel vorbringt, und auch nicht die kinderpornographischen Photographien, die sie bei ihrer Razzia in seinem Safe findet. Immer wieder entwickelt der Film durch Andeutungen, durch das Nicht-Zeigen, extremste Spannungsmomente und entlarvt gleichzeitig die Leichtgläubigkeit des Zuschauers.
Der Horror, den „Hard Candy“ erzeugt, entsteht in der Imagination, im Kopf des Rezipienten. Keine Blutspritzer, keine Explosionen oder special effects – der erzeugte Terror ist Psychoterror, das Spiel mit den Urängsten, umgesetzt in quälend langen Einstellungen der Gesichter der Hauptfiguren. Die Geheimnisse um die Figuren werden nie aufgelöst, Täter- und Opferrollen nicht zugeteilt, der Zuschauer bleibt seinem eigenen Urteil überlassen.
Wir sind uns am Ende nicht einmal sicher, was überhaupt stattgefunden haben soll. Ob der Film nicht vielleicht den Traum einer Vierzehnjährigen abbildet, die nach zu viel Videospiel-Konsum in die Rolle einer Tomb-Raider-ähnlichen Superfrau schlüpft, die alle Tricks kennt und immer die Oberhand behält. Nur weil sie im Fernsehen einen Bericht über das Opfer eines Sexualmordes gesehen hat.
Die Realität, die der Film uns vorführt, ist eine Welt wie sie der Medientheoretiker Jean Baudrillard beschreibt, eine Medienwelt der absoluten Simulation, in der nichts wirklich und damit auch nichts von Bedeutung ist. So bleibt am Ende die Sinnfrage offen, die Charaktere reine Oberflächenkonstruktionen und der Effekt höchstens die visuelle Stimulation. Die Provokation verflüchtigt sich im schönen Schein der leeren Zeichen. „Hard Candy“ ist eine Demonstration der Macht der manipulativen Medien, der das eigentliche Thema der Pädophilie darüber verloren geht. Die flachen, perfekten Bilder erweisen sich als genau das, was sie vorgeben zu sein: reine Oberfläche.
| FAZIT
Digitaler Schein, Identitätskonstruktion und Provokation – ein kammerspielartiges Psychodrama im Zeitalter der Simulation.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung