FILMDETAILS | Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Drama,
Krimi
| Deutschland / Frankreich / Spanien / USA 2006
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| Das Handwerk
Für einen Historienfilm ist die fundierte Recherche das Ein und Alles. "Nach wenigen Sekunden hat sich beim Zuschauer eine Realität etabliert, die so echt und intensiv ist, dass man sofort die Distanz gegenüber der zunächst fremden Epoche des 18. Jahrhunderts verliert. Wir wollten einen Film mit maximalem Grip realisieren: Der Zuschauer soll sich ganz auf die Geschichte konzentrieren können, ohne von den durchaus vorhandenen und imposanten 'Schauwerten' abgelenkt zu werden", konstatiert Regisseur Tykwer.
Hauptverantwortlich für die Recherchen waren vor allem Tykwers langjähriger Mitstreiter Uli Hanisch und der französische Kostümbildner Pierre-Yves Gayraud. "Am Anfang waren wir wochenlang mit der Sichtung von zeitgenössischen Bildern und dem Studieren von Literatur über das 18. Jahrhundert zur Zeit des französischen Königs Ludwig XV. beschäftigt", berichtet Production Designer Hanisch. Es galt, sich mit dieser speziellen Rokoko-Periode vertraut zu machen, um wiederum einen Hintergrund für die Visualisierung der Romanhandlung zu erhalten. "Das 18. Jahrhundert liegt als historische Epoche vor dem uns eher vertrauten 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, als die Elektrizität und die großen Maschinen langsam den Alltag beherrschten", erläutert Hanisch weiter. Außerdem mussten sich die Filmemacher mit der ganz eigenen Welt der weitgehend immer noch geheimgehaltenen Parfumherstellung vertraut machen – und sich darüber hinaus in eine Zeit versetzen, als es noch keine modernen Hochleistungs-Laboratorien gab. In einer Gerberei in Deutschland, die noch zum großen Teil auf traditionelle Weise Tierhäute zu Leder verarbeitet, bekamen die Rechercheure zudem einen guten Einblick in das gesundheitsgefährdende Handwerk, an dem im Drehbuch und im Roman der jugendliche Grenouille beinahe zugrunde gegangen wäre.
"Da die Geschichte nun einmal in Paris und in Südfrankreich um die Mitte des 18. Jahrhunderts spielt, mussten wir lernen, was das für eine Epoche war und was 'Louis Quinze' bedeutet, was damals für Lebensziele und Benimmstile herrschten und so weiter. Das für mich Interessante an der Romanvorlage war aber, dass der Autor Patrick Süskind das damalige Leben weniger aus der Perspektive der High Society beschrieben hat. Natürlich existiert die reiche und noble Welt eines Kaufmanns Richis mit edlen Kleidern und großen Gesellschaften, aber diese Welt, die von Grenouille zumeist von außen betrachtet wird, macht bei uns im Film vielleicht nur fünf Prozent aus. Buch und Film beschäftigen sich vielmehr mit der historischen Realität von unten, also mit der Lower und Middle Class um die Mitte des 18. Jahrhunderts", rekapituliert Tykwer.
Für die "Heads of Departments" Hanisch, Tykwer und Griebe, verwandelte sich dieses vorindustrielle 18. Jahrhundert, in dessen 30er bis 60er Jahren die Buch- sowie Filmhandlung angesiedelt ist, im Laufe der Recherchen zu einer dunklen, dem finsteren Mittelalter ähnelnden Epoche. Einerseits, weil ausreichende Lichtquellen Mangelware waren und andererseits, weil auch die Story letztlich eine düstere Grundlage aufweist. "Unser Film hat eine eindeutige Ästhetik, die ziemlich dunkel ist und von einem Schattenwesen erzählt. Wir haben uns an Malern orientiert, die in der Vergangenheit stark mit der Dunkelheit gearbeitet haben und nur wenige Lichtquellen nutzten, etwa Caravaggio, Joseph Wright of Derby oder Rembrandt. Die Menschen hatten damals eben nur eine Kerze und keine elektrische Notbeleuchtung. Außerhalb des Lichts war der Rest ihrer Welt total schwarz", stellt Regisseur Tykwer fest.
Da hätte es dann auch keinesfalls gepasst, wenn die zeitgenössischen Kostüme – vor allem der unteren Schichten – sauber strahlend kontrastiert hätten. "Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass DAS PARFUM kein steriler Film wird, für den ein ambitionierter Schneider die Kleider picobello nachschneidert, in die wiederum die Schauspieler erst fünf Minuten vor Drehbeginn hineinschlüpfen", so Tykwer. Mit dem französischen Kostümdesigner Pierre-Yves Gayraud kam ein genialer Kenner dieser historischen Epoche hinzu. Die Literatur und der Besuch etlicher Pariser Museen inspirierten ihn ausreichend, um die Mode und die Alltagskleidung von Pariser und südfranzösischen Zeitgenossen um das Jahr 1750 nachzukreieren, nicht nur für den glamourösen Adel, sondern auch für die Bauern und Handwerker. "Bereits ein Jahr vor Drehstart habe ich mich 15 Wochen lang intensiv vorbereitet, habe eine Menge Bücher und Aufsätze verschlungen und schließlich ein Buch mit zeitgenössischen Motiven und einigen Modellskizzen sowie eine Art Kostüm-Storyboard für alle Sequenzen angefertigt", listet Gayraud seine Tätigkeiten für die Zeit der Prä-Produktionsphase auf.
Dabei musste er sich natürlich auch an den im Drehbuch vorgegebenen Charakteren orientieren. Der geruchslose Außenseiter Grenouille durfte also keineswegs in exaltiertem, farbenfrohen Gewand dahergekommen: "Da wir Grenouille als Schatten, als Chamäleon zeigen wollten, erhielt er keine weißen Farben und der Schnitt seiner zumeist blauen Überbekleidung musste den ganzen Film über einfach gehalten sein." Demgegenüber entschied sich Gayraud, die anmutige und unschuldige Kaufmannstochter Laura sinnigerweise nicht mit der damals farbenfrohen volkstümlichen Tracht einer im sonnigen Südfrankreich beheimateten jungen Frau auszustaffieren, sondern im aristokratischen, farblich wesentlich reduzierteren "Pariser Look". Ein Grund für diese Wahl war auch die rote Haarfarbe der Laura-Darstellerin Rachel Hurd-Wood, mit der ihre Kostüme kontrastieren mussten.
Anschließend fiel Gayraud die Aufgabe zu, geeignete Stoffe zu besorgen und eine Produktionsstätte für die Schneiderarbeiten zu finden. Die Produktion entschied sich für Rumänien, wo auch der größte Teil der Stoffe eingekauft wurde. In Handwerksbetrieben in und um die rumänische Hauptstadt Bukarest wurden schließlich in einer Rekordzeit von nur drei Monaten über 1400 Kostüme pünktlich zum Drehbeginn fertig gestellt – von den Accessoires wie Hüten, Schuhen oder Taschentüchern ganz zu schweigen. Allerdings durfte kein Kleidungsstück neu aussehen: "Unsere Klamotten sollten regelrecht im Dreck und Schweiß stehen und sahen dementsprechend aus... Nachdem die Kleidungsstücke fertig waren, haben wir sie erst einmal total verdreckt. Dieser "Breaking-Down-Prozess" war sicher die größte Arbeit bei der Kostümherstellung", berichtet Tykwer. Zudem mussten die Darsteller die Kleidungsstücke vorher mehrmals anziehen und quasi darin leben. Tykwer: "Somit kannten die Schauspieler ihre Kostüme bald in- und auswendig."
Auch die rückwirkende Verschmutzung sollte mithelfen, den menschlichen und artifiziellen Geruch – eine wesentliche inhaltliche Komponente des Originalromans – für das optische Medium Film "sichtbar" zu machen. "In der Literatur muss natürlich immer mit sinnlichen Übertragungen gearbeitet werden, da ein Buch in der Regel nicht riecht." Für Tykwer allerdings hat der Film genauso eine "Sprache wie die mit gedruckten Wörtern umgehende Literatur. Unser Film musste daher vor allem eine haptische Qualität entwickeln, anfassbar sein. Das heißt, der Zuschauer soll wirklich mit dem Kopf des Kindes Grenouille direkt in die Gülle des Pariser Fischmarkts hineingeboren werden. Das ist sicherlich kein Bild, das man so schon mal auf der Leinwand gesehen hat. Und von diesen Bildern gibt es viele", erzählt Tykwer.
Eichinger fügt hinzu: „Im Prinzip sind wir genauso zu Werke gegangen wie es Patrick Süskind im Roman gemacht hat: Er wendete die klare und exakte Macht der Sprache an, und wir haben die Macht der Bilder, der Geräusche und der Musik genutzt. Das heißt dann aber auch für den Film: absolute Präzision. Um ein Beispiel zu nennen: Wie erreiche ich, dass sich der Zuschauer vorstellen kann, wie eine Baumrinde riecht? Das geht nicht über Special Effects, sondern dadurch, dass ich einen Baum eben naturgetreu abfilme, damit er quasi Geruch entwickelt. Als technische Vorbilder lassen sich hier sogar Kinowerbefilme heranziehen. Hier werden eigentlich auch nur wenig Spezialeffekte eingesetzt, so dampft etwa bei einer Kaffee-Werbung das Getränk zwar, aber Riechen kann man es nicht. Doch irgendwann bekommt der Betrachter das Gefühl, dass dieser Kaffee eben doch 'riecht'. Wir haben also vieles unternommen, um dieses Gefühl zu unterstützen. Wenn man eine Wiese im Sonnenlicht filmt oder auch nur eine einzelne Blume, erfordert es eigentlich nur eine große optische Präzision, um deren Gerüche im wahrsten Wortsinne abzubilden."
Nachdem sich Produzent, Regisseur und die Crew-Experten über das "Was?" und das "Womit?" einig geworden waren, musste das "Wo?", also die passenden Locations für die über 100 Motive der komplexen Romanhandlung, gefunden werden, die an einem der dreckigsten Orte des damaligen Europas, dem Pariser Fischmarkt, ebenso aber auch in der sonnigen südfranzösischen Parfummetropole Grasse angesiedelt ist. Zunächst war Kroatien mit seiner urwüchsigen Landschaft und seinen mitunter kaum renovierten Ortschaften im Gespräch. Auch an Frankreich hatten die Filmemacher als originalen Drehort gedacht, nur sieht zum Beispiel Paris heutzutage ganz anders aus. Zudem wollte man bei einer von den Motiven derart verwirrend angelegten Story auf zeitraubende und kostspielige An- und Abreisen verzichten. So entschied sich das Team letztendlich für Spanien.
In Barcelona und den im Umkreis von 200 Kilometern befindlichen Orten Girona und Figueras fand man schließlich Straßenzüge und Plätze, die mit vergleichbar geringem Aufwand à la "Louis Quinze" hergerichtet werden konnten. Zudem zeigte sich der Bürgermeister von Barcelona dem Team rundherum entgegenkommend. "Barcelona hat uns Plätze und Straßen im "Barrio Gótico" tagelang für die Dreharbeiten zugänglich gemacht, was mit Sperrungen des Marienplatzes, der Kaufingerstraße und des Viktualienmarktes in München vergleichbar wäre. Darüber hinaus wurde uns zum Beispiel auch ermöglicht im Museumsdorf "Pueblo Español" die Szene der verhinderten Hinrichtung Grenouilles zu drehen. Diese Szene, die in eine Orgie ausartet, wurde eine geschlagene Woche mit 750 Komparsen, unterstützt von 40 Make-up- und 35 Garderoben-Helfern, gedreht", erzählt Christine Rothe, die als Herstellungsleiterin die Produktion betreute.
Es ist das spektakuläre Finale des Films: Hasserfüllt erwarten Tausende von Menschen Grenouilles Hinrichtung, doch als er endlich vor ihren Augen aus der Kutsche steigt, verwandeln sich ihre Gefühle – ausgelöst durch Grenouilles Parfum – zunächst in überraschte Sympathie, dann Zuwendung, dann Bewunderung, und schließlich in hemmungslose Hingabe. Die Szene endet in einem Liebesrausch, in welchem alle Menschen, die sich auf dem Stadtplatz befinden, übereinander herfallen, sich entkleiden und in einer gigantischen erotischen Umarmung versinken. "Das bedeutete eine schier unlösbare Aufgabe für die emotionale Dramaturgie, denn ob die Gefühlsentwicklung, die hier gezeigt werden soll, überzeugen würde, hing von Hunderten von schauspielerisch unerfahrenen Statisten ab: in ihren Gesichtern und in ihrer Körpersprache musste sich diese unglaubliche Transformation plausibel abbilden. Für mich stellte sich also die Frage: ’Wie kriegen wir das hin?’", erinnert sich Tom Tykwer. "Ich hatte diese Sequenz immer als eine Art Choreographie vor Augen, fast wie eine emotionale Tanz-Performance – nur natürlich zugleich so naturalistisch wie möglich".
Schließlich fiel Tykwer ein, dass eine der berühmtesten Tanztheater-Gruppen Europas, "La Fura dels Baus", ihr Domizil in Barcelona hat und da er ein langjähriger Bewunderer ihrer Arbeit war, rief er kurzerhand dort an – und stieß sofort auf Begeisterung. "La Fura"-Projektleiter Jürgen Müller und sein Assistent Lluis Fuster rekrutierten aus ihrem Ensemble etwa 50 "key players", man ergänzte diese um etwa 100 etwas erfahrenere Talente – junge Schauspieler und routinierte Komparsen – und konnte mit dieser "center group" von ca. 150 Darstellern das Kraftfeld für die große Menge einschwören. In ausführlichen Proben wurden schließlich die restlichen 600 Komparsen um diese Schlüsselgruppe angeordnet – und an eine Szene herangeführt, in der sie nicht nur starke Gefühle zeigen, sondern sich auch noch (gegenseitig) nackt ausziehen und schließlich umschlingen mussten. Allein das Ausziehen der komplizierten historischen Kleidung musste separat lange getestet werden, damit es vor der Kamera nicht allzu umständlich aussah. Ganz zu schweigen von der Herausforderung an alle Beteiligten in Bezug auf das, was danach geschehen sollte...
"Für mich waren die 750 Menschen, die uns diese außergewöhnliche Performance geschenkt haben, ein Wunder – wie ein weiterer großer Hauptdarsteller des Films", so Tykwer. "Und ’La Fura dels Baus’ haben uns unglaublich dabei geholfen, die überraschende Explosion dieses Rausches im Film einzufangen. "