Die Idee zu Thank You For Smoking (Roman) kam mir eines Abends 1992 zwischen sieben und acht Uhr. Ich kann das so genau sagen, denn um diese Uhrzeit lief immer die MacNeil-Lehrer News Hour. An diesem Abend war in der Show eine junge Dame vom Tobacco Institute (das es mittlerweile nicht mehr gibt) zu Gast. Ihre Aufgabe war es, den Argumenten eines Wissenschaftlers eines renommierten Forschungsinstituts zu widersprechen. Das Institut hatte herausgefunden, dass Rauchen – welch eine Überraschung – schlