Bobby Darin war Teeny-Rock’n’Roll-Star, Nightclub-Entertainer, Folksänger, Schauspieler. Aus kleinen Verhältnissen stammend wurde er mit viel Ehrgeiz zum Star; doch sein Leben blieb überschattet von der schweren Herzkrankheit, an der er schon als Kind litt.
„Beyond the Sea“ zeichnet Darins Leben nach, seine Kindheit, seine Anfänge, seine Karriere im Showbusiness und in Hollywood, seine Ehe mit der Schauspielerin Sandra Dee. In den 1960ern, als das Zeitalter der Nightclubs und der swingenden Entertainern zuende ging, gab er sich mit Antikriegsliedern als Hippie, doch sein wahres Leben war das Entertainment. 1973 starb er im Alter von nur 37 Jahren.
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| FILMKRITIK
Auftritt Bobby Darin. Er ist ein Star, und er weiß es, wird auf dem Weg zur Bühne von Bodyguards begleitet, gibt nebenbei noch rasch ein Autogramm, dann betritt er die Bühne, er hat das Publikum im Griff, und er singt seinen Hit, „Mack the Knife“.
Dann sieht er einen kleinen Jungen – sich selbst als Kind? Er bricht ab, und die Show war tatsächlich nur Show, inszeniert vor Kameras für ein autobiographisches filmisches Porträt – aus diesen Dreharbeiten zum Film im Film entwickelt sich das Biopic über den großen amerikanischen Entertainer, den man in Deutschland kaum kennt. Nur seine Lieder, „Splish Splash“ oder „Dream Lover“, die hat man im Ohr.
Kevin Spacey ist Hauptdarsteller, er singt die Lieder von Darin selbst ein; er ist der Regisseur, Co-Drehbuchautor, Co-Produzent. 10 Jahre hat er sich angeblich mit dem Projekt beschäftigt, und er ließ sich von dieser Obsession nicht überwältigen. Souverän inszeniert er die Show, die der Film ist – so wie Bobby Darin als professioneller Entertainer auf der Bühne über Musik, Emotion und über sein Publikum gebietet.
Von leichter Hand in Szene gesetzt, entwickelt sich aus dem biographischen Film im Film eine Reise in die Vergangenheit von Bobby Darin, ausgehend von der Begegnung mit dem eigenen Ich, mit dem Jungen, der Bobby Darin als Kind spielt, der dieses Kind selbst ist.
„Memories are like moonbeams, you can do with them what you want“ – die Geschichte von Darin wird als Erinnerung gezeigt, und Erinnerungen sind nicht exakt, sie sind manipulierbar: In der kargen Wohnung seiner Kindheit, in der der kleine Bobby an einer schweren Herzkrankheit leidet – er wird sein Leben lang nicht vergessen, dass diese Leben jederzeit beendet sein kann – lernt Bobby die Musik kennen, und das versetzt die ganze Straße in Schwingung. Bobby lernt Klavier, Schlagzeug, Trompete, und die Menschen auf der Straße tanzen dazu, in großem Musical-Stil, und Bobby, erwachsen und von Spacey gespielt, ist die Hauptperson der Choreografie. „It’s a fantasy sequence“, erklärt Bobby, der Ältere, seinem kleinen Ich bei den Dreharbeiten zum biographischen Film, und er erklärt damit das Prinzip des Films, nicht die Wirklichkeit des Geschehens, sondern die Wirklichkeit der Empfindung darzustellen. Die Ebenen vermischen sich: Ist das, was wir sehen, Erinnerung? Oder das Ergebnis der Dreharbeiten zum fiktiven Porträt? Der Film selbst stellt sich immer unter Vorbehalt, ihm vorgeschoben ist stets das Bewusstsein von Bobby Darin, wie Kevin Spacey es sich ausmalt.
Die Übergänge zwischen der Rahmenhandlung, also dem Filmdreh, der Binnenhandlung, also dem Leben von Bobby, und Bildern in Bobbys Kopf, den Begegnungen mit seinem jüngeren Ich in der Handlung, sind fließend. Und die Geschichte springt wie eine Erinnerung in schnellem Rhythmus von einem zum anderen, mit fliegenden Wechseln zwischen den einzelnen Nummern der Filmshow. Von Aufnahmesessions im Studio direkt zur Beerdigung der geliebten Mutter, von dort direkt auf die Bühne, bis sich dann, als Beginn des „wirklichen“ Films, in Italien ein romantisches Musical entwickelt.
Dort dreht Bobby einen Film mit Rock Hudson und Sandra Dee, und in diesem Film im Film im Film verliebt er sich, umwirbt Sandra (und deren Mutter). Nun wird der Film ruhiger, erzählt linearer – das hohe Anfangstempo hätte den Zuschauer erschöpft, und die Dramaturgie einer Bühnenshow wie eines Films erfordert dynamische Entwicklung, das Furiose wie das Gedämpfte.
Doch nie in der sich nun abspielenden Geschichte von Ehe und Karriere vergisst der Film, was er ist: in Film gegossene Erinnerung, künstlich hergestellte Imagination, ein inszenierter Ausflug der Hauptfigur in ihr eigenes Leben. Die Italien-Sequenz wurde in Berlin gedreht, im Herbst, darüber können auch die bunten Sommerkleider nicht hinwegtäuschen, und die Straßenszenen wurden im Studio Babelsberg inszeniert, in diesem nachgebauten Straßenzug, den man aus vielen, vielen Filmen kennt. „Beyond the Sea“ stellt seine Künstlichkeit heraus, und dass er dies so cool und souverän tut, macht seine wunderbar witzige und gleichzeitig melancholische Atmosphäre aus – wie ein guter Swing-Song, hinter dessen lockerer Spontaneität lange Arbeit steckt und der gerade durch die bewusste Künstlichkeit bei gleichzeitiger Bodenständigkeit ansteckend wirkt: „As long as I’m singing“ heißt eines der Bobby-Darin-Lieder, solange er singt, lebt er, und solange der Film lebendig ist, swingt er.
Eine laute Streitszene zwischen den Eheleuten Darin entwickelt sich zum rasanten Wettkampf, wer den anderen zuerst verlässt, ein Kampf um Koffer und um Autos, und Sandra gewinnt nur, weil Bobbys Wagen streikt: in sich steigerndem Rhythmus ist Schweres, das aus den Figuren kommt, mit dem Heiteren, das der Film beisteuert, miteinander vermischt.
Aus der 37 Jahre dauernden Lebensgeschichte von Bobby Darin macht Spacey in seinem Film eine komplexe und vergnügliche Reflexion über Erinnerung, über die Bilder, die wir uns von der Vergangenheit machen, über Vergängliches und Ewiges und über die Kunst, ein Publikum mit einer Geschichte oder einem Song oder einer Bühnenshow, ob wahr oder erfunden, zu unterhalten.
| FAZIT
Hervorragend gestaltetes Biopic von und mit Kevin Spacey über einen fälschlicherweise übersehenen großen Entertainer des Showbiz.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung