FILMDETAILS | Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
Drama,
Krimi
| Deutschland / Frankreich / Spanien / USA 2006
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| Die Kunst
Da hatten es die Hauptdarsteller Dustin Hoffman und Ben Whishaw natürlich ungemein leichter, denn sie konnten Mitte Juli 2005 zwei volle Wochen lang abgeschirmt im Münchner Studio miteinander arbeiten und hatten davor sogar eine Woche Zeit, sich auf ihre unterschiedlichen Rollen vorzubereiten und wurden von Fachleuten in die Kunst des korrekten Düftemischens eingewiesen. Die Dreharbeiten, die im Studio mehr oder weniger chronologisch nach der filmischen Handlung angelegt waren, begannen folgerichtig neben der "Enfleurage" der Madame Arnulfi vor allem mit dem "Workshop" des ehrwürdigen Parfumeurs Baldini (Hoffman), der den keimenden Genius Grenouille (Whishaw) als Lehrling aufnimmt und bald von dessen Leistungen fast erdrückt wird. In den Bavaria-Studios in München wurde neben den Privatgemächern Baldinis auch dessen Labor errichtet, wo sich der Kennenlern-Wettstreit zwischen Jung und Alt abspielt.
Bereits beim ersten Lesen der Romanvorlage hatte Regisseur Tykwer dabei ein anderes berühmtes Duett vor Augen: "Ähnlich wie in Milos Formans AMADEUS schaut ein älterer Meister zunächst ein wenig arrogant auf den Jüngeren herab und entdeckt rasch, dass er ein absolutes Genie vor sich hat, ihm um ein Vielfaches überlegen. So entsteht eine spannungsreiche Konkurrenzsituation zwischen Altmeister und Emporkömmling. Dustin konnte den psychologischen Übergang, in dem sich der Rollentausch zwischen Schüler und Lehrer abspielt, vortrefflich gestalten. Natürlich hat er anfänglich als 'Zampano' Baldini eine gewaltige Dominanz gegenüber seinem Schüler verbreitet, aber im Laufe der chronologisch angelegten Dreharbeiten schlich sich auf einer ganz klaren Kurve die Macht von Ben bzw. "Grenouille" ein."
Die Entscheidung, den versierten Hollywood-Mimen und mehrfachen Oscar®-Preisträger Dustin Hoffman für die Rolle des Baldini zu verpflichten, erwies sich nicht nur für die Dramaturgie, sondern auch für die gesamten Dreharbeiten als Glücksfall. "Dustin steht unter Strom und liebt die Arbeit auf eine fast kindliche, verspielte Art. Das ist eine unschlagbare Qualität und eröffnet zugleich eine ungeheure Leichtigkeit. Das Team liebte ihn, auch weil er uns allen immer wieder klarmachte: Wir können froh sein, einen so tollen Job zu haben, bei dem eine Hand voll Menschen eine derart intensive künstlerische Erfahrung machen darf. Denn Dreharbeiten sind schon eine ziemlich manische Gruppenerfahrung einer verschworenen Gemeinschaft", meint Regisseur Tykwer. Auch Ben Whishaw hat mit Filmpartner Hoffman inspirierende Tage erlebt: "Es war unglaublich, wie er die Atmosphäre am Set so leicht und glückbringend gestaltete. Ich glaube, er weiß genau, wie ungemein wichtig es ist, bei der Arbeit auch Spaß zu haben. Dustin gab mir jedenfalls ein gutes Gefühl dafür, dass man an seine eigene Arbeit immer mit einer selbstbewussten Respektlosigkeit herangehen sollte, um jederzeit pausieren zu können, wenn sie einen niederzumachen droht." Noch einmal Tykwer: "Dustin hat den Humor seiner Filmfigur mit ihrer Gebrochenheit und ihrem Narzissmus gepaart, wodurch viel Glaubwürdigkeit und Wärme einfloß."
Zugleich entwickelte sich für den jungen englischen Schauspieler Ben Whishaw, den Tom Tykwer fast zufällig auf einer Londoner Bühne entdeckt hatte, die Arbeit mit dem Regisseur ebenfalls zu einem regelrechten Workshop – auch ohne Wohlgerüche. "Es war genial, mit Tom zu arbeiten. Meiner Ansicht nach lebt und atmet er das Kino", versucht Whishaw eine Charakterisierung Tykwers. "Ich habe bis heute keinen Regisseur kennen gelernt, der seinen Darstellern derart ehrlich zuhört und nicht nur so tut, als ob. Er ist wirklich daran interessiert, was man zu sagen hat. Gleichzeitig ist er ungemein hilfsbereit und immer offen für neue Ideen." Vor der Zusammenarbeit mit dem bekannten Produzenten Bernd Eichinger hatte Whishaw anfangs etwas Herzklopfen: "Ich wusste, dass DAS PARFUM Bernd Eichingers Lebenstraum ist und er 20 Jahre seines Lebens darum gekämpft hat. Da sah ich mich natürlich in der Verpflichtung, ihn auf keinen Fall zu enttäuschen. Meine anfängliche Unsicherheit entpuppte sich aber glücklicherweise als völlig unnötig und ich habe ihn sehr zu schätzen gelernt. Er war in erster Linie daran interessiert, sein Projekt bestmöglich fertig zu stellen. Und das imponierte mir sehr."
"Tom hat den damals 23-jährigen Ben Whishaw als Hamlet auf der Bühne gesehen und war von dessen Darstellung begeistert", erinnert sich Eichinger. "Er hat anschließend sofort Probeaufnahmen mit ihm gemacht. Und als er mir die Bänder vorlegte, war auch ich der Meinung, das müsste passen. Wir waren uns sehr sicher, obwohl Ben ein relativ unbekannter Schauspieler war. Aber er hat das richtige Alter und passt auch von der Physiognomie her gut in die Rolle des Grenouille. Ben verkörpert exakt diese Mischung aus Charme und Abgründigkeit."
Ben Whishaw kann also Eichinger nicht enttäuscht haben, denn die Psychologie seines tragischen Filmcharakters Grenouille hat er rasch erfasst und umgesetzt: "Grenouilles Leidenschaft und Motivation, dieses schillernde Parfum herzustellen, beruht auf zwei Grundvoraussetzungen: einerseits auf dem unbewussten Verlangen, geliebt zu werden, und andererseits auf der Angst, für seine Mitmenschen unsichtbar zu sein. Tom hat öfters über diese menschliche Grundangst gesprochen, plötzlich mutterseelenallein auf der Welt zu stehen. Und genau diese Angst treibt Grenouille."
Um sich auch körperlich auf diesen seltsamen Charakter einzustimmen, hat Whishaw die Physiologie von Tieren studiert, um, wie er es ausdrückt, die "animalische Qualität" der Kunstperson Grenouille herauszufinden. "Tom und ich haben uns verschiedene Tierarten angesehen, darunter waren auch Raubtiere wie Tiger oder Leoparden. Bald aber entdeckten wir eine eigenartige Affenart, die Loris, die wie die Lemuren zu den so genannten Feuchtnasenaffen gezählt werden und in Afrika und Südostasien beheimatet sind. Loris bewegen sich unglaublich langsam fort", konstatiert Whishaw vor dem Hintergrund gewisser Ähnlichkeiten mit seinem menschlichen Rollencharakter Grenouille.
Für den Regisseur ist Ben Whishaw ohne Wenn und Aber ohnehin die richtige Besetzung gewesen: "Wir haben zunächst auf der ganzen Welt, später dann konkret in England alle jungen männlichen Schauspieler angetestet. In England waren dies über 100 Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Es gibt derart viele Menschen auf der Welt, die dieses Buch gelesen haben. Daher mussten wir einen Darsteller finden, der nicht nur für uns passte, sondern gleichzeitig auch das Bedürfnis abdeckt, das alle nach dieser Figur haben. Da ist es hilfreich, dass der Zuschauer über ihn als relativ unbekannten Darsteller zunächst keine Meinung hat. Zudem muss der Darsteller des Grenouille der absolute Protagonist eines nicht immer leichtgewichtigen Films sein, dem der Zuschauer schließlich auch für gut zweieinhalb Stunden folgen soll. Der Grenouille, den Ben verkörpert, mit all seinen Brüchen und Komplexitäten, leistet das", ist sich Tykwer sicher.
Beim dritten Hauptdarsteller im Bunde, dem britischen Schauspieler Alan Rickman in der Rolle des schlauen Grasser Kaufmanns Richis, der in Sorge um seine Tochter Laura ist, liebt sein junger Kollege Whishaw vor allem dessen "unglaubliche Stimme". Rickman könne eine Szene "sehr stringent und gleichzeitig ätherisch spielen, wobei er sehr vielschichtig auftritt und man bei ihm immer gewahr sein muss, dass sich unter seiner Oberfläche eine Menge anderer Dinge abspielen".
Rickman seinerseits hat den Roman niemals gelesen, für ihn war das Buch so etwas wie eine unbekannte Ikone, von der er wusste, dass es Millionen Menschen kennen. Während des Filmdrehs zählte daher für ihn vielmehr, dass zum einen der Film ausschließliches Medium des Regisseurs ist und dass es zum anderen für einen Filmschauspieler deshalb vor allem wichtig ist, mit einem "wirklich guten" Regisseur zu arbeiten. Bei Tom Tykwer sei das der Fall gewesen: "Ich bin ein großer Bewunderer von Toms Arbeiten. Sein Werk ist ja derart einzigartig, dass man denken könnte, bei all der künstlerischen Stringenz auf eine Art humorlosen Diktator zu treffen. Zwar ist Tom ungemein zielstrebig in seiner Arbeit, aber zugleich ist er der entzückendste, aufgeschlossenste und selbstloseste Mensch, den ich kenne. So war denn auch die Atmosphäre am Set ein einziges großes Vergnügen", sagt Rickman in der Rückschau. Auch über Bernd Eichinger hat sich der Ausnahmedarsteller, den jüngere Kinozuschauer vor allem durch seine populäre Verkörperung des undurchsichtigen Zauberlehrers Severus Snape in den "Harry Potter"-Blockbustern kennen, natürlich seine ehrliche Meinung gebildet: "Es ist äußerst selten, dass man auf einen Produzenten trifft, der gleichzeitig derart leidenschaftlich, hilfsbereit, belesen und exzentrisch zu Werke geht – er ist ein großartiger Produzent."
Tom Tykwer war seinerseits von der professionellen Doppelbödigkeit seines Richis-Darstellers überzeugt: "Wir brauchten ein maximales Gegenüber für Grenouille: Der Darsteller sollte also nicht nur einfach einen Vater spielen, sondern auch ein absolut ernsthafter Herausforderer für den genialen Grenouille sein. Auch wenn der Zuschauer zunächst meinen könnte, dass Grenouille im zweiten Teil des Films immer unbezwingbarer zu werden scheint, so entwickelt sich mit Richis gleichzeitig jemand, von dem man denkt: ’Der könnte Grenouille tatsächlich zur Strecke bringen.’"
Seinen Filmcharakter, den Grasser Kaufmann Richis, skizziert Rickman in wenigen Sätzen: "Richis definiert sich ausschließlich über seine gewaltige Liebe für seine Tochter. Seine Worte 'Du bist alles, was mir geblieben ist' sind bezeichnend für jemanden, der ohne seine geliebte verstorbene Frau auskommen muss. Die komplette Story dieser Figur handelt davon, wie jemand verzweifelt versucht, sein Kind vor einer unbekannten Gefahr zu beschützen, die überall lauern kann: in den Bäumen, den Büschen, den Nebenstraßen, den dunklen Ecken und direkt an jenen Orten, wo die Menschen zu Hause sind." Rickman reizte daher vor allem die Gegensätzlichkeit zwischen der glanzvollen, luxuriösen und sauberen Oberwelt, in der Richis und seine Tochter leben, und der unter den edlen Perücken des Adels wuchernden Schattenwelt. "Parfum und Wohlgerüche beeinflussen die gesamte Erzählung und auch den Film, auf angenehme wie auch auf schreckliche Weise", erläutert Rickman.