Donnerstag | 31. Mai 2012 | 14:18 Uhr
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    Sport, Dokumentation | Großbritannien 2003
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      • | Produktionsnotizen

      • Der Tabubruch und seine Folgen

        Der Film Sturz ins Leere basiert auf dem gleichnamigen, internationalen Bestseller von Joe Simpson. Die Motivation, seine extremen Erlebnisse niederzuschreiben, entwickelte sich erst nach der Rückkehr aus den Anden. Die Öffentlichkeit reagierte mit einem Aufschrei des Entsetzens auf die Geschehnisse. Die Bergsteiger- und Klettergemeinde war äußerst schockiert, dass einer von ihnen das ultimative Tabu der Kletterei gebrochen und das Seil durchgeschnitten hatte. Simon Yates wurde vielfach kritisiert, beinahe aus dem Alpenverein ausgeschlossen und sogar körperlich angegriffen. Joe Simpson verteidigte immer die Entscheidung seines Freundes. Er hätte das Gleiche getan. De facto hat Simons Entscheidung, das Seil zu durchschneiden, beiden das Leben gerettet. Das Buch sollte Simon Yates entlasten.


        Gescheiterte Versuche

        In den letzten 15 Jahren gab es zahlreiche vergebliche Versuche die Extremsituation am Siula Grande auf Celluloid zu bannen. In den späten Neunzigern erwarb die Produktionsfirma der Schauspielerin Sally Field, Fogwood Films, eine Option. Tom Cruise sollte die Hauptrolle spielen.
        Eines der Hauptprobleme war die Geschichte selbst. Ein Drehbuch mit zwei Protagonisten, die fast während des gesamten Films voneinander getrennt agieren, schien wenig erfolgversprechend. Für Simpson war die wahrheitsgetreue Wiedergabe des Erlebten, ohne dramatische Falsifizierung, essenziell: „Ein Dokudrama ist näher an einem Sachbuch. Ein Film mit erfundenen Erzählsträngen, die die Geschichte am Laufen halten, vermittelt einfach das Gefühl, das Erzählte sei nicht wahr. Umgekehrt wäre mein Buch als Roman genauso lächerlich gewesen.“


        Mischung aus Dokumentation und Spielfilm

        Bei einer Recherche für eine TV-Serie für Darlow Smithson Production stieß Koproduzentin Sue Summers auf den Stoff und war von dessen Kinopotential überzeugt: „Es ist zwar im Kern eine Überlebensgeschichte, aber sie berührt mehrere Ebenen, so dass nicht nur passionierte Bergsteiger einen Zugang zur Story finden. Es geht vor allem um menschliches Durchhaltevermögen und um die Fähigkeit, eine schreckliche Situation gegen alle Widerstände zu überstehen. Ich denke, das ist sehr inspirierend – viele Menschen können die Kraft und Inspiration der Geschichte in ihr eigenes Leben übertragen.“

        Regisseur Kevin Macdonald war darauf bedacht, eine für Dokumentationen oftmals so typische, sperrige Dramatisierung und Rekonstruktion zu vermeiden: „Das Problem mit dieser unüblichen Mischung aus Dokumentation und Spielfilm gipfelt in dem Dilemma, ob die Sympathie des Publikums nun beim Schauspieler oder der realen Person liegt. Die Spielfilm-Szenen in Dokumentationen werden oft von gesichtslosen Figuren gespielt, die Handlungen nur nachstellen. Genau das wollten wir nicht. Wir haben zwei exzellente Darsteller gefunden, die Joe und Simon auch körperlich ähnlich sind. Nur so konnten wir die feine Balance zwischen den realen und den fiktiven Szenen finden.“


        Die drei Drehorte

        Es gab drei verschiedene Drehabschnitte. Zuerst wurden Simpson und Yates in einem Londoner Studio vor der Kamera interviewt. Beide mussten die Geschehnisse minutiös wiedererleben. Ihre Erzählungen bilden das Rückgrat des gesamten Films inklusive des Voiceovers zu den nachgestellten Szenen.

        Der zweite Teil der Dreharbeiten fand am Siula Grande im Juni 2002 statt. Nur zu dieser Zeit sind die Wetterbedingungen in den peruanischen Anden einigermaßen stabil. In einem dreitägigen Fußmarsch wurde das Equipment auf 80 Eseln an den Fuß des abgelegenen „Riesen“ gebracht. Die dünne Luft war schon eine Herausforderung für die 20 Mann starke Crew. Das Basiscamp lag höher als Europas höchster Gipfel, der Mont Blanc. Der ausgeprägte körperliche Einsatz, den der Stoff erforderte, wurde für jeden offensichtlich. Brian Hall, einer der besten Kletterer Großbritanniens, unterstützte das Team als Berater. Seine Firma High Exposure ist auf Filmarbeiten unter extremen Bedingungen und an abenteuerlichen Plätzen spezialisiert. Er arbeitete schon mit dem Team des James Bond Films „Stirb an einem anderen Tag“ zusammen.

        Die abgelegene Lage und das gefährliche Terrain des Siula Grande machten es unmöglich, den gesamten Film dort zu drehen. Es wurden hauptsächlich Panoramaaufnahmen gemacht. Simpson und Yates kamen anlässlich der Dreharbeiten zum ersten Mal an den Ort der Tragödie zurück. Ihre emotionalen Reaktionen waren bei weitem ausgeprägter als angenommen. An der Stelle, wo Simon ihn gefunden hatte, hatte Joe das Gefühl, als würde er über sein eigenes Grab laufen. Es war schwierig für Regisseur Kevin Macdonald, die Balance zu halten. Einerseits filmte er die Reaktionen. Andererseits wollte er das intensive persönliche Trauma der beiden respektieren. Ihm wurde klar, dass die Geschichte immer noch lebendig ist und für Simon und Joe auch immer sein wird. Es wäre ein völlig anderer Film, ihre Rückkehr zu erzählen. Er beschloss, sich auf das Buch zu konzentrieren.

        In den Französischen Alpen kam im Oktober die vielleicht schwierigste Aufgabe auf das Filmteam zu. Hier wurde der größte Teil des Films in 22 Tagen gedreht, inmitten eines tückischen Gebiets mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. „Wir drehten unter echten Extrembedingungen. Die Luft war dünn. Dehydrieren war ein ständiges Thema und Unterkühlung drohte uns Tag und Nacht. Wir waren halbwegs trainiert, wo wir laufen konnten und wo nicht, immer einen Gurt zu tragen und immer aneinander geseilt zu sein... Man wurde in eine Gletscherspalte abgelassen, brach durch den Schnee und entdeckte einen riesigen Raum von Nichts unter sich, in den man hätte hinein fallen können. Die physischen und mentalen Anforderungen, die an die Crew gestellt wurden, waren weit größer als bei einem durchschnittlichen Dreh“, erklärt Produzent John Smithson.


        Wirkung von Film und Buch

        Für Kevin Macdonald übertrifft ein Dreh in den echten Bergen mit Schneestürmen, eingefrorenen Kameras und schneeverkrusteten Gesichtern der Schauspieler bei weitem alles, was künstlich hergestellt werden könnte. Nur so konnte der dokumentarische Blickwinkel des Films und die selbstauferlegte Verpflichtung, die wahre Geschichte zu erzählen, verwirklicht werden. Nur so konnte der Film an Simpsons Buch anknüpfen und sein Genre transzendieren. Erst die Realität im Film sorgt für ein viel intensiveres Miterleben des Triumphes über das Unglück und der Kraft des menschlichen Geistes.

        Joe Simpsons Vorträge für Manager und Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung sind auf der ganzen Welt gefragt. Viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen in Extremsituationen gemacht haben oder in einer Zeit der Not von seiner Geschichte inspiriert wurden, schreiben ihm noch heute. Warum das Interesse ungebrochen ist, erklärt Joe Simpson folgendermaßen: „Die Geschichte beinhaltet Freundschaft, scheinbaren Betrug, großen Schmerz, große Angst, das Angesicht des Todes, Begnadigung vom Tod, erneuerte Freundschaft. Es ist eine Geschichte für jeden. Sie könnte überall spielen, in der Wüste, im Ozean, einfach überall. Die Menschen legen ihre eigenen Interpretationen in die Geschichte.“

        Macdonald geht noch einen Schritt weiter und plädiert für eine logische Verbindung zwischen dem modernen Leben und den rauen Überlebensgeschichten: „Ich glaube, da wir alle solche gemütlichen, warmen Leben leben, haben wir ein notwendiges psychologisches Bedürfnis entwickelt, von Menschen zu hören, die sich wirklich auf die Probe gestellt haben und bis zum Rand des Möglichen gegangen sind.“


        Abenteuer Neuland

        Ein weiteres Element verleiht dem Film seinen besonderen Reiz. Einige Gebiete des Siula Grande wurden noch nie zuvor gefilmt. Das allein ist für den Regisseur schon ein Abenteuer gewesen: „Fast alles in der Welt wurde schon gefilmt. Etwas völlig Neues zu entdecken war sehr spannend. Davon gibt es im Film einiges – allein in Hinblick auf die Landschaft: Atemberaubend schön, inspirierend und auch sehr beängstigend – ich hatte wirklich Albträume deswegen. Für mich war es eine sehr starke Erfahrung, filmisch noch unberührtes Gebiet zu betreten.“


        Motivation eines Extrembergsteigers

        Der Film bietet einen tiefen Einblick in die Motivation von Bergsteigern wie Simpson und Yates. Für viele ist es schwer verständlich, warum Kletterer sich selbst in derart gefährliche und oft ausweglose Situationen begeben. Simpson kennt viele Gründe, die oft sehr komplex sind und kaum in Worte gefasst werden können. Er sieht seine Schmerzen und Ängste, die er durchlebt hat, philosophisch - als eine mentale und physische Erforschung des Selbst: „Wenn du in der Nähe des Todes bist, bekommst du eine viel klarere Perspektive davon, was wirklich wichtig ist. Es ist nicht deine Hypothek und es ist nicht dein Job. Es ist allein die Tatsache, dass du da bist. Du fühlst dich lebendiger, wenn du in Gefahr bist, weil dein gesamter Körper sich auf Kämpfen und Fliehen einstellt. Du bist getuned, das Richtige im Richtigen Moment zu tun, um in Kontrolle zu bleiben – geistig und physisch – nur um vom Berg runter zu kommen. Wenn dir so etwas passiert, ändert sich deine Perspektive und du weiß, was es heißt zu leben. Aber dann verblasst es wieder und du musst zurückgehen und es wieder tun.“

        Es entsteht oftmals ein Teufelskreis. Um den gleichen Effekt und ein ebenbürtiges Abenteuer zu erleben, muss man die Herausforderung erhöhen. Diese Motivation bringt Tausende von Kletterern dazu, die unfreundlichsten und doch schönsten Regionen der Erde aufzusuchen. Sturz ins Leere fängt dieses Bedürfnis mit atemberaubenden Szenen ein. Die Geschichte berührt aber auch philosophische Fragen und lässt sein offensichtliches Thema „Bergsteigen“ weit hinter sich.

        Für die gesamte Crew waren die Dreharbeiten eine enorme Herausforderung auf allen Ebenen, aber in seiner Vollendung ein immens bereicherndes Erlebnis.

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