FILM REVIEW | Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Drama,
Krimi
| Deutschland / Frankreich / Spanien / USA 2006
| INHALTSANGABE
Jean Baptiste Grenouille ist ein Geruchsmensch. Und ein Mörder: Denn er will die Gerüche jungfräulicher Mädchen konservieren… In den Schmutz von Paris geboren hat er die feinste Nase der Welt. Er lernt er bei einem Parfumeur, Essenzen zu Wohldüften zu mischen; doch schnell überflügelt er die Kunst des Meisters. Um mehr zu lernen, reist er in die Dufthauptstadt Grasse in Südfrankreich: Dort beginnt er, am besten Duft der ganzen Welt zu tüfteln – und dafür muss er morden… Ganz besonders Laura, die Tochter des Kaufmannes Richis, hat er im Visier; doch Richis ist wachsam und beschützt seine Tochter, wie er kann.
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| FILMKRITIK
Dieser Film hat ein massives Problem. Dieses Problem ist seine zweite Hälfte. Eineinviertel Stunden lang führt Tom Tykwer in den Charakter Jean Baptiste Grenouilles ein, der in Paris seine Initiation als Duftkünstler erfährt – und der seine Obsession ausbildet, dem Duft von Jungfrauen nachzujagen, auch dafür zu morden. Nach dieser Exposition reist Grenouille nach Grasse, es beginnt ein klar abgegrenzter zweiter Teil, und der Film versucht, aus Patrick Süskinds episodischem, zynisch-ironischem (Anti-)Entwicklungsroman eine Art Suspense-Serienmörderthriller in historischem Gewand zu machen.
Dabei aber wird er der Vorlage nicht gänzlich untreu. Er pickt lediglich heraus, verstärkt gewisse Tendenzen, verkürzt auf eine Art Zweikampf zweier Antagonisten: Richis und Grenouille – während er gleichzeitig versucht, den ironischen, durchaus makabren Geist der Vorlage beizubehalten, die einen psychopathisch-genialen Mörder in den Mittelpunkt stellt: Eine Pervertierung der üblichen Zuschauerbindung, ein unmittelbares Hineinversetzen in einen ganz amoralischen Menschen. Und diese Umkehrung üblichen Identifikationsmusters gelingt auch, dank der Darstellungskraft des Newcomers Ben Whishaws, dank der größtenteils wunderbaren Kameraarbeit, auch dank der fein eingesetzten Musik.
Doch dann scheint Tykwers Talent, große Bilder zu entwerfen, die seine Figuren treffend charakterisieren, immer wieder beschnitten worden zu sein; immer wieder gerät vor allem in der zweiten Hälfte das Bild zum Klischee: Wenn der Schatten des Mörders auf sein unschuldiges Opfer fällt, gleichzeitig wie telepathisch der Vater aus dem Schlafe aufschreckt – aber es ist falscher Alarm, zunächst. Oder wenn der böse Aufseher in der Parfümmanufaktur, in der Grenouille arbeitet, ganz plötzlich ganz freundlich wird, weil er einen Tropfen der Jungfrauenessenz riecht. Aber dann wieder: Eine wunderbar lakonische Sequenz um Grenouilles Mordserie, Opfer um Opfer wird in Hauseingänge gezogen und am nächsten Tage nackt und mit geschorenem Kopf aufgefunden… Hier blitzt dann wieder das Potential des Films (und Tykwers) auf, der Vorlage auch in ihrem ironischen Erzählduktus gerecht zu werden – und aufzuschließen zur Voice Over-Erzählstimme, die in Süskinds Worten das Geschehen kommentiert (Otto Sander übrigens, der den Erzähler spricht, ist die falsche Stimme: mit zu rauer Tönung, mit zu sonorem Timbre; genauso wie oft genug die deutsche Synchronisation versagt: An der klischeehaften Stimme schon ist häufig abzulesen, dass die Figur böse zu Grenouille sein wird…)
In seiner zweiten Hälfte soll ernsthafte Suspense aufgebaut werden, die freilich der Bemühung um Ironie im Wege steht. Ein Spannungsbogen zwischen Richis und Grenouille, mit der jungen Laura als Angelpunkt. Diese Dramaturgie verlangt nicht die Vorlage, sondern die filmische Konvention, das Bemühen, die Zuschaueraffinität für die Hauptfigur, für den Film zu binden. Und das ist neben kleinen Abrutschern ins Klischee der eigentliche, große Fehler. Der destruktiven Obsession Grenouilles wird die beschützende Obsession von Richis entgegengesetzt, der seine Tochter um jeden Preis halten will; freilich ist schon in dieser Anfangskonstruktion der logische Sprung enthalten, dass zunächst lediglich Richis, ein rationaler, logischer, gar aufgeklärter Charakter (und damit ein von heute auf das Frankreich des 18. Jahrhunderts projizierter Anachronismus), die Obsession Grenouilles für seine Tochter behauptet. Der Film übernimmt diese Behauptung, lässt dabei Richis Obsession nicht mit der Grenouilles interagieren, sondern lässt sie für sich allein stehen – als Element der Suspenseerhaltung, als reine Funktion der Dramaturgie. Richis’ Behauptung „Grenouille wird nicht Ruhe geben, bis er auch dich geholt hat“ ist auch die Behauptung des Films, nicht verifiziert freilich durch Logik oder Wahrscheinlichkeit, denn das Besondere von Richis Tochter Laura wird nie herausgestellt oder erklärt (auch wenn die Bildsprache sich zuweilen sichtlich Mühe gibt).
Gute und böse Obsession stehen sich nun gegenüber; der Wunsch des Vaters, Laura zu beschützen, und das Verlangen Grenouilles, Laura zu besitzen. Das ist eine Konstruktion zur Erhaltung der Suspense, zur Erzeugung von Emotionalität – doch es will nicht funktionieren, denn sie ist spürbar aufgesetzt und nur behauptet: Der Zuschauer, der zu Anfang bei Grenouille ist, muss sich schlagartig in die Angst des Vaters vor dem unbekannten Mörder hineinversetzen und soll sich gleichzeitig auch einlassen auf den Trieb eben dieses Mörders. Diese emotionale Zerrissenheit des Zuschauers steht denn auch einem der Höhepunkte des Filmes im Wege, der grotesken Umdeutung einer Hinrichtung zur Massenorgie: Grenouille benutzt sein Parfum, um die Welt künstlich mit übermäßiger Liebe anzustecken, er ist mit dem aus Jungfrauen gewonnenen Zauberduft mächtiger als mit Mord und Terror, wie der Erzähler erklärt. Die zynische Großfeier der Amoralität, die in dieser Orgienszene steckt, wenn ein verurteilter Mörder eine Menschenmenge zum gemeinschaftlichen Beischlaf bringt, sie lässt sich nicht ableiten aus der vorhergehenden Verteufelung Grenouilles im Bemühen um emotionale Spannungssteigerung.
Hier, am Ende, da findet sich der Film wieder, wenn Tykwer seine Hauptfigur, die keine Ethik, keine Gefühle, auch keine Liebe kennt, sich mit seinem aus Jungfrauendüften kreierten Essenz besprüht und mit der Gestik eines Popstars Masseneuphorie erzeugt bei einem Publikum, das nach seinem Duft, nach seiner Aura giert. Und wieder aber lässt sich der Film ein auf die Konventionalität übermäßiger Charakterzeichnung: Wenn er die Obsession Grenouilles zum wiederholten Male zurückführt auf die erste Begegnung mit seiner ersten duftenden Jungfrau, damals in Paris; der Zuschauer wird so ein ums andere Mal zur Identifikation gezwungen, ganz wie es Eichinger sagt: „Wir haben die Psychologie der Charaktere neu arrangiert. Wir wollten den Nebenfiguren und ihren Handlungen mehr Raum geben, um rückwirkend dadurch den Protagonisten und seine Motive und Obsessionen besser verstehen zu können.“
Das führt mitunter zu Redundanz. Und es erhebt sich das Bedürfnis im Zuschauer, die Mischung des Filmes auseinander zu destillieren: Was ist Süskind, was ist Tykwer, was ist Eichinger? Denn je länger der Film dauert, desto größer wird der fahle Verdacht, dass Eichinger zu sehr in die Dramaturgie gepfuscht hat, um aus diesem Film ein wirkliches Meisterwerk zu machen. Dass Stars wie Dustin Hoffman und Alan Rickman mitspielen: Das freilich ist vermutlich seinem Konto zuzuschreiben, sie machen ihre Sache sehr gut (Hoffman mehr als Rickman); und vermutlich auch die kleinen Rollen, die mit deutschen Nachwuchshoffnungen aufgefüllt wurden: Karoline Herfurth, Jessica Schwarz, Birgit Minichmayr. Den Darsteller des Greouille aber, der ohne Worte alles begreifbar macht, den hat Tykwer gefunden… Und so reich die production values auch sind: Ist nicht Paris zu schön auf alt getrimmt, um den Gestank, der im Buch so lebendig beschrieben wird, in adäquate Bilder zu übersetzen und auf der Leinwand wiederauferstehen zu lassen? Tykwers Bildmanierismen treffen hier auf Eichingers Hinwendung zu Hollywood…
Doch dann gibt es wieder Szenen, die so rein sind in ihrer perfekten Inszenierung: Wenn Grenouille im Labor seines Pariser Lehrmeisters Baldini nur der Nase nach ein Parfum mischt, schnell, unbedarft, ganz bei sich selbst; während Baldini belustigt, genervt, belehrend, dann auch bewundernd zuschaut: Hier bestimmt der Inhalt die Form, die Inszenierung nimmt sich ganz zurück, um dann, wenn Baldini das neu kreierte Parfum riecht, ihn zu umkreisen und einen mediterranen Liebesgarten erstehen zu lassen, in dem man sich so gerne verlieren würde.
| FAZIT
Ein Film, der sichtlich hinter seinem Potential zurückbleibt – ein Potential, das Süskinds Vorlage voll ausgeschöpft hat… Wegen Darstellung, production values und meistenteils trefflicher Inszenierung dennoch drei Sterne.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung