Die Figuren in STAR TREK, allen voran Captain James T. Kirk und sein loyaler, aber durchaus auch streitsüchtiger Erster Offizier Spock gehören zu den bekanntesten fiktiven Filmhelden des 20. Jahrhunderts. Doch J. J. Abrams benötigte Autoren, denen es gelingen würde, diese sehr bekannten Persönlichkeiten im Rückwärtsgang bis zu den Anfängen zu führen: Woraus entstanden ihre Hoffnungen, ihre Träume, ihre Motivation?
Diese Aufgabe übertrug Abrams einem Team, dem er mit Recht zutraute, der Story den nötigen, sehr dynamischen und spannenden Action-Stempel aufzudrücken, ohne dabei die Vorlage zu kompromittieren: Roberto Orci und Alex Kurtzman haben als Partner unvergessliche Drehbücher für Filme wie „Transformers“ (TRANSFORMERS, 2007), „Mission: Impossible III“ (MISSION: IMPOSSIBLE III, 2006) und für die aktuelle FOX-TV-Serie „Fringe“ (FRINGE – GRENZFÄLLE DES FBI) geschrieben. Besonders Orci begeistert sich schon sein Leben lang für alles, was mit „Star Trek“ zu tun hat. „Als ich Bob in der Schule kennen lernte, besaß er ein Enterprise-Telefon, bei dem die Brücke buchstäblich klingelte!“, lacht Kurtzman.
Trotzdem: Als das Autorenduo das Angebot für STAR TREK bekam, sagte es zugegebenermaßen nicht sofort zu. „Wir haben eine ganze Weile überlegt, weil uns klar war, welch ungeheure Verantwortung wir uns auf die Schultern luden“, erklärt Kurtzman. „Das gesamte Trek-Universum steht heute am Scheideweg – es war offensichtlich, dass wir uns gewaltig anstrengen mussten, um die nächste Generation dafür zu interessieren. Vor einer solch monumentalen Aufgabe kann man schon zaghaft zurückschrecken. Aber wenn man vor etwas Angst hat, dann ergibt sich daraus natürlich erst recht eine persönliche Herausforderung. Obwohl uns anfangs die Knie schlotterten, setzten wir uns mehrfach mit J. J. zusammen und beschlossen dann, einfach ins kalte Wasser zu springen.“
Nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wollten sie Gene Roddenberrys Vision einer aufgeklärten Zukunft unbedingt treu bleiben. Die Autorenpartner stellten zunächst eine Liste jener Attribute zusammen, die im „Star Trek“-Universum die bekanntesten und beliebtesten Elemente ausmachen.
Dazu Orci: „Auf der Liste findet sich zum Beispiel das Konzept, eine Gruppe zu Freunden, zu einer Familie zusammenzuschweißen. Außerdem: Jede Figur wirkt herzlich, menschlich und echt; der Humor ist wahrhaftig, hat keine parodistischen oder ironischen Züge und ergibt sich aus realen Situationen; die Story regt zum Nachdenken an, ist also wahre Science-Fiction, keine unmögliche Fantasy, sondern eine Vision der Zukunft, von der wir hoffen, dass sie für die Menschheit erreichbar ist.“
Kurtzman fährt fort: „Außerdem strebten wir etwas an, was sehr ,Star Trek‘-spezifisch ist: Männer und Frauen müssen über ihr Selbstverständnis als Menschen nachdenken, weil sie mit scheinbar unlösbaren Problemen konfrontiert sind. Der unwiderstehliche Reiz der Originalserie besteht zum Teil darin, unglaublich intelligente und ansprechende Persönlichkeiten dabei zu beobachten, wie sie zusammenarbeiten, um das Beste aus der Kombination ihrer Begabungen zu machen. Dieses Konzept wollten wir durch eine neue Variante aktualisieren – das gab uns das Gefühl, dem Erbe von ,Star Trek‘ in unserem neuen Film gerecht zu werden.“
Mit diesem Gedanken als Fundament freuten sich Orci und Kurtzman auf die Gelegenheit, zwei neue Aspekte auszuloten: Kirk (Chris Pine) und Spock (Zachary Quinto) als Jugendliche und ihre Entwicklung als Freunde und Leitfiguren; und das Konzept der allerersten Enterprise-Mission.
Bei der Entwicklung des jungen Kirk und Spock machten sich die Autoren klar, was das eigentlich Mitreißende der beiden Figuren ist: die Idee, zwei völlig verschiedene Männer wie zwei sich ergänzende Hälften zusammenzubringen und sie auf eine gefährliche Mission zu schicken, die keiner der beiden allein bewältigen könnte. Dazu Kurtzman: „Es war wirklich faszinierend, sich den jungen Spock vorzustellen – er ist buchstäblich hin- und hergerissen zwischen der vulkanischen und der menschlichen Welt: Wie jedes Kind versucht er herauszubekommen, wo er hingehört. Man kann seine Situation sehr gut nachvollziehen.
Genauso faszinierend ist das Konzept des jungen Kirk, der auf seiner Identitätssuche als Rebell, als eine Art James Dean aufwächst. Als sich die beiden in der Akademie der Sternenflotte begegnen, könnten ihre Lebensentwürfe nicht unterschiedlicher sein, aber natürlich bemerken sie auch, dass sie manches gemeinsam haben. Ein wesentlicher Aspekt ihrer Biografie ist dieser Prozess, in dem sie lernen, die Fähigkeiten des anderen richtig einzusetzen und Führungsentscheidungen zu treffen, die die Existenz der Enterprise und des ganzen Universums sichern helfen.“
Als die Enterprise angegriffen wird, werden die Führungsstile von Kirk und Spock allmählich sichtbar. Orci erklärt: „Das Befehlsritual an Bord eines Raumschiffs gründet sich auf die lange, authentische Geschichte von Befehl und Gehorsam auf Kriegsschiffen: Es geht um Pflicht, Ehre und Befehlshierarchie.
Aber dennoch versucht Kirk innerhalb dieses Systems immer wieder nach Gelegenheiten, die Regeln zu umgehen und seinen Vorteil zu suchen, während Spock an die Logik strikten Gehorsams glaubt. Dadurch kommt es zum ersten großen Streit zwischen ihnen, und uns war sehr wichtig, dass beide Argumente nachvollziehbar bleiben. Keinesfalls soll der eine auf Kosten des anderen Recht bekommen. Kirk und Spock stehen vor einem echten moralischen Dilemma, lernen aber, dass sie es nur lösen können, indem sie zusammenarbeiten.“
J. J. Abrams wollte vor allem diesen Aspekt absolut richtig darstellen: „Auf einer allgemeinen Ebene geht es in diesem Film darum, dass Herz und Kopf zu einer Einheit verschmelzen. Das Schöne an Kirk und Spock ist nach wie vor ihre Beziehung. Doch diesmal bekommen wir nicht nur Gelegenheit, die komischen, lustigen Aspekte der entstehenden Spannungen auszuloten, sondern auch zu zeigen, wie sie ursprünglich zu Waffenbrüdern zusammengeschweißt wurden. Wir erleben mit, wir sie in ein Abenteuer katapultiert werden, das sie nicht nur bis zum Limit beansprucht, sondern auch eine lebenslange Freundschaft begründet.“
In welch ungeheurer Gefahr Kirk und Spock schweben, wird ihnen allmählich klar, als sie das Vorgehen des wütenden, gnadenlosen Romulaners Nero (Eric Bana) begreifen. Bei der Entwicklung dieser neuen Figur nahmen sich die Autoren genauso viel Zeit: So entstand ein würdiger Gegner für die Enterprise-Crew – er ist mit allen Wassern gewaschen und absolut unberechenbar. „Nero gehört in die große Tradition komplexer Schurken: Er glaubt wirklich, dass ihm Unrecht widerfahren ist, dass er tatsächlich mit der Sternenflotte abrechnen muss“, sagt Orci. „Sein Zerstörungstrieb geht weit über die intergalaktische Politik hinaus – das ist sein ganz persönlicher Feldzug. Er lehrt uns das Fürchten, aber wir können ihn durchaus verstehen.“
Zur Besetzung gehört auch eines der Mitglieder der Original-Enterprise, der legendäre Leonard Nimoy. „Uns lag sehr viel daran, ihn im Film auftreten zu lassen. Wir schrieben eine Schlüsselrolle für ihn, obwohl wir sehr wohl wussten, dass er ablehnen könnte – dann hätten wir noch einmal von vorn anfangen müssen“, sagt Orci. „Doch als wir uns mit ihm trafen, merkten wir, dass wir zwei Sechsen gewürfelt hatten – wir konnten unser Glück gar nicht fassen. Schon allein das, was er von sich aus beizutragen hatte, gab uns einen unglaublichen Schub.“
„Uns lag an Leonards Mitwirkung, um die Verbindung zum bisherigen ,Star Trek‘-Kanon herzustellen“, erklärt Produzent Lindelof. „Doch das Risiko, Leonard Nimoy zu fragen, war sehr hoch, denn er hatte geäußert, keinen weiteren ,Star Trek‘-Film machen zu wollen.“
Als sie sich in die Feinheiten der Story einarbeiteten, erwies es sich als großer Vorteil, dass Orci sich mit allen Aspekten der Trek-Saga bestens auskennt. „Statt alles in Büchern nachschlagen zu müssen, konnten wir uns ganz frei coole Geschichten ausdenken und sie durchspielen, ohne ständig auf korrekte Details achten zu müssen“, sagt Orci. „Von vornherein war zwar ganz klar, dass unser Film jedermann ansprechen soll, aber dennoch müssen wir natürlich auch an die Erwartungen der langjährigen Fans denken und ihrer intimen Kenntnis der Serie Rechnung tragen. Uns lag also daran, die ganze Trek-Vergangenheit in die Story einfließen zu lassen. Wir stellten eine Liste der Dinge zusammen, die das Publikum unbedingt sehen will: Crew-Mitglieder in roten Hemden, ein grünes Orion-Girl, der Harfe spielende Spock – solche Sachen begeistern die Fans, aber auch die Zuschauer, die das Abenteuer ganz neu erleben, haben ihren Spaß daran.“
Wenn sie doch einmal Zweifel am Reglement der Sternenflotte oder der Geschichte einer Alien- Rasse hatten, fragten die Autoren sofort bei den Legionen von Trekkern nach, die solchen Fragen begeistert nachspüren. „Seit vier Jahrzehnten hüten die Fans das Erbe der Serie, und die zählen zu den klügsten Fans der ganzen Welt“, sagt Orci. „Wenn sich also eine Frage ergab, wussten wir genau, dass jeder Fan, der auf sich hält, ganz sicher eine Antwort parat haben würde. Und genauso war es auch.“
Außerdem verließen sich die Autoren auf das Knowhow des Rechercheurs Sean Gerace, der sicherstellte, dass nichts in STAR TREK im Widerspruch zur umfangreichen Zukunft der Sternenflotte steht, wie sie in den Filmen und Serien wie „Next Generation“ (DAS NÄCHSTE JAHRHUNDERT) und „Deep Space Nine“ (DEEP SPACE NINE) aufgeblättert wurde. Gerace musste manche ungewöhnliche, aber anregende Aufgabe bewältigen – zum Beispiel schrieb er einen ausführlichen Bericht über die romulanische Mythologie.
Außerdem schaute er sich alle 79 Episoden der ursprünglichen Serie und alle Kinofilme an, legte umfangreiche Dossiers über die persönlichen Lebensläufe und die charakterlichen Eigenarten an. Besonders interessierte die Filmemacher „The Wrath of Khan“ (DER ZORN DES KHAN, 1982), der allgemein als der anregendste der frühen Kinofilme gilt.
Als Orci und Kurtzman die erste Drehbuchfassung zu STAR TREK fast vollendet hatten, bekamen sie reichlich Unterstützung von Abrams und den Produzenten, die gern bereit waren, mit ihnen die letzten Details der Charaktereigenschaften und Handlungselemente zu diskutieren. „Die Zusammenarbeit mit Bob und Alex und dem Produzenten gestaltete sich als lockerer Ideenaustausch“, sagt Abrams. „Es passte wunderbar, dass wir alle von unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsniveaus ausgingen. Bob Orci ist der eingefleischte Trekker, der jedes Detail auswendig kennt und auch voraussehen kann, ob wir die Fans etwa mit Thema X verärgern würden, während Bryan Burk die Originalserie nie gesehen hat und der Story also ganz unvoreingenommen begegnet. Deshalb konnte jeder Beteiligte etwas sehr Persönliches beitragen, als wir überlegten, wie der Film auf die verschiedenen Zuschauer wirken würde. Zusammengenommen ergab sich ein Gleichgewicht – wir konnten die Begeisterung des Newcomers ebenso bieten wie die Gewähr, dass die gesamte Serienvergangenheit berücksichtigt wird.“