Berlin 1943: Die Nazis wollen auch noch die letzten jüdischen Bewohner von Berlin deportieren. 688 Menschen werden in einen Güterzug mit Viehwaggons verfrachtet, Richtung Auschwitz. Sechs Tage dauert die Fahrt. Die 100 Menschen in einem Waggon haben nur einen Eimer Trinkwasser. Obwohl sie, wenn der Zug hält, um Essen und Wasser flehen, gibt ihnen kaum jemand etwas. Der begleitende SS-Mann lässt einen Bewacher in die Waggons schießen. Unter den Insassen gibt es Streitereien: Manche wollen die Eisenstäbe am Fenster zersägen, um zu fliehen. Die Anderen haben Angst, erschossen zu werden.
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| FILMKRITIK
Das bewährte Filmemacher-Paar Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová wagt sich an ein sehr schwieriges Thema. Schwierig auch deshalb, weil das unbeschreibliche Elend in den überfüllten Viehwaggons und die menschenverachtende Haltung nicht nur der Nazis den Insassen gegenüber viele Zuschauer, und sei es auch nur angerissen, schon irgendwoher kennen.
Warum also dieser Film? Hat man einen Erkenntnisgewinn, historisch oder emotional, über die Katastrophe der „Endlösung“, indem man hier erneut ein paar Menschen für einen Spielfilm verdursten, ihre Hoffnung verlieren, dem Wahnsinn nahe kommen sieht? Dieser Film ist nichts Neues, und doch hat er seine Berechtigung: Die Regisseure wollen gegen das Vergessen ankämpfen und vor allem jüngeren Zuschauern zeigen, was mit jüdischen Menschen in diesem Land geschehen ist. „Der letzte Zug“ soll am 9. November in die Kinos kommen, dem Datum der Reichskristallnacht, als 1938 die offene Judenverfolgung der Nazi-Ära anfing, die in den Holocaust münden sollte.
Vilsmaier und Vávrová zeigen im wesentlichen anhand der Schicksale dreier Paare im Waggon und ihrer Erinnerungen an bessere Tage exemplarisch, wie in einem filmischen Nachschlagewerk, welche Komponenten zur Deportation in das Todeslager Auschwitz gehörten. Da ist die zur Naturideologie gesteigerte Judenverachtung des begleitenden SS-Mannes. Die Deportierten hören nicht nur ständig, dass sie keine Menschen seien, sie müssen auch damit rechnen, wegen einer plötzlichen Laune des Uniformierten sofort erschossen zu werden.
In einem Waggon, in dem sich ein Eimer Trinkwasser befindet, müssen 100 Menschen ausharren. Die Familie Neumann hat einen Säugling, neben ihnen sitzt ein altes Paar – das Elend wird im Laufe der Tage manche in den Wahnsinn treiben, manche sterben lassen. Die Aufmüpfigeren, wie der junge Albert Rosen und Familienvater Henry Neumann, gespielt von Gedeon Burkhard, sägen an den Eisenstäben des kleinen Fensters. Später schlagen sie ein kleines Loch in den Holzboden – werden wenigstens einige von ihnen noch entkommen können?
Wer die Gesichter an den Eisenstäben vom Bahnsteig aus sieht, wendet sich meistens stillschweigend, oder offen gleichgültig, wieder ab. Der polnische Heizer der Dampflok ist ein exemplarischer Antisemit. Diese Einstellung war zu der Zeit auch in den osteuropäischen Ländern verbreitet, man weiß das zum Beispiel aus Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentation „Shoah“ von 1985. Doch welche jungen Menschen werden diese Chronik des organisierten Wahnsinns, mit dem Deutschland ganz Europa heimsuchte, noch zu sehen bekommen?
Ein weiteres Exempel aus „Der letzte Zug“ zeigt, wie die Not der Entrechteten ausgenutzt wurde: Die Verdurstenden pressen ihre letzten Schmuckstücke durch die Ritzen des Waggons, damit Reinigungskräfte den Wasserschlauch auf das Fenster richten. Handwerklich solide gemacht, sehr komprimiert, sehr exemplarisch gerafft, personalisiert anhand von Individuen, die als Charaktere – weil der Leidensprozess im Vordergrund steht – sehr wenig Spielraum erhalten.
Manchmal agieren die Figuren, als wären sie in der heutigen Zeit beheimatet, manchmal befolgen sie auch nur schnelle Regieanweisungen, die etwa gelautet haben könnten: Zeige durch Lächeln mit geschlossenen Augen, wie du dich in scheinbar grundlose Zuversicht rettest. Das sind Kleinigkeiten jedoch, in einem Film, der jungen Zuschauern all das zeigen will, was ältere aus vielen einzelnen, früheren Werken zusammenklauben mussten. Die symbolhafte Verdichtung vieler angeschnittener Aspekte des Holocaust bedarf jedoch wahrscheinlich einer zusätzlichen Erläuterung, gerade wenn das Publikum zu jung ist, um die Beispiele durch Wissen einordnen zu können.
| FAZIT
Sechs Tage im Viehwaggon nach Auschwitz: Handwerklich solides Drama, das zur exemplarischen Erinnerung an den Holocaust komprimiert wird.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung