In ihren Kurzfilmen sind Wallace & Gromit bislang nur selten Menschen begegnet. Das sollte sich bei ihrem ersten abendfüllenden Abenteuer nun ändern. "Unser Team hat Modelle für 40 zusätzliche Charaktere geschaffen, darunter die Figur von Victor und Gräfin Tottington", berichtet Nick Park, "besonders Gräfin Tottington war durch ihre aufwändige Garderobe eine ganz spezielle Herausforderung. Wir hatten einige hitzige Debatten darüber, welches Kleid die Lady in welcher Szene tragen sollte" lacht Park.
Die Modell-Produktionsdesignerin Jan Sanger und ihr Team erschufen eine kleine Welt aus sehr individuellen Menschen und Tieren. Weil Haare und Kleidung mit Knet gemacht und von Hand bemalt werden, wurden die Modell-Hersteller zugleich zu Kostümbildnern und Friseuren. "Für uns waren Gräfin Tottington und Victor in ihrer eleganten Art ein sehr interessanter Kontrast zu der Welt von Wallace & Gromit. Den polternden Victor haben wir in ein Safari-Kostüm gesteckt, das kaum Zweifel an seinen Absichten lässt. Für die Kleidung der eleganten Gräfin Tottington haben wir uns durch Mode-Zeitschriften inspirieren lassen und eine ganze Kollektion wunderbarer Kostüme geschaffen" erzählt Sanger. Der Flirt von Wallace mit Gräfin Tottington hatte auch Einfluss auf seine Kleidung, wie Sanger verrät: "Weil Wallace die Gräfin beeindrucken will, haben wir seinen traditionellen grünen Pullunder durch eine gemusterte Weste mit Reißverschluss ersetzt. Um diese neue Oberbekleidung für Wallace zu finden, bedurfte es langer Diskussionen mit den Regisseuren. Nach verschiedenen Versuchen haben wir uns schließlich alle für dieses Modell mit Muster entschieden."
Im Prinzip hat jede der Puppen den gleichen Bauplan: Ein Metallkorsett dient den Figuren als Skelett, das je nach Größe der Figur variiert. Im Fall von Gromit hängt es zudem davon ab, ob er auf vier oder zwei Beinen läuft. Auf dieses Metallgerüst wird dann eine besondere Plastilin-Mischung aufgetragen, das sogenannte "Aard-mix", das widerstandsfähiger ist als gewöhnliches Plastilin. Im Unterschied zu "Chicken Run" (Chicken Run - Hennen rennen), bei dem die Hühner eine völlig glatte Oberfläche hatten, besitzen die Figuren hier, wie in allen Wallace & Gromit-Filmen, ganz bewusst kleine Unregelmäßigkeiten - "damit man die Fingerabdrücke sehen kann", wie Nick Park betont.
"Wenn man Fingerabdrücke entdecken kann, weiß man, dass diese Figuren echt sind", erläutert Peter Lord, "glücklicherweise hat das Publikum immer schon diese persönliche Note gemocht."
"Diese minimalen Unregelmäßigkeiten machen das Handwerk sichtbar", ergänzt David Sproxton, "wenn etwas von Hand gearbeitet ist, weiß man, dass es mit Liebe und Sorgfalt entstanden ist."
Je nach Anzahl ihrer Szenen wurden von jeder Figur Doppelgänger in verschiedenen Posen und unterschiedlichen Kostümen angefertigt. Von Wallace gab es 35 Versionen, über ein Dutzend Doppelgänger benötigten Gräfin Tottington und Victor. Zudem verfügt jede Puppe über austauschbare Teile wie Augen, Ohren, Köpfe oder Hände. Für jede wichtige Figur gab es über ein Dutzend Mund-Versionen, damit sie später synchron sprechen konnte. Bei jedem "Mundwechsel" mussten die Animationskünstler genau darauf achten, dass keine verräterischen Spuren übrig blieben.
Damit die Puppen lebendig werden konnten, war ein Team von 30 Animationskünstlern unter der Leitung von Loyd Price und der Regie von Nick Park und Steve Box etliche Jahre beschäftigt. Im Aardman-Studio in Bristol waren gleichzeitig 30 verschiedene Sets aufgebaut, an denen simultan gearbeitet wurde. Das optimale Ziel war es, an einem Tag zehn Sekunden fertigen Film herzustellen. Die Geduldsprobe wird deutlich, wenn man sich die Zahlen vor Augen hält: 24 Bilder pro Sekunde bedeuten 24 verschiedene Positionen pro Figur. Und in jeder Position gibt es eine winzige Bewegung von Körper, Kopf, Armen, Beinen, Händen, Fingern, Augen, Ohren. Zudem muss das Plastilin immer wieder aufs Neue nachgearbeitet werden
"Es ist ein sehr, sehr langsamer Prozess", erläutert Sproxton, "die Animationskünstler müssen vorher jeden Schritt der Szene kennen. In einigen Fällen müssen sie die Szenen selbst spielen, um mit dem exakten Ablauf vertraut zu werden."
Peter Lord ergänzt: "Es mag ein langsamer Prozess sein, aber auf bizarre Weise ist es eine Live-Vorstellung. Ein Animator kann einen ganzen Tag mit einem Dialog zubringen, der nur drei Sekunden dauert. Aber er hat nur eine Chance. Bei einer langen Einstellung, die schon eine Woche benötigte, will man diese letzte Szene wirklich nicht verpatzen, sonst ist die Arbeit einer ganzen Woche kaputt. So langsam alles auch ist, gibt es also reichlich Adrenalin bei dieser Arbeit - und auch echte Angst" lacht Lord.
Weil Wallace & Gromit in fast jeder Szene auftreten, mussten verschiedene Animationskünstler an ihnen arbeiten - ohne dass dabei Unterschiede im Stil deutlich werden durften. Chef-Animator und second unit-Regisseur Merlin Crossingham sagt: "Fast jeder von uns hatte irgendwann einmal mit Wallace & Gromit zu tun, weil die beiden in fast jeder Szene dabei sind. Wir mussten also sicherstellen, dass jeder im Team völlig vertraut mit den Bewegungen und Ausdruckshaltungen der beiden war."
Vor allem Gromit stellte die Künstler vor große Herausforderungen, weil sein Denken und Fühlen ganz ohne Worte vermittelt werden muss: Alles wird durch seine Augenbrauen, seine Augen und seine Körpersprache ausgedrückt.
Für Ian Whitlock, den leitenden Animator des Riesenkaninchens, sorgte der Pelz des Monsters für Probleme. Hätte er mit seinen Händen die Puppe bewegt, wären in dessen Fell winzige Abdrücke zurückgeblieben, die im späteren Film eine "Wirkung wie Ungezieferbefall" gehabt hätten. Die Lösung des Problems waren kleine Löcher im Rücken des Riesenkaninchens, durch die mit kleinen Werkzeugen das Metallskelett bewegt werden konnte.