„Madagascar“ spielt in zwei ganz unterschiedlichen Dschungeln: der Großstadtdschungel von New York City und der wörtlich gemeinte Dschungel des Filmtitels. Produktionsdesignerin Kendal Cronkhite und Art-Direktorin Shannon Jeffries haben zusammengearbeitet, um zwei Welten zu erschaffen, die real genug waren, um glaubwürdig zu wirken, doch gleichzeitig sonderbar genug waren, um in den Zeichentrick-Stil des gesamten Films hineinzupassen.
Cronkhite stellt fest: „Craig Kellman entwarf die ersten Versionen für die vier Hauptfiguren des Films – und sie waren umwerfend witzig – in einem sehr graphischen und altmodischen Stil. Sie waren eindeutig beeinflusst von den 2D-Zeichentricks der 50er und 60er Jahre, und das hat sich natürlich auch auf das Produktionsdesign ausgewirkt. Es sollte nicht so aussehen, als ob Zeichentrick-Figuren in der realen Welt herumlaufen. Vielmehr mussten alle Elemente einen einheitlichen Eindruck vermitteln, und ganz und gar überzeugend wirken.“
Wir lernen den Löwen Alex, das Zebra Marty, die Giraffe Melman und die Nilpferddame Glo-ria zunächst in ihrer Heimat, dem Zoo im Central Park, kennen. Der echte Zoo in New York hat sich im Laufe der Jahre ziemlich verändert, also verwandelte Cronkhite ihn in seinen alten Glanz zurück. Regisseur Tom McGrath meint: „In Wahrheit sind die großen Tiere dort heute nicht mehr zu sehen, also erdachte Cronkhite eine imaginäre Version des Zoos und der Stadt, wie sie in den 60ern gewesen waren.“
Ben Stiller, der selbst in New York aufgewachsen ist, sagt: „Ich finde es toll, was sie aus New York und dem Zoo im Central Park gemacht haben, denn ich erinnere mich gut daran, wie es war, als ich dort als Kind hinging. Die Filmemacher haben dieses ikonenhafte Bild eines Zoos so stilisiert umgesetzt, dass es wie die Zeichentrickfilme aus meiner Kindheit aussieht. Ich liebe diese Zeitlosigkeit.“
Cronkhite recherchierte in den alten Archiven des Zoos im Central Park und verglich die his-torischen Fotos mit heutigen Aufnahmen, und sie meint: „Unser Zoo im Film ähnelt eher dem, den es vor 40 oder 50 Jahren dort gab. Wir haben auch ein Gebäude eingefügt, The Arsenal, das schon immer dort stand, genau wie den Uhrenturm, ein echtes Markenzeichen, und um sie herum haben wir dann den Zoo entworfen. Anfangs haben wir ihn als reale Welt konzipiert, um ihn dann anschließend zu „whacken“, also die Proportionen übertrieben, alles im Stil der Zeichentrickfilme.“
Die Produktionsdesignerin und ihr Team haben sich auf die gleiche Weise der Gestaltung von New York genähert, bis hin zur Grand Central Station, wo die Tiere ihrem Publikum etwas zu nahe auf die Pelle rücken. Doch trotz aller Eigenheiten mangelt es dem New York-Szenario absichtlich an Natürlichkeit und Farbenfreude – es wirkt sogar etwas klaustrophobisch. Cronkhite erzählt: „Wir haben uns für New York im Spätherbst entschieden, wodurch wir die Palette eher gedeckter Farben verwenden konnten. Grundsätzlich haben wir einen Zoo aus Ziegelsteinen, Beton und Kalkstein vor dem Hintergrund der Bäume mit Herbstlaub. Alle Bäume und Büsche sind sehr gepflegt. Die Tiere sind in Gefangenschaft – sogar um die Grün-pflanzen herum sind Zäune aufgestellt – und der Zoo selbst ist von der Skyline von New York umgeben, was wiederum zum Gefühl der Enge beiträgt. Am Himmel sieht man weder die Sonne noch den Mond oder die Sterne. Wir haben praktisch jedes Element der Natur aus New York entfernt – um die geballte Kraft der Natur dann über Madagaskar zu ergießen.“
Deshalb ist Madagaskar eine wahre Explosion von lebhaften, vibrierenden Farben. Während in New York alles linear und fast steril wirkt, erscheint Madagaskar weit offen, frei und über-bordend vor Leben. „Die Farben sollten strahlend und so vielfältig sein, wie man sie in der Natur findet“, meint Cronkhite. „Also kann eine einzige Pflanze bereits pink, rot, gelb und grün schimmern.“
Die Einflüsse der Designer waren ebenfalls eine Kontraststudie. Klassische Trickfilme und Kinderbücher dienten als Konzeptvorlagen sowohl für die Charaktere als auch für die Stadt New York, während für Madagaskar die Gemälde des berühmten Franzosen Henri Rousseau als Inspirationsquelle dienten. Regisseur Eric Darnell meint: „Wir wollten einen Fantasie-Dschungel erschaffen, und Henri Rousseau ist ein Künstler, der niemals persönlich im Dschungel war, aber dennoch wunderbare, exotische Gemälde dieser fantastischen, geheim-nisvollen Urwälder erschaffen hat. Seine fast kindliche, naive Vision dessen, was ein tropi-scher Dschungel sein kann, war unser Ausgangspunkt für „Madagascar“.“
Shannon Jeffries sagt: „Wir haben wirklich genau analysiert, was Henri Rousseaus Stil zu dem macht, was er ist. Allerdings arbeitete er natürlich auf einem zweidimensionalen Medi-um, also ist seine Arbeit flach und typisch für einen Maler. Für unsere Umgebung in 3D muss-ten wir jedoch eine ganze Bühne erschaffen.“ Für diese Bühne wurden zunächst Sets errichtet, die Facundo Rabaudi in Modell-Größe erbaute; mit deren Hilfe konnte das Art Department diese Sets in 3D sehen und ein Gefühl für die Dimensionen und den Raum entwickeln. Mit einer kleinen Lipstick-Kamera konnten die Filmemacher außerdem das Szenario aus dem Blickwinkel der verschiedenen Tiere visualisieren und den Raum kennen lernen, in dem sie arbeiten mussten. Rabaudi erschuf sogar Baobab-Bäume in Miniatur, die Cronkhite folgen-dermaßen beschreibt: „Sie sehen aus, als ob sie auf dem Kopf stehen, und die Wurzeln oben gelandet sind. Sie sind groß und schön, und ich habe erfahren, dass es auf Madagaskar die größte Vielfalt an Baobabs weltweit gibt – also ist auch unser Dschungel voll davon.“
„Madagascar“ ist im Film nicht nur eine farbenfrohe und lebendige Insel, sondern vermittelt auch das Gefühl von Weite und Freiheit. Cronkhite meint: „Von dem Augenblick an, als die vier Freunde am Strand landen, wollte ich die Menschen damit in den Bann ziehen, dass sich die Figuren nun in einer völlig anderen Welt befinden. Es geschieht unbewusst, aber wir woll-ten auch andeuten, dass – obwohl diese Tiere wohl New York als ihre Heimat ansehen – sie eigentlich viel besser in die Wildnis passen.“
Dieser Blickwinkel wurde der Layout-Abteilung angetragen, die genau das tut, wofür im Spielfilm sonst der Kameramann verantwortlich ist. Layout-Leiter Ewan Johnson erläutert, dass die jeweiligen Einstellungen mit den Charakteren dazu beigetragen haben, das Gefühl zu vermitteln, dass die offenen Weiten Madagaskars unseren vier Tieren besser zu Gesicht stehen als die Enge des Zoos im Central Park. „Je nach Location haben wir spezifische Kamerabe-wegungen und Kompositionen gewählt. In New York haben wir uns für engere Rahmen ent-schieden, die unsere Charaktere umzingeln. Wir haben zu vermitteln versucht, dass sie sich in einer klaustrophobischen Umgebung befinden und sich nicht außerhalb der vorgegebenen Grenzen bewegen können. Auf Madagaskar haben wir dann weitere Winkel und großangeleg-te Aufnahmen gewählt, in denen sich die Figuren frei bewegen können und ihre Umwelt er-fahren dürfen.“
Johnson fügt hinzu, dass er auch die Kamera benutzt hat, um den Größenunterschied zwi-schen den Tieren zu verdeutlichen: „Bei „Madagascar“ waren besonders jene Einstellungen eine Herausforderung, in denen sowohl die einheimischen Insel- als auch die Zootiere auftre-ten. Die Lemuren reichen dem Löwen Alex ja gerade mal bis ans Knie, also muss man sich Möglichkeiten überlegen, um diese Unterschiede entweder zu kaschieren oder hervorzuheben. Wenn sie sich zum ersten Mal begegnen, haben wir z.B. ganz extreme Winkel eingesetzt, um die Perspektive dieser winzigkleinen Kreaturen zu verdeutlichen, die auf diese vier Giganten starren. So konnten wir beide Gruppen in die gleiche Komposition einfügen und den Größen-unterschied noch betonen, was das Ganze noch komischer macht.“
Kendal Cronkhite erzählt, dass es nur einen einzigen Ort gibt, an dem sich der Zoo und die Wildnis überlappen: Die labyrinthischen Felsformationen auf Madagaskar, das sogenannte Tsingy, das für die Raubtier-Seite der Insel steht. „Das sind kilometerlange, graue Kalkstein-formationen, die fast post-apokalyptisch anmuten. Es gibt kaum Pflanzenwuchs, und die Fel-sen sind von der Natur zu diesen Spitztürmchen geformt worden, die an die Hochhäuser von New York erinnern. Als Alex mit dem wilden Löwen in seinem Inneren konfrontiert wird, zieht er sich dorthin zurück und errichtet so etwas wie einen eigenen Käfig, der sich anfühlt wie sein Gehege im Zoo – statt etwas zu tun, das er vielleicht bereuen könnte.“
Tom McGrath meint: „Wie man so schön sagt: Man kriegt den Jungen aus der Stadt, aber man kriegt die Stadt nicht aus dem Jungen. Mit diesen Figuren wollten wir immer die Idee auf-rechterhalten, dass ein New Yorker immer ein New Yorker bleibt – jetzt aber sind sie New Yorker mit dem Vorteil, in der Wildnis etwas Wertvolles gelernt zu haben.“
Darnell sagt: „Alex findet schließlich heraus, dass es ganz egal ist, wo sie sind – solange sie zusammen sind. Das ist die Lektion, die sie alle lernen.“ Soria fügt hinzu: „Alex, Marty, Melman und Gloria machen eine Reise durch, auf der sie entdecken, dass es ganz egal ist, was die Gesellschaft denkt oder sogar was Mutter Natur dir sagt. Wenn die Freundschaft stark genug ist, kann man alle Hindernisse überwinden. Ich hoffe, diese Botschaft kommt an.“