Ein Dorf in der brandenburgischen Provinz: Markus ist glücklich mit seiner Jugendliebe Ella verheiratet. Bis er bei einem Ausflug mit der Freiwilligen Feuerwehr die Kellnerin Rose kennen lernt. Er verliebt sich ihn sie, ohne dass dies jedoch seine Gefühle für Ella schmälern würde.
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| FILMKRITIK
„Mein Film ist wie ein Countrysong“, sagt Regisseurin Valeska Grisebach über „Sehnsucht“. Country, das sind einfache Lieder über Sehnsucht und Gefühle. Und welcher Ort wäre prädestinierter, um über Sehnsüchte nachzudenken, als die Provinz – dieser Flecken, an dem man meist unfreiwillig festsitzt, heimelig und miefig zugleich, ein Ort, an dem nichts passiert, wo die Koordinaten des Lebens problemlos auszumachen sind, dort, wo die Geschehnissen der großen weiten Welt nur ein ferner Widerhall sind. Wo die Frage nach dem „Was machst du morgen?“ noch mit „Einen Zaun bauen“ beantwortet wird.
Provinz: bei Grisebach ist das eine eigene kleine Welt, ein verschlafenes 200-Seelen-Kaff in Brandenburg: freiwillige Feuerwehr, Gemeindechor, Kaffeekränzchen mit Sprühsahne und Kleinem Feigling, Stammtisch-Philosophie, Gartensessel mit Bezügen in 70er-Jahre-Mustern, rostige Hollywood-Schaukeln und als Soundtrack Dragostea Din Tei (man erinnere sich: der grauenvolle Sommerhit vor zwei oder drei Jahren) und Robbie Williams (der Widerhall der Großstadt).
Die Sehnsucht spürt der Schlosser Markus, als er sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen fühlt, zwischen seiner Ehefrau Ella, die er über alles liebt, mit der er nachts in unzertrennlicher Nähe eng umschlungen im Bett liegt, und der Kellnerin Rose. Die lernt er in der Kreisstadt beim Feuerwehrtreffen kennen. Den ganzen Abend schon sitzt er ein wenig abwesend zwischen den Kollegen, die lachen, trinken, schlechte Witze erzählen. Bis er aufsteht und tanzt. Entrückt, nur für sich, als existiere die Welt um ihn herum nicht mehr – eine der stärksten Szenen des Films, in dem die Regisseurin ihr Gespür für die besonderen Momente genauso beweist wie ihr Talent, mit den Schauspielern umgehen zu können (im Falle von „Sehnsucht“ alles Laien). Am nächsten Morgen wacht Markus bei Rose wieder auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Doch er kehrt zu Ella zurück. Nach einer Liebesnacht schaut er sehnsüchtig aus dem Fenster. Ein Scheiterhaufen steht säuberlich aufgerichtet in der Landschaft. Markus fährt wieder zu Rose – um sich zu trennen. Doch er kann sich nicht trennen. Und dann brennt der Scheiterhaufen. Dies ist einer der wenigen symbolträchtigen Momente, den sich Valeska Grisebach in „Sehnsucht“ erlaubt, dem sonst so entschlackten, naturalistischen, gar nicht prätentiösen stillen Drama.
Grisebachs Figuren können nicht reden. Sie mussten nie reden in ihrem Provinzleben, in dem alles klar abgesteckt war. Nur Ella sagt große Sätze. Spricht von der Liebe in Formeln, die bei anderen hohl und abgedroschen wirken würden. Doch in ihrer Schlichtheit gelingt es ihr, sie mit Inhalt zu füllen, Ernst genommen zu werden. Markus hingegen hat Mühe, sich zu erklären, seine Gefühle, die er für beide Frauen in seinem Leben gleichermaßen hegt, auszudrücken. Dass er sich fremd fühlt in seinem Leben, dass etwas durcheinander gerät, das erahnt man als Zuschauer allenfalls, das vibriert unter der Oberfläche. Bis es zum großen Knall kommt, zur eruptiven Entladung all jener Gefühle und Nöte, die Markus mit Worten nicht ausdrücken kann.
Fast dokumentarisch wirkt „Sehnsucht“, ganz im Stil vieler jüngerer deutscher Filme, die in letzter Zeit über die Ränder sprechen, die Ränder von Städten und Gesellschaften, an denen nichts und doch so viel passiert. Mit einem unglaublichen Gespür für den richtigen Augenblick, voller Sinn für die Realität und die Sehnsüchte des Alltags, inszeniert die Regisseurin das Drama eines sensiblen Menschen, der nicht weiß, wohin mit seinem Übermaß an Liebe. In den Bildern, in denen Bernhard Keller das scheinbar Alltägliche einfängt, glaubt man, Brandenburg hautnah zu spüren, irgendwo „zwischen Fontane und Ex-DDR“ (Grisebach), zwischen Aufbau und Abbau Ost.
| FAZIT
Ein wunderbares Schauspieler-Ensemble, ein großartiger Film über Sehnsucht und Provinz, über zuviel Gefühle und die großen Dramen einer kleinen Welt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung