Richard Hoover predigt seiner vierköpfigen Familie stets die Theorie vom Sieger mit dem eisernen Willen. Also muss die siebenjährige, pummelige Brillenträgerin Olive von New Mexico nach Kalifornien begleitet werden, denn sie will am Schönheitswettbewerb „Little Miss Sunshine“ teilnehmen. Alle müssen mit im klapprigen VW-Bus: Mama Sheryl, sowie der 15-jährige Bruder Dwayne, der seit neun Monaten ein Schweigegelübde einhält, das er nur durch Zettelbotschaften unterbricht, auf denen „Ich hasse alle“ steht.
Mit dabei sind noch Richards Vater, der das F-Wort fleißig gebraucht, und ständig von seiner Vorliebe für Pornos und Heroin schwärmt, sowie Sheryls depressiver Bruder Frank, der gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Auf der Fahrt geht es laut und unharmonisch zu, die Gangschaltung funktioniert nicht mehr, doch das Ziel muss erreicht werden.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„Little Miss Sunshine“ ist eine erfrischende, völlig schräge Satire über amerikanische Familienidyllen, die verlogene Siegermentalität und die verzerrten Gesichter auf Kinder-Schönheitswettbewerben. Auf dem Sundance Film Festival bekam das Spielfilmdebüt des Regie-Ehepaars Jonathan Dayton und Valerie Faris viel Beifall. Dayton nennt es „eine Hymne an die Exzentrik“.
Der arme Frank, gespielt vom neuen Komiktalent Steve Carell, sitzt verunsichert am Esstisch der Hoovers, die ihn moralisch wieder aufrichten sollen. Denn Opa beschwert sich laut fluchend über die immergleichen Hähnchen, Sheryl (Toni Collette) und ihr Mann Richard (Greg Kinnear), selbst ernannter Motivationstrainer, fahren sich genervt über den Mund. Dwayne (Paul Dano), mit dem Frank das erste Gespräch am Tisch sucht, spricht überhaupt nicht. Und die kleine Olive will wissen, warum Frank sich umbringen wollte. Worauf Richard sagt, Frank sei ein Verlierer.
Frank also muss erleben, dass in dieser netten amerikanischen Familie die Fetzen fliegen und die Mutter deswegen den Nachtisch in Form eines Kartons auf den Tisch knallt. Dwayne, der einen unberechenbar düsteren Eindruck macht, überreicht Frank im gemeinsamen Schlafzimmer einen Zettel mit der Bitte, er solle sich nicht gerade hier und jetzt das Leben nehmen. Klar, dass im VW-Bus die Harmonie in dieser Form erst richtig auf Touren kommt, und Opas Vortrag an den stummen Dwayne, wie viele Frauen ein Junge in seinem Alter braucht, bei den anderen Zuhörern für Aufregung sorgt.
Das wirklich Lustige an diesem dysfunktionalen Geschehen ist, dass man als Zuschauer nicht so recht weiß, wer von den Figuren, außer Sheryl und Olive, den größten Sprung in der Schüssel hat. Und dass der selbstmordgefährdete Frank nicht im Mittelpunkt der Sorge steht, sondern der komplett verängstigte Zuschauer wird, weil die Familie jeden Moment auseinanderzubrechen droht. Dass außerdem der Großvater kein Hort der alten Werte, sondern heroin- und sexsüchtig ist, und dann gibt es noch diese echte dramaturgische Drahtseilnummer mit dem Dauerschweiger Dwayne, bei der einem ein leichter Schauer über den Rücken läuft.
Zu den traumwandlerisch disharmonischen Dialogen, in denen ein Schocker den nächsten jagt, so dass im allgemeinen Geschrei der Ausgang immer ein Produkt des Zufalls bleibt, gesellt sich noch eine überzeugende Bilddramaturgie bis in Kleinigkeiten. Man würde schon eine ganze Weile gerne sehen, was außer „Jesus“ noch auf dem T-Shirt von Dwayne steht, doch man kriegt den vollen Spruch erst zu lesen, als Dwayne im Hotelzimmer einem hässlichen Streit seiner Eltern lauscht.
Gut, dass die hoffnungsvolle Olive im Auto stets Kopfhörer aufhat. An ihr kann man sehen, dass diese Familie doch so etwas wie ein intaktes Zentrum hat, während die Satire zwischen Komödie, Slapstick und Drama pendelt. Auch Dwayne und Frank ziehen irgendwann ein paar Weisheiten aus dem Ärmel, während Richard, nun ja, seine neun Stufen zum Erfolg scheinbar in die falsche Richtung nimmt und sich seine Kleidung entsprechend ändert.
Diese treffsichere, rundum gelungene Komödie gleitet niemals in billigen Marionettenhumor ab und verrät ihre geplagten Figuren trotz aller Schonungslosigkeit nicht. Das Beste ist, dass man als Zuschauer mit einiger Sicherheit, ähnlich wie die Hoovers, die Kontrolle verliert und das laute Auflachen schneller kommen kann, als einem bewusst ist.
| FAZIT
Unharmonische Familie auf dem Weg zum Schönheitswettbewerb für Kinder: Diese herzerfrischende Satire stellt amerikanische Werte auf wackelige Füße.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung