In den letzten 20 Jahren gab es jede Menge Dokumentationen und Spekulati-onen über verschiedene Methoden der Verfolgung und Aufzeichnung von Stimmen Verstorbener. Diese Übertra-gungen, aufgenommen von Audiogerä-ten und anderen alltäglichen elektroni-schen Einrichtungen, wurden unter dem Begriff „Electronic Voice Phenomenon“, oder EVP, bekannt. Der Kontakt mit den Toten kommt über Fernseh-, Radio- und Computerfrequenzen zustande – vielfach als das „weiße Rauschen“ bezeichnet – die von Menschen in unserer physischen Welt empfangen und interpretiert wer-den.
EVP ist sehr viel mehr als nur eine nette Idee, die sich Filmemacher in Holly-wood ausgedacht haben, um damit einen übernatürlichen Thriller wie „White Noise – Schreie aus dem Jenseits“ zu produzieren. Es ist ein vielfach unter-suchtes, immer weiter verbreitetes aber bisher eher im Hintergrund existierendes paranormales Phänomen, das Anhänger in aller Welt hat. Sucht man im Internet nach dem Begriff „EVP“, bekommt man Tausende von Treffern und Webseiten angezeigt, von denen viele Fotografien oder Audio- und Videoclips von EVP-Begegnungen präsentieren.
Eine Vielzahl von Organisationen welt-weit, die sich das Phänomen für Zwecke wie Geisteruntersuchungen und Trauer-bewältigung zu eigen machen, befasst sich mit der Forschung über EVP. Glaubt man diesen Gruppen, dann zeichnen Tausende von Leuten tagtäg-lich Beweise für die Kommunikation mit Verstorbenen auf. Sie behaupten außer-dem, dass zusätzlich zu den Stimmen, die im weißen Rauschen von Fernseh- und Radiogeräten eingefangen werden, die Bilder derjenigen zu denen diese Stimmen gehören, regelmäßig in Foto-grafien zu sehen sind – über einen Pro-zess, den man als „Video or Pho-tographic Instrumental Transcommuni-cation“ (ITC) bezeichnet. Der gemein-same Nenner bei all diesen unterschied-lichen Organisationen und Gruppen ist der feste Glaube daran, dass diejenigen in anderen Dimensionen unbedingt mit uns kommunizieren wollen, und sich dazu moderner Technologien bedienen.
Die erste Webseite, die man bei der Su-che nach Aufzeichnungen und Beweisen für EVP-Begegnungen wahrscheinlich finden wird, ist die der American Asso-ciation of Electronic Voice Phenomena (www.aaevp.com). Die Seite wird von dem Ehepaar Tom und Lisa Butler ge-managt, den Vorsitzenden der Vereini-gung, die selbst einen großen Teil ihrer Zeit und Energie in die Welt des Para-normalen investieren.
Wie kamen sie dazu, sich mit der Welt der Spiritisten, Medien und Geister aus einer anderen Dimension zu beschäfti-gen? „Also, eigentlich waren wir norma-le Angestellte“, erzählt Lisa darüber, was nach ihrem und Toms Umzug nach Kan-sas vor 15 Jahren passierte, „Tom schrieb gerade ein Buch, ich arbeitete im höheren Management – und wir wohnten in Kansas City, eine Stadt, in der man über paranormale Dinge besser schweigt. Aber es ist ja nicht gerade Kalifornien, es ist ziemlich feucht, und gutes Wetter gibt es nur in zwei Monaten im Jahr, also hat man viel Zeit zum Lesen und solche Dinge.“
„Dabei stieß ich auf ein Buch mit dem Titel „Voices Of Eternity“ von Sarah Estep und las es. Und ich dachte, ich wusste, dass das Buch recht hatte – ich hatte ein Gefühl im Bauch, das mir sag-te, man könne paranormale Stimmen auf Band aufzeichnen. Und wenn ich jetzt so zurückschaue – ich war ein bodenständi-ger Mensch, warum in aller Welt sollte ich so etwas Lächerliches glauben? – ich glaube daran und es dauerte etwa ein Jahr, bis ich den Mut hatte, etwas aufzu-nehmen, denn ich war nicht sicher, ob ich mir damit nicht etwas Unerwünsch-tes ins Haus holen würde.“
Lisa folgte dem Weg der Autorin des Buches, Estep, die sieben Tage lang Aufzeichnungen gemacht hatte. Am drit-ten Tag entschlüsselte Lisa eine Stimme, die sie auf einem Band eingefangen hat-te. Von da an wurde sie zu einer Gläubi-gen. „Das war die erste EVP-Begegnung, die ich hatte. Glücklicher-weise war es an einem Samstag, denn ich konnte bis zum nächsten Tag kein Auge zutun! Mittlerweile machen wir das seit 15 Jahren und stoßen noch im-mer auf spannende Dinge, und es ist noch immer sehr interessant... aber die-ses erste Mal, nichts ist damit vergleich-bar, denn es verändert die eigene Reali-tät. Was ist das, wie kann diese Stimme hierher kommen?“
Tom, der technisch orientierte der beiden (und daher der skeptischere), fügt hinzu: „Lisa ist für mich in diesen Bereichen wie eine Art Navigator. Ich bin Elektro-nikingenieur und damals war ich sehr beschäftigt mit den Dingen, die ich für meinen Arbeitgeber erledigen musste. Als sie mir von dem Buch und von EVP erzählte, war es weniger mein eigenes Gefühl, dem ich folgte, als vielmehr das Gefühl, Lisa zu vertrauen. Ich erkannte, dass es da irgendwelche Modulationen in den Tönen gab, die sie mir vorspielte. Als Ingenieur weiß ich, wie Töne modu-liert werden, und ich wusste, das hätte an dieser Stelle nicht passieren dürfen, aber es war da. Ich verstand es zu Beginn nicht wirklich. Allmählich, nachdem ich die erste Stimme gehört hatte, versuchte ich, das Ganze mehr und mehr zu unter-stützen. Und man kommt an einen Punkt, da ist dieses Phänomen ein per-fekter Beweis, dass man weiterlebt – so viele Dinge ergeben sich daraus, denn es geht nicht mehr nur um EVP als solches, sondern um eine Lebenseinstellung.“
Während Lisa ihre schockierende Er-kenntnis am Hören dieser ersten Stimme festmacht, war es für eine sehr viel spä-tere Aufnahme, die sie tief im Innern traf: „Vor etwa fünf Jahren habe ich meine Mutter verloren, und sie wusste noch nicht einmal, dass wir uns mit die-ser Sache befassen. Sie hatte sehr gegen-sätzliche religiöse Ansichten, und wir respektierten das – ich wollte sie nicht beunruhigen, und daher haben wir nie-mals mit ihr über unser Engagement im Bereich EVP gesprochen. Dann hatten Tom und ich eine Präsentation bei einer Spiritisten-Konferenz. Vor einer Präsen-tation führen wir oft Aufnahmen durch und stellen Fragen, die die Anwesenden interessieren könnten und versuchen, den Leuten das Phänomen EVP zugänglicher und spannender zu vermitteln. Und am Ende jeder Sitzung frage ich immer, ‚Möchtest du noch etwas sagen?’. Und als wir die Aufnahme abspielten, da war da die Stimme meiner Mutter, die sagte ’Ich vermisse dich, Lisa’.“
Tom erinnert sich: „Lisa holte die Auf-zeichnung hervor und bat mich, sie an-zuhören, ohne mir zu sagen, was es war, und ich hörte es klar und deutlich. Nicht nur, dass ich das Gesagte verstand, ich erkannte auch sofort die Stimme ihrer Mutter.“
Lisa fährt fort: „Zum damaligen Zeit-punkt hatten wir uns seit zwölf Jahren mit EVP-Aufzeichnungen beschäftigt – und sie meldete sich dann mehrmals. Es ging um einige sehr emotionale Dinge im Bezug auf ihren Tod, und es war ihr wirklich wichtig, mich zu erreichen. Für mich bedeutete es einen unglaublichen Heilungsprozess.
Seit der ersten Aufnahme-Session vor 15 Jahren ist EVP zu einem festen Bestand-teil im Leben der Butlers geworden, und wenn man ihnen zuhört, dann manifes-tiert sich das Konzept der Kommunikati-on mit Wesen „auf der anderen Seite“ als etwas, dass sich der Vorstellungskraft der Menschen bemächtigt.
„Wenn man EVP googelt“, sagt Tom, „findet man heraus, dass fast jede größe-re Gemeinde einen oder mehrere Geis-terclubs hat, und die alle präsentieren Beispiele – manchmal sehr gute Beispie-le – von EVP auf ihren Webseiten. Wir selbst sind gar nicht so groß; die AAEVP hat etwa 300 Mitglieder in den USA und in 15 anderen Ländern, denn es gibt noch viele andere Vereinigungen, wie eben solche Geisterclubs. Die deutsche Gruppe hat 700, die französische 1700 und die Gruppe in Brasilien 3000 Mit-glieder. In den USA gibt es außerdem viele Leute, die im Verborgenen bleiben und sich keiner Gruppe anschließen, aber ihre eigenen Aufzeichnungen ma-chen.“
Die Verbindung zwischen fast allen die-sen Anhängern des Paranormalen ist der Wunsch, mit einem geliebten verstorbe-nen Menschen Kontakt aufzunehmen. Tom sagt: „Wenn sich Leute zum ersten Mal mit EVP beschäftigen, dann oft als Element der Trauerbewältigung, bei der man mit einem geliebten Menschen kommuniziert. EVP bietet ein wichtiges Hilfsmittel bei der Kommunikation mit der anderen Seite.“
„Als Ingenieur würde ich das Phänomen so erklären: Es sind Stimmen auf den Aufzeichnungsmedien, die sich nicht durch uns bekannte physikalische Prin-zipien erklären lassen. In aller Welt wer-den solche Aufnahmen gemacht, denn jeder Durchschnittsmensch kann das – es ist kein Ersatz für andere Methoden wie der Einsatz eines Mediums, es ist eher eine Ergänzung. Aber es gibt keine Ga-rantien dafür, dass man ein Aufnahme-gerät in die Hand nimmt und damit Kon-takt zum lange verstorbenen Onkel John aufnehmen kann. Andererseits ist es vie-len Leuten gelungen, ein Aufnahmegerät zu nehmen und damit eine Aufzeichnung zu machen... vielleicht so etwas wie ein ‚Ich vermisse dich’ oder ‚Ich liebe dich’ oder der Name eines verlorenen gelieb-ten Menschen, der sich auf der anderen Seite befindet.“
„Das ist eines der Dinge, die wir gelernt haben – eines der wichtigsten Dinge, die der Spiritualismus für eine Gemeinde leistet – es lehrt uns, zu erwarten, dass wir weiterleben. Man kann es als eine Art Lehre gegen Untergang und Ver-gänglichkeit sehen. In unserer Vereini-gung zumindest sind wir sehr stark dar-auf ausgerichtet, jedem begreiflich zu machen, dass EVP ein fundamentaler Beweis unseres Weiterlebens ist. Und wenn die Schlussfolgerung also lautet, dass wir sozusagen überleben, was dann? Wir hoffen, dass Menschen da-durch auf subtile Art und Weise verste-hen lernen, dass ihre Realität sehr viel mehr Ebenen hat als das, was sie genau in dieser Minute erleben. Wenn wir, in einem globalen Prozess des Umdenkens, sowohl intellektuell als auch emotional lernen, dass wir weiterexistieren und dass es eine Fortsetzung des Lebens gibt – dann würden wir uns wahrscheinlich entsprechend verhalten.
Nach den Erklärungszwängen gefragt, die sich bei EVP im Bezug auf die allge-genwärtigen Gesetze der anerkannten Wissenschaften auftun, sagt Tom nur: „Eine Menge dieser Regeln, die für uns als normal gelten, scheinen durch diese Stimmen außer Kraft gesetzt.“