Dreimal derselbe Held, dreimal eine ähnliche Geschichte, ineinanderverschachtelt und miteinander verwoben:
Im 16. Jahrhundert sucht Tomas, der spanische Conquistadore, im Urwald Südamerikas nach dem mythischen Baum des Lebens, der seiner Königin Isabel den Thron und das Leben vor dem mächtigen Großinquisitor retten soll. In der Gegenwart forscht der Wissenschaftler Tommy Creo fieberhaft nach einem Mittel gegen Krebs, seine Frau Izzy leidet an einem tödlichen Hirntumor. Ein Extrakt aus einem geheimnisvollen südamerikanischen Baum verspricht den Durchbruch bei den Forschungen. In der Zukunft schwebt völlig losgelöst in einer Art Blase ein fast toter Baum und der Raumfahrer Tom durch das Weltall auf dem Weg zum Xibalba-Sternennebel, der den Mayas als Ort der Unterwelt galt – dort will er ewiges Leben erlangen.
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| FILMKRITIK
Ein spanischer Eroberer im südamerikanischen Dschungel, Dunkelheit und Angst, eine Großaufnahme, erinnernde Überblendung auf die spanische Königin, hell und weich ausgeleuchtet, ein goldener Ring, der Urwald, eine Falle, eine Schlacht, Tod und ein grelles Licht – und die Ruhe des Weltalls, eine Seifenblase, darin ein Baum und ein Mann und die Halluzination einer weißen Frau – und ein Forscher im Krankenhaus der Gegenwart, sein Ehering, das Extrakt eines Baumes aus dem Urwald Südamerikas: Drei Zeitebenen, getrennt und doch vereint, sie fließen ineinander, bedingen einander; Thomas, in allen drei Geschichten die Hauptfigur, ist der Angelpunkt, er und die unbedingte Suche nach endgültiger Wahrheit, die ihn immer weiter und weiter vorwärtsdrängen lässt.
Mit Worten ist Darren Aronofskys Film nicht beizukommen, zu sehr ist der Film ein visuelles Erlebnis und ein Verweben von Zeitebenen. In der Gegenwart schreibt Tommys todkranke Frau Izzy eine Geschichte über Tomas im Spanien des 16. Jahrhunderts, Tomas muss seine Königin Isabel vor dem Großinquisitor schützen und daher den Baum des Lebens in Südamerika suchen – ausgehend von Izzys Buch in der Gegenwart wird die Vergangenheit erzählt in nicht-chronologischer Reihenfolge, eine Geschichte, die vielleicht reine Fantasy ist, vielleicht aber auch Historie, die den Plot der Gegenwart aufnimmt und wiederholt – der Großinquisitor, der Feind im Inneren Spaniens, das ist der Tumor, der in Izzys Kopf wächst.
Gegenstände und Motive und die handelnden Personen tauchen immer wieder auf, der Baum, der Brunnen, Lichter im Raum, der goldene Ring – dicht verwebt Aronofsky seine Geschichten, lässt in der einen einen Satz beginnen, der in der anderen weitergeführt wird, und hält doch die Trennung stets aufrecht – ohne je ihren wirklichen Status zu enthüllen als gleichwertige filmische Wirklichkeit, als literarische Phantasie oder etwa als psychische Wahngebilde…
Und nie verlässt er sein visuelles Konzept der drängenden, aber genau komponierten Bilder, die so berauschend sind und so filigran, die ihren je eigenen Charakter haben und dabei nahtlos ineinander übergehen, der Urwald und die Weite des Weltalls, das hoch technisierte Labor der Klinik und der kerzendurchleuchtete, säulengefüllte Palast der spanischen Königin. Immer zeigt der Film eine übersteigerte Hyperrealität, die aber dann wieder geerdet wird durch archaische Grundmuster in Handlung und Bildaufbau, durch assoziationsreiche Bildmotive: die Blase mit dem Baum, die durchs All treibt, das könnte von Hieronymus Bosch genauso stammen wie vom Plattencover einer Psychedelic-Rockband Anfang der 70er Jahre.
Das uralte mythische Motiv des Baumes des Lebens, in vielen Kulten und Religionen der Ursprung des Lebens, wird der biotechnischen Forschung des Jahres 2006 gegenübergestellt – und ironischerweise in der Zukunft wieder zurückgeführt auf die einfachsten Lebensbedürfnisse im Mikrokosmos Mensch-Natur. Auch darin, in einer Zukunft, in der Technik überflüssig, ja vielleicht vergessen ist, findet sich das Grundthema des Filmen vom Werden und Vergehen alles Lebendigen, der Tod als Akt der Schöpfung, wie er im Bild des auf ein Grab gepflanzten Baumes versinnbildlicht wird. Der Tod und wie er überwunden werden kann: Das treibt Thomas an, im Urwald, im Labor, im Weltall. Und auf ganz unaufdringliche Weise ironisch ist der Ansatz dieser Geschichten eines Helden, der am Ende eben doch nur ganz nahe dran ist, das Ziel aber nie erreicht: Das ist natürlich auch ein subtiler Seitenhieb auf all die Hollywood-Heldengeschichten, die ihren Figuren immer Aufgaben stellen, nach deren Lösung der Neuanfang auf höherer Ebene einsetzt, eine Art Initiation in höhere Weihen, wie man sie in Drehbuchlehrbüchern nachlesen kann – und mit denen Aronofsky, der Independentregisseur mit ganz eigener Vision, nicht viel anfangen kann.
Er lässt seine Erlösung des Helden ganz anders, auf Schleichwegen herbeikommen. Über den Tod, der als Ende doch nicht endgültig ist, der – eine Plattitüde sicherlich – zum Leben dazugehört. Doch Aronofsky schafft es, über die Ebene der Banalität hinauszukommen, denn er nimmt sein Thema ernst, lässt es seinen ganzen Film durchdringen. So wird „The Fountain“ fast eine religiöse Schrift, freilich ohne Gott, der die Verbindung jüdisch-christlicher mit buddhistischer Philosophie gelingt. Ganz nahe kommt Aronofsky hier Kubricks „2001“, und das durchaus auch durch die psychedelische Folie, die den Film durchzieht, in der Erzählung, den Bildern, der Musik.
Wiedergeburt und Wiederholung, ewige Suche und schließlich Erfüllung; Thomas, der Ungläubige, heißt mit Nachnamen Creo – „ich erschaffe“; doch Erschaffen ist nicht genug. Er ist ein Strebender, ein Suchender, doch das Finden ist unerreichbar in ihm selbst, das zu akzeptieren ist das eigentliche Ziel.
Es ist dies sicherlich kein Film für das schnelle Ein- und wieder Auftauchen. Die vielfältig verknüpften Bilder, die philosophische Dimension finden zu einer Offenheit des Films, die den Zuschauer ganz aufnehmen kann – sofern wiederum er offen ist für einen Film, der mit Worten nicht zu beschreiben, mit dem Verstand nicht zu begreifen, nur mit dem Gefühl zu erfassen ist.
| FAZIT
Ein vielfach verwobenes visuelles und gedankenträchtiges Meisterwerk von Darren Aronofsky, der schon in „Pi“ und „Requiem for a Dream“ Innen- und Außenwelt, das ganz Große und das Alltägliche formvollendet verbunden hat.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung