Die britische Journalistin Sue (Alice Patten) will in Indien die Geschichte einer Gruppe einheimischer Rebellen verfilmen, die in den 1930ern gegen die britische Besatzungsmacht agiert haben. Sie freundet sich mit einer Gruppe lebenslustiger Studenten um den netten DJ (Aamir Khan) an, findet in ihnen gar die bislang vergeblich gesuchten Darsteller. Die Clique macht gerne mit, hat aber nicht viel mit der Historie ihres Landes am Hut, von dem sie dank Korruption, Verstocktheit und Ungerechtigkeit wenig halten. Das ändert sich jedoch sehr, als einer ihrer Freunde, ein Pilot der Luftwaffe, wegen krimineller Machenschaften in den höchsten Kreisen, das Leben lässt…
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| FILMKRITIK
Mit dem Schreiben von Filmkritiken ist das so eine Sache. Manchmal sieht man alles glasklar vor sicht, durchschaut den Film bis auf seine Seele und findet sofort die Worte, um ihn zu packen zu kriegen. Ein anderes Mal ist das schon schwieriger, weil das was der Film will und auch diejenige, für die er gemacht wurde, einem fremd ist. So ist man also getrieben, entweder komplett seine Orientierungen und Maßstäbe über Bord zu werfen und sieht sich genötigt, in unbekannte Denk- und Wahrnehmungsmuster einzutauchen. Oder man ist konsequent, behält seine kategorische Sicht und Sichtweisen bei – auch auf die Gefahr hin, dem Film unrecht zu tun.
Und dann kommt ein Film wie „Rang de Basanti“. Nein, genau DER Film: „Rang de Basanti“. Und man muss entsetzt feststellen, dass weder die eine noch die andere Art etwas bringt. War die Entscheidung zwischen ihnen schon die Wahl zwischen Not oder Elend – dieser indische Film haut auch diese beiden Optionen kaputt.
Folglich streicht der Rezensent (also ich) die Waffen. Und er (also ich) tut es ohne schlechtes Gewissen. „Rang de Basanti“ ist nämlich ein Film jenseits von Gut und Böse. Was nicht heißt, dass er einfach so übermäßig der einen (oder ganz besonders der anderen, vor allem der letzteren) Seite zuzurechnen ist. Sondern weil er wirklich und wahrhaft außerhalb solcher Ordnung steht. Zumindest, was uns Westler betrifft.
Denn „Rang des Basanti“ zerschlägt mit leichter Hand sämtliche Parameter, die uns für die Erfassung von Agitprop, Aufklärung und blanker Unterhaltung, gar Evasion, zur Verfügung stehen. Michael Moore und seine nicht gerade subtilen Essay-Filme wie „Bowling for Columbine“ oder „Fahrenheit 9/11“ mögen auf der einen Seite gegenüber Rakeysh Omprakash Mehras Film wie die abstrakteste Polit-Philosophie daherkommen. Andererseits fegt dieser Streifen vom Subkontinent wiederum die Koordinaten von „Links“ und „Rechts“ beiseite, die auf dieser simplen Ebene (und auf der operiert der Film „leider“) sonst gerne genügen.
Das Grundproblem ist, dass Indien als ehemalige Kolonie eine Erfahrung ‚voraus’ hat, die uns hier schlichtweg abgeht. Länder wie Irland können da vielleicht noch den Mentalitätshorizont bereitstellen. Doch schon die USA, seit rund 200 Jahren unabhängig, mögen mit ihrem relativ ungebrochenen Selbstbild schon nicht mehr als Vergleichskulisse herhalten. Und Deutschland? Mit seiner NS-Vergangenheit? Das kann aus gutem Grund mit dem Patriotismus, dem Nationalismus und seiner unbedingten Wert- und Helden- bzw. Märtyrerverehrung, die „Rang de Basanti“ zum Besten gibt, gleicht gar nichts anfangen.
Geschichtliche und zeitliche, damit auch kulturelle Hürden stehen uns im Weg, den Film einzuordnen. Wagen wir trotzdem einen Vergleich, wohl wissend, dass er in jedem Fall daneben trifft:
Ein harmloses musikalisches Lustspiel mit Harald Juhnke und Co., aus den 1970ern – oder eine der Schülerpossen dieser Zeit. Die die Helden des Deutsch-Französischen Krieges feiert. Um dann in deren Gedenken die Studentenunruhen der 69er hochzuhalten. Und die RAF zu legitimieren.
Oder, als ebenso ungenügende Übertragung, vor US-kulturellem Backround: Eine Komödie mit Rock Hudson und Doris Day. Oder eine naiv-fröhliche und unverbindliche Teenie-Soap aus den 50ern. Die den American Way of Live propagiert. Zugleich die Pilgerväter lobt, den Unabhängigkeitskrieg und George Washington feiert. Die zugleich die Rassendiskriminierung thematisiert und die Korruption in Washington, D.C. Wozu die „The Beach Boys“ oder gerne auch Connie Francis zum schwülstigen Graswurzelpatriotismus und Zivilcourage aufrufen. Dazu wird das Niederknüppeln von Hippie-Demonstranten und ihrer Eltern durch texanische Polizisten angeprangert. Derweil die Jungs und Mädels von „Friends“ – denen ihr Land und seine Geschichte ausdrücklich egal ist –, zur Einsicht kommen und den verlogenen, eigennützigen und skrupellosen Donald Rumsfeld niederschießen, um dann, um sich Gehör zu verschaffen, CNN besetzen. Und schließlich von einem SWAT-Team exekutiert und zu Volkshelden zu werden. Alles natürlich im Duktus und der Differenziertheit eines Steven Segal- oder Chuck-Norris-Streifens.
