FILM REVIEW | Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
Drama,
Komödie
| Deutschland 2006
| INHALTSANGABE
Dezember 1944. Der Führer ist depressiv und glaubt nicht mehr an den Endsieg. Also lässt Goebbels den jüdischen Schauspieler Adolf Grünbaum aus dem KZ Sachsenhausen in die Reichskanzlei holen, er soll den Führer aufpäppeln und ihm das Rüstzeug geben für die große Neujahrsrede, die das deutsche Volk aufrütteln soll. Grünbaum macht sich an die Arbeit. Atemübungen, Entspannung, die Erarbeitung von Emotionen: Das soll Adolf Hitler fit machen für seine große Rede; und der Führer findet Gefallen an seinem Juden. Der versucht, die Situation zu nutzen, er lässt seine Familie aus dem KZ nachkommen, verlang schließlich gar die komplette Freilassung des Lagers Sachsenhausen. Doch Goebbels hat ganz andere Pläne mit den beiden Adolfs.
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| FILMKRITIK
Die Sensation des Filmes ist natürlich Helge Schneider, der hier zum ersten Mal das spielt, was man Charakterrolle nennt; also keine Variation seiner Helge-Bühnenfigur. Den Adolf Hitler spielt er, die ultimative Bösewichtrolle: und er meistert seine Aufgabe geradezu erstaunlich souverän. Kein Chargieren, wie in seinen anderen „bösen“ Rollen als Martin von Mühlenbeck in Schlingensiefs „Mutters Maske“ oder in der eigenen Filmfigur des Nihil Baxter, dem Mörder aus Einsamkeit. Das Gesicht hinter dicker Führerschminke unkenntlich verborgen, steckt doch unübersehbar Helge Schneider in der Hitler-Rolle: die ungelenken, unbeholfenen Bewegungen, die nuschelnde Sprache, die die Wörter ausspuckt, der gebückte Gang – und gleichzeitig spielt Schneider wohltuend minimal, ohne übertriebene Manierismen.
Schneider gelingt damit eine seltene Balance aus individueller Darstellung von Adolf Hitler und der gleichzeitigen Imitation von dessen universell bekannten Ticks. Ist Bruno Ganz im „Untergang“ ganz in seiner Rolle versunken bis fast zur unfreiwilligen Parodie, so bleibt bei Schneiders Darstellung des „undarstellbaren“ Hitler stets die Nische eigener Interpretation erhalten – so wie auch Dani Levys Film ganz dezidiert nicht pseudodokumentarisch die historische Wahrheit abbilden will, ein Anspruch, an dem der „Untergang“ so glorios gescheitert ist.
Nein, Dani Levy hat nichts gemein mit „nachgespielten Szenen“ der Geschichte wie bei Guido Knopp (oder bei Hirschbiegel/Eichinger mit ihren historisch so korrekt abgesichertem Blick auf die letzten Tage im Führerbunker). Levy wählt die Form der Komödie, und er baut sie klassisch auf: eine Idee, eine Geschichte und die genau richtige Länge von 90 Minuten. Hitlers Schauspiellehrer: Das hat es tatsächlich gegeben, beim Wahlkampf 1932; Levy lässt diesen Schauspiellehrer Jude sein, der den Führer aufpäppeln soll für eine ganz große Rede an das deutsche Volk zum Jahreswechsel 1944/1945: ein Jude, der für den Führer unentbehrlich wird, ein Jude, der in ein System gerät, das die Wirklichkeit ausblendet und nach Wunsch neu inszeniert. „Das ist mein Metier, die inszenierte Wirklichkeit“, sagt Goebbels, der alles einfädelt: den Juden, der Hitler aus Depression und Phlegma reißen soll, die Filmkulissen, die dem Führer als potemkinsche Dörfer ein heiles Berlin vorgaukeln sollen, die Rede, die dem deutschen Volk die Kraft geben soll, in millionenfachem Volkssturm den Endsieg zu erringen…
Es ist alles Maske in diesem NS-Staat, Täuschung und schöner Schein: Das Verbergen der Trümmer vor den Blicken des Führers, das Verbergen von Hitlers wahrem Zustand vor dem deutschen Volk, und alles dies, um einen noch perfideren Plan auszuführen… Levy weiß diese Fassadenhaftigkeit in alle Bereiche des Films auszudehnen, und damit erschafft er eine Ebene der kleinen komischen Momente, die er parallel neben die große tragisch-komische Geschichte vom Juden Adolf Grünbaum und vom Gröfaz Adolf Hitler stellt. In seinem Globus hat Hitler eine Schnapsbar versteckt, eine Variante des Weltkugelspiels von Chaplin, und für Eva Braun spielt er auf der Heimorgel ein naives Liebeslied, hier wird einmal Helge hinter der Maske deutlich. Geschickt mischt Levy die Gags mit der Handlung, und nur in zwei, drei Momenten gerät ihm diese dynamische Verflechtung ein wenig aus dem Gleichgewicht.
Doch darf man das überhaupt, über Hitler lachen machen? Man darf, man muss nur einen Sinn für Witz haben und für Komik und für die rechte Mischung aus Gags und dem allgegenwärtigen Wissen um das 1000jährige Reich. Levy lacht nicht mit Hitler, macht sich auch nicht wohlfeil über ihn lustig: In der Form der Komödie entlarvt er vielmehr den Mechanismus des Nazi-Systems, das sich in endloser Bürokratie versteckt, um jede Verantwortung immer weiter zu schieben, um seine Unmenschlichkeit erträglich zu machen. Und wenn nun jemand den Film missversteht als historische Abhandlung und vielleicht kritisiert, dass hier eine zu einfache monokausale Erklärung für Hitlers Untaten geboten wird, in der sich die Grausamkeit seines Vaters in Hitlers Grausamkeit gegen die Juden fortsetzt: Dieses Moment ist Teil von Levys Konzept. Levy nämlich transformiert geschickt die Schauspielstunde, in dem à la method acting Hitler seinen inneren Führer sucht, zu einer Psychotherapiesitzung (in der wiederum die Frage nach der moralischen Wertung von Tyrannenmord anklingt). Und damit wird dem deutschen Gruß „Heil Hitler“ eine ganz neue Bedeutung verliehen.
| FAZIT
Helge Schneider als Adolf Hitler in einer deutschen Komödie über das Dritte Reich: Was sich krude anhört ist ein Rezept, das voll aufgeht.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung