Zwei Tage Fußmarsch von der letzten Straße entfernt schlagen die zwei Freunde Joe Simpson und Simon Yates in der Wildnis der peruanischen Anden ihr Basiscamp auf. Richard Hawking, ein flüchtiger Bekannter und Weltenbummler, bewacht für sie das Zelt auf 4570 Metern Höhe am Fuße des Siula Grande. Die beiden britischen Bergsteiger brechen zur Erstbegehung der Westwand des majestätische 6356 Meter hohen Riesen auf. Simon ist 21 Jahre alt, Joe 25. Es ist der 20. Mai 1985.
Der Siula Grande liegt hinter dem Berg Sarapo versteckt und ist zuerst nicht zu sehen. Er war 1936 erstmals von zwei Deutschen geklettert worden. Seitdem hatte es wenige Begehungen gegeben. Das Prunkstück des Siula Grande, die einschüchternde, fast 1400 Meter hohe Westwand, hatte bis jetzt jedem Kletterversuch getrotzt. Joe: „Wir wussten, dass einige vor uns gescheitert waren, aber mein Gefühl sagte mir, gut, wir machen das einfach! - Von Nahem sah es aber härter aus, als ich gedacht hatte.“
Die beiden erfahrenen Bergsteiger klettern unter gefährlichsten Bedingungen: Eine spezielle Art Pulverschnee, eine Besonderheit der Anden, erschwert den Anstieg. Nur durch enorme Kraftanstrengungen ist festes Eis zum sicheren Einschlagen der Eispickel unter dem Pulverschnee zu finden. Nach dreieinhalb Tagen erreichen sie den Gipfel. Euphorisch umarmen sie sich. Der Abstieg sollte kein Problem mehr sein. Doch das wahre Abenteuer liegt noch vor ihnen... Das Gas geht aus. Eine solche Tour erfordert täglich vier bis fünf Liter Flüssigkeit, um nicht zu dehydrieren. Der Schnee muss dazu geschmolzen werden, ihn nur zu essen, nützt nichts.
4.Tag
Joe versucht seinen Eispickel an einer Klippe perfekt zu platzieren. Das Eis kracht verräterisch. Er stürzt ab. Die Wucht des Aufschlags zerschmettert sein Kniegelenk – in den Anden ein Todesurteil. Die Situation ist hoffnungslos. Beide wissen das. Voller Furcht erwartet Joe, dass Simon ihn zurücklassen wird. Aber sein Freund startet eine beispiellose Ein-Mann-Rettungsaktion. Er bindet beide Seile zusammen und seilt Joe den Abhang herunter, ohne selbst gesichert zu sein. Die Wetterbedingungen sind miserabel. Schneegestöber machen Sicht und Kommunikation unmöglich. Ohne Nahrung und Wasser sind beide ernsthaft dehydriert und am körperlichen Limit. Die Unterkühlung hat bereits eingesetzt. Simon kann auf Joes Schmerzen keine Rücksicht nehmen, sein Knie schlägt qualvoll gegen die Eiswand beim Ablassen. Die drohende Dämmerung zwingt sie zur Eile. Die zweite Katastrophe passiert. Joe stürzt über einen verborgenen Abhang und bleibt in der freien Luft hängen. Genau unter ihm liegt eine bedrohlich tiefe Gletscherspalte. Er versucht vergeblich, mit Hilfe der Prusik-Technik1 das Seil hochzuklettern. Nur wenn er sein Gewicht vom Seil nimmt und festen Boden unter den Füßen hat, kann Simon nachkommen. Aber seine Hände sind steif gefroren. Er hängt hilflos in der schneedurchstürmten Luft und wartet auf den Tod. Simon hält das Seil eine Stunde - ohne zu wissen, was passiert sein könnte – bis sein ungesicherter Stand instabil wird. Er rutscht auf den Abhang zu und muss eine folgenschwere Entscheidung fällen, um zu überleben. Er schneidet das Seil durch... Joe stürzt in die Leere.
5.Tag
Simon seilt sich ab und kann erst jetzt erkennen, dass Joe in die Gletscherspalte gefallen sein muss. Er hält seinen Freund definitiv für tot. Simon erreicht das Basiscamp - physisch und psychisch am Ende. Obwohl er keine andere Wahl hatte, martert ihn sein Gewissen. Die folgenden Tage wird er versuchen, den Berg und das Erlebte mit Quellwasser von sich abzuwaschen. Aber der Berg lässt ihn nicht los, er kann noch nicht in die Zivilisation zurück.
Tief in der Gletscherspalte kommt Joe wieder zu sich, ungläubig überlebt zu haben und in verzweifelter Lage... Er ist auf einer schrägen Eiskante gelandet und rutscht. Es ist dunkel. Das Eis knarrt. Er schreit verzweifelt nach Simon, aber niemand kann ihn hören. Er zieht das Seil ein und sieht, dass es durchgeschnitten wurde. Die Eiswände gehen überhängend nach oben. Sie sind für ihn nicht zu klettern. Ein Alptraum aus Einsamkeit, Wut, Schmerz und Verzweiflung lässt ihn die Kontrolle verlieren. Er kann in diesem Mausoleum aus Eis nicht auf seinen sicheren Tod warten. Joe hat eine riskante Idee mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Er versucht, sich in die Gletscherspalte weiter abzuseilen, um einen Ausweg zu finden. Plötzlich durchbrechen Sonnenstrahlen die Dunkelheit. Ein Dach aus Eis geht von der Gletscherspalte ab und führt zu einer Öffnung ins Freie. Er robbt über das brüchige Eis ans Tageslicht.
6.Tag
Joes Erleichterung verfliegt, als die Wolken sich auflösen und er den Weg zum Basiscamp vor sich liegen sieht. Was da vor ihm liegt, ist schlicht nicht zu meistern. Um nicht zu verzweifeln, setzt er sich kleine Ziele. Er fixiert einen Punkt und nimmt sich vor, einen kleinen Abschnitt der Strecke in 20 Minuten zu schaffen. Er robbt im Schneckentempo über das brüchige Eis des Gletschers, bis er an ein Felsenmeer kommt. Er schützt mit seiner Isomatte das gebrochene Knie und humpelt weiter, gestützt auf einen Eispickel, dessen Spitze auf den Steinen abrutscht. Jeder winzige Schritt verlangt enorme Willenskraft und endet mit dem Gesicht auf dem Boden. Eine endlose Tortur.
7. Tag
Joe: „Ich fühlte mich völlig verlassen. Ich wollte mit jemandem zusammen sein, wenn ich sterbe. Das war der einzige Grund, warum ich weiter machte – obwohl ich schon lange nicht mehr daran glaubte, es jemals schaffen zu können...“ Joe robbt über die letzte Moräne, in der Hoffnung von dort aus das Zelt sehen zu können. Doch dann versperrt Nebel die Sicht. Ihm wird schlagartig klar, dass er Simon vor Tagen zum letzten Mal gesehen hat und das Camp wahrscheinlich schon abgebrochen ist. Er stürzt in eine seelische Leere und halluziniert in der Nacht. Ein Lied von Boney M, das er nie leiden konnte, quält ihn als Endlosschleife im Kopf. Als er wieder aufwacht, hat er eine enorme Strecke im Delirium zurückgelegt und ist in der Nähe des Zelts. Er ruft nach Simon. Keine Antwort. Joe: „Ich wusste, das ist es. Weiter geht das Spiel nicht. Als keine Antwort von Simon kam, habe ich alles verloren. Ich habe mich selbst verloren.“ Richard und Simon hören im Zelt Joes Stimme. Aber er konnte es nicht sein. Er war tot. Unter Schock gehen sie nach draußen und finden Joe, von den Strapazen bis zur Unkenntlichkeit verstellt. Joe: „Ich begriff erst, als Simon mich hochhob... dieses Gefühl, gehalten zu werden, ist alles, woran ich mich noch erinnere.“