Wie man es also dreht und wendet, man bekommt „Die Farbe Safran“ nicht zu packen. Bollywood-Filme haben sich hier als harmlose Liebes- und Leides-Schnulzen mit unglaublichem Elan, mit Verve und Unbekümmertheit bis hin zur Naivität etabliert. Gerade diese Unangreifbarkeit in ihrer Oberflächlichkeit hatte für uns abgeklärte Westler insofern einen eigenen Reiz, als jeder Zynismus an ihnen abperlt. „Bollywood macht Glücklich“. Punktum. Diese – in vielerlei Hinsicht – reine oder auch simple Funktion bedurfte schon einer scheinbaren Regression. Mit Kitsch und „Camp“ hat man das verarbeiten und damit von sich weisen können. In anderen Fällen bleibt die zeitliche Distanz, durch die uns Hohn und Spott Heimatfilme und Catherina Valente-Possen irgendwie handhabbar machen lassen.
Doch „Rang de Basanti“ lässt uns im Regen stehen. Die Geschichte Sues (gespielt von der Tochter des letzten britischen Gouverneurs in Hongkong) beginnt als ausgelassenes Spiel, das vor allem immer dann ein wenig peinlich wird, wenn es „cool“ wird: westliche Musik besteht aus Elektro-Beats, das wilde Leben der Jugend aus Trinkspielen und Motorradfahrten in Zeitlupe. Wenn es aber an kritische Themen geht, kommt ein heiliger Ernst zum Tragen, der hierzulande nur als Parodie verstanden werden will. Und das ist der Fehler. Denn so funktioniert der Film nicht.
Die Unbehaustheit der pakistanischen Minderheit, die erznationalen Inder, die alles Westliche verdammen, und selbst wenn die jungen Helden zum Äußersten gehen: nie verlässt der Film das Triviale und verweigert sich zugleich den Einteilungen, die uns dafür zur Verfügung stehen. So banalisiert der Film, durchaus mit den filmischen Mitteln des Pathos eines Michael Bay, all die heiklen Themen und unterläuft dieses Vorgehen zugleich. Schlichtweg weil er sich an keine Konvention hält, die wir im Westen über Genres, Typen und dramaturgische Standards für Gut und Böse parat haben. Dass die vielen abgestürzten Kampfflugzeuge, die aus dem politisch angehauchten Jux plötzlich eine Tragödie werden lassen, ihren Kern in der Wirklichkeit haben, erschwert die Sache noch. Macht sie gar schwer verdaulich.
Wenn britische Besatzungskräfte ein Massaker unter der Zivilbevölkerung anrichtet, mag das in einer Feindbildhaftigkeit aufgehen. Aber wie sieht das aus, wenn die eigene, aktuelle Regierung mit den britischen rücksichtslosen Besatzern gleichgesetzt wird? Und hier wie da „Befreiungsmorde“ akzeptabel werden? Und alles zwar auf der Höhe der filmischen Emotionalisierung von statten geht, aber gerade mal den Tiefgang eines Bud Spencer-Films als Grundlage hat? Wo also die Meßlatte anlegen?
„Rang de Basanti“ ist für uns ein unfreiwilliger Affront, weil er alle Unterscheidung zwischen Ernst und Unterhaltung aufs Heikelste einebnet – heikel für Europa, seine Geschichte, Werte und Selbstverständnis. Der hiesige Verbindlichkeiten in den Wind schlägt. Für die einen mögen die 160 Minuten ein Ärgernis sein, das gedankenlos mit viel zu schweren und schwierigen Dingen spielt und ethisch sich durchaus die Finger verbrennt. Für die anderen mag das der Beweis sein, dass im „Bollywood“-Kino gerade wegen seiner flachen und formelhaften Oberfläche ein echtes Potential für Subversion versteckt.
Aber „Rang de Basanti“ ist nun mal ein indischer Film. Und vielleicht ist er als solcher am wertvollsten. Nicht so sehr als Filmkunstwerk. Sondern – von einer übergeordneten Sicht aus – als Artefakt, das vor Augen führt, wie eine Nation (wie freilich viele andere auch!) mit sich und seiner Geschichte noch nicht im Reinen ist.
Und auch das ist ein ziemlich herablassender Schluss, eine Blick von außerhalb.
| FAZIT
Dieser „Bollywood“-Film weist zwar keine direkten Musical-Einlagen auf. Dafür bietet er eine unmittelbare, triviale und zugleich unauflösbare Melange aus Identität, Chauvinismus und Kritik, deren Volten angesichts hiesiger Maßgaben in Sachen Propaganda und Engagement, Aufklärung und harmloser Kitsch-Unterhaltung ratlos – wenn nicht sogar sprachlos – lässt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung