FILMDETAILS | Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Drama,
Krimi
| Deutschland / Frankreich / Spanien / USA 2006
WERBUNG
| Der Schmutz
"DAS PARFUM ist ein Roadmovie, weil Grenouille die ganze Zeit auf Reisen ist und von Station zu Station wechselt", fasst Regisseur Tom Tykwer die räumliche Struktur der Handlung zusammen. "Vom Waisenhaus kommt Grenouille in die Pariser Gerberei, dann zu seinem Lehrmeister Baldini, später geht er in die Berge, verschwindet in einer Höhle, und wandert schließlich nach Grasse, wo die Mordserie ihren eigentlichen Anfang nimmt. Gerade wegen der vielen Motive ist der Film einzigartig. Alle im Roman vorgelegten Motive mussten eigens hergestellt werden, um das 18. Jahrhundert detailgetreu nachzubilden, denn es war ja nichts da!" So sind zum Beispiel alle, "wirklich alle" Knöpfe der Upper-Class-Kostüme im Film mit zeitgenössischen Motiven handbemalt worden. Oder die Präparierung von über Tausend Parfumflakons, die ebenfalls in Handarbeit mit einer farbigen Flüssigkeit – natürlich keinem echten Parfum – aufgefüllt wurden. Zudem wurden für die entsprechenden Parfumerie-Szenen 150 Flakons eigens hergestellt, die so romantische Bezeichnungen wie "Amor and Psyche" oder "Night in Naples" trugen.
Bei der Location-Auswahl aber war das Drehteam auf ein Eldorado gestoßen. Beflügelt von der auch offiziell bekundeten Gastfreundschaft Barcelonas, wurde dort im Spätsommer 2005 unter gewaltigem logistischen Aufwand der historische Stadtkern, das Barrio Gótico, in den "schmutzigsten Fleck der dreckigsten Metropole Europas im 18. Jahrhundert" (Herstellungsleiterin Rothe) verwandelt: den Pariser Fischmarkt. Neben weiteren Pariser Gassen und Straßen und der Parfumerie Pelissier als Grenouilles erstem Duft-Erlebnis, wurden in Barcelona auch wichtige Motive aus Grasse realisiert, darunter Richis Villa, die Kathedrale oder – wie bereits erwähnt – der große Platz im Museumsdorf, auf dem Grenouille hingerichtet werden soll. Bis zu 350 Crewmitarbeiter waren an 29 Drehtagen in Barcelona damit beschäftigt, Komparsen und Schauspieler einzuweisen, einzukleiden, zu verpflegen oder die Technik am Laufen zu halten.
Allein an den Aufbauten waren bis zu 100 Mitarbeiter beschäftigt. Hier behalf man sich im "gotischen Viertel" Barcelonas bei etwaiger allzu intensiv vorherrschender Modernität mit großflächigen Latexfolien, die vor die Häuser und anderen Gebäude gespannt wurden, um unpassende Accessoires wie Elektrokabel oder moderne Fensterrahmen abzudecken.
Doch all diese Mammut-Anstrengungen an Manpower und Equipment waren nichts im Vergleich zu dem, was Filmemacher Tom Tykwer außerdem vollbringen wollte. "Tom wollte einen wirklichkeitsgetreuen Film, keine Kostümshow", konstatiert sein Kostümbildner Pierre-Yves Gayraud eher entschuldigend, und daher beließ es Tykwer auch nicht bei der gewollten Ruinierung der über 1000 Kostüme. Nein, die so genannte Dirt Unit musste her. Das waren rund 60 junge Helfer, die per Schlauch und Eimer Dreck und Müll unterschiedlichster Art an den unterschiedlichsten Plätzen der Stadt verteilten – und am Ende auch wieder restlos "liquidieren" mussten, wie es im Film-Deutsch passenderweise heißt.
In der Rückschau hat der manische Realist Tom Tykwer nur Lob für seine Schmutz-Arbeit übrig: Als wir einen so nobel restaurierten Innenstadtplatz wie in Barcelona in den dreckigen und stinkenden Pariser Fischmarkt verwandelten, mussten dann erst einmal 2,5 Tonnen Fisch und eine Tonne Fleisch auf dem Platz verteilt werden, was nach kurzer Zeit ziemlich gestunken hat. Und dann musste das Ganze oft am selben Tag auch wieder weggeräumt werden. Wir hatten mitunter ganze Straßenzüge total verdreckt, konnten dort aber nur von 8 bis 12 Uhr drehen. Die Komparsen waren ihrerseits schon seit 1 Uhr morgens in der Maske und Garderobe, da alle ihre schlechten Zähne, ihr Make-up und ihre Frisuren bekommen mussten. Das dauerte dann schon mal über sechs Stunden. Und so verrückt war eigentlich fast jeder Tag." Darüber hinaus mussten die Statisten auch über ihre jeweiligen handwerklichen Tätigkeiten für die filmische Handlung gebrieft werden. "Sie waren entweder echte Profis, etwa Fischausnehmer, oder haben es extra für ihre Rolle gelernt."
Und auch für das Team von Make-Up & Hair Designer Waldemar Pokromski hieß die Herausforderung: Authentizität und Intensität. "Denn am Anfang ist das Make-up meist eher zu schön, so lernen es die Stylisten nun mal", berichtet Tykwer augenzwinkernd. Geholfen habe dann ein Durchs-geschminkte-Gesicht-Wischen, das Aufstrubbeln der Frisur oder das absichtliche Verrutschen der Kleidung.
Neben dem Aufenthalt in Barcelona war das Team aber auch noch für acht Tage im nicht weit entfernten Girona und für weitere 15 Tage in der Dalí-Stadt Figueras beschäftigt. Beide Orte liegen im nordöstlichen Zipfel Spaniens, unweit der Pyrenäen-Grenze zu Frankreich. In und um Girona wurden etliche Berg- und Waldlandschaften und Grasser Straßenzüge gefilmt, u.a. aber auch die in Paris verorteten privaten Räumlichkeiten der Madame Arnulfi, bei der Grenouille die aufwändige Kunst der Enfleurage lernt, also die Gewinnung von Duftstoffen aus Blüten. In Figueras wurden die schreckliche, todbringende Gerberei von Grimal und die Stadttore von Paris nachgestellt. Zudem nutzte das Team das dortige malerische Castillo de San Fernando, um Verlies und Folterkammer für den geschundenen Grenouille einzurichten. Und sogar die Höhle im französischen Zentralmassiv, in der Grenouille die Entdeckung seines Lebens macht (nämlich dass er keinerlei Eigengeruch aufweist), wurde in Figueras nachgebaut.
Alles in allem waren die Dreharbeiten trotz eines kameradschaftlichen und konstruktiven Arbeitsklimas an diesen malerischen Orten jedoch kein entspannter Badeurlaub. Vielmehr ging es äußerst rasant zu: Während der 52 Drehtage in Spanien konnte durchschnittlich nur ein halber Arbeitstag für jedes der rund 100 Motive aufgewendet werden. Da aber manche Szenen wie etwa die orgiastische Hinrichtungsszene mehrere Tage veranschlagten, musste sich das Team bei anderen Drehs dafür umso mehr sputen. Trotzdem hielt sich die Crew (außer bei der erwähnten Hinrichtung) laut Auskunft von Herstellungsleiterin Christine Rothe bei keinem Motiv länger als drei Tage am Stück auf.
Ein kompletter Studiodreh der gesamten filmischen Handlung kam für Tykwer und Eichinger von vornherein nicht in Frage. "Die 100 für den Film verwendeten Motive komplett im Studio aufzubauen hätte uns wahrscheinlich das Zehnfache gekostet. Wir hatten so viele Motive, 65 Straßenzüge und unzählige Räume, all das zu bauen wäre selbst für Hollywood zu teuer. Zudem wollte ich für die Außendrehs immer auf Originalmotive zurückgreifen, da es vor dem Hintergrund dieses intensiven Wirklichkeitsaspekts leichter war, dem Set Leben einzuhauchen", berichtet Tykwer.
Auf die Frage, wie man mit den zur Verfügung stehenden Geldern haushaltet, resümiert Produzent Bernd Eichinger: "Wichtig ist, clever zu arbeiten und nicht zu viel zu drehen, was dann später doch nicht verwendet werden kann. Man muss das Geld, das man hat, auch auf die Leinwand bringen und darf vor allem nicht versuchen, den einmal vorgegebenen Drehplan ohne Not auszudehnen. Ein clever, also wirtschaftlich betriebenes Produzieren hat weniger mit der Geldfrage als mit Professionalität und Weitsicht zu tun. Das fängt beim Drehbuch an, wo eben von Anfang an sinnvoll angelegte Bilder und Szenen hineingebracht werden müssen. Die Frage lautet also: ’Was brauche ich wirklich für einen Film, und was brauche ich nicht?’"