In einem kleinbürgerlich verstaubten Kurstädtchen führt Meisterkoch Gregor ein kleines, erlesenes Restaurant. Während andere ein halbes Jahr im Voraus buchen müssen, bekommt die junge Kellnerin Eden fast allabendlich ihr ganz persönliches Sterne-Menü von ihm serviert. Und das, obwohl der verschrobene Einzelgänger sie bei ihrem ersten Treffen erst einmal beleidigt hatte. Doch nachdem er ihre behinderte Tochter mit selbst gemachten Pralinen in den Genießerhimmel versetzt hat, ist auch Eden süchtig nach dessen ausgefallenem Essen. Immer häufiger werden ihre gemeinsamen Festmahle und die Nachbarn beginnen zu reden…
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| FILMKRITIK
Fett tropft von seinen Händen, Soße aus den Mundwinkeln, das triefende Fleisch reibt er sich über die Wange – Gregor suhlt sich in seinen Leckereien wie in einem Liebesakt.
Der Film „Eden“ ist eine Ode ans Schlemmen. Wie bei den Orgien der alten Römer wird hier im Essen geschwelgt, alle Pralinen auf einmal in den Mund gestopft, direkt aus dem Topf geschaufelt, und selbst in Gregors exquisiten Restaurant lecken die Gäste wie Hunde noch das letzte Tröpfchen Soße vom Teller. Kein Film also für Liebhaber steifer, eleganter Diners, aber auch keiner für Vegetarier, denn es werden ausgiebig Hühnchen gerupft, Hirsche gehäutet und Schweinedärme ausgequetscht.
Für Gregor – exzellent verkörpert von Josef Ostendorf, der vor allem aus den legendären Theaterinszenierungen von Christoph Marthaler bekannt ist – ist Kochen Beruf, Lebensphilosophie und Gesellschaft zugleich: Er redet der Ente gut zu, bevor sie in die Pfanne kommt und kann ein liebevolles Lächeln angesichts seiner brodelnden Töpfe nicht vermeiden. Da sich sein Kontakt überwiegend auf Lebensmittel beschränkt, ist er im Umgang mit Menschen exzentrisch und schüchtern und beginnt meist sofort, vor Aufregung zu stottern. Er lebt isoliert und asexuell, denn zum Liebesakt ist er laut Arzt zu dick.
Seinen runden Bauch trägt er dennoch mit Stolz, da der die Erfüllung seines einzigen, absonderlichen Lebenstraums bedeutet: einen Bauch zu haben wie damals seine schwangere Mutter. Gregors ein klein wenig an Hitchcocks „Psycho“ erinnernde, ausufernde Verehrung für seine Mutter, die Kellnerin war, führt auch dazu, dass er täglich den Serviererinnen eines biederen Kurcafés zusieht. Dort ist der Kaffee so schlecht, dass es für den Gaumenfreund ein großes Opfer ist, sich dennoch fast täglich einen zu bestellen, aber der Anblick der schönen Kellnerin Eden scheint ihm das wert.
Diese wird gespielt von Charlotte Roche, mit der die meisten Zuschauer wohl eher die hippe, punkige Vivamoderatorin als eine leicht biedere Kleinstadtkellnerin verbinden. In ihrer ersten Kinorolle wirkt sie zunächst auch noch etwas gestelzt. Die beiden verbindet ein gleichförmiger Alltag: Gregors Leben dreht sich allein ums Essen, während Eden in einer eintönigen Ehe langsam verkümmert. Ihr einziger Lichtblick ist ihre behinderte Tochter, zu der ihr Mann keinen Bezug findet. Für Gregor wie auch Eden gerät durch ihr Kennenlernen einiges in Bewegung. Während sein Essen sie ins Paradies versetzt, reißt sie ihn aus seiner Isolation. So wie sie nach seiner süßen Droge dürstet und keine anderen Speisen mehr zu sich nehmen will, wird er immer abhängiger von ihrer Anwesenheit. Ihr Foto ziert seine Dunstabzugshaube und wenn sie nicht da ist, verlieren seine göttlichen Speisen rapide an Qualität.
In stillen Bildern und langen, ruhigen Einstellungen, die von sachte fließenden Klavierstücken begleitet werden, erzählt der Film vom Wachsen einer Freundschaft. Entsprechend leise Dialoge zieren die platonischen Treffen von Koch und Kellnerin, bei denen sowieso wenig geredet wird und die kleinen Gesten und Blicke wichtiger genommen werden. Obwohl äußerlich also nicht viel passiert, wird das Innere der Figuren zum Brodeln gebracht. Als Eden zum ersten Mal von Gregors Leckereien kostet, kann sie plötzlich ganz bei sich sein, die lauten Geräusche um sie herum werden ausgeblendet. Die sinnliche Selbstfindung über den Gaumen wirkt sich auch auf ihre Ehe aus. Gregors Küche wird nicht umsonst „cucina erotica“ gepriesen. Sie entfacht Edens Leidenschaft für ihren Mann neu und macht ihre eingerostete Ehe wieder zum Abenteuer. Der Film liefert in vielerlei Hinsicht den Beweis dafür, dass Liebe eben doch „durch den Magen geht“.
An dieses Sprichwort erinnert sich vermutlich auch Edens Ehemann Xaver, dessen Eifersucht mit dem lauter werdenden Gerede der Nachbarschaft wächst. Die emotionale Spannung unter der Oberfläche steigert sich bei Xaver wie bei Gregor immer mehr und eine Entladung scheint nicht mehr zu verhindern…
Die natürliche Ästhetik des Films schafft Momente der Authentizität, die Dialoge wirken oft improvisiert, aber leider daher stellenweise auch ein wenig dilettantisch und hölzern. Der Ruhe der Bilder entsprechend entwickelt sich eine leise Komik, welche die teils düster-traurige Atmosphäre gekonnt auflockert und den Film trotz seiner bedächtigen Erzählweise nicht langweilig werden lässt.
| FAZIT
Eine Ode ans Schlemmen und leise Geschichte einer Freundschaft in ruhigen, authentischen Bildern erzählt
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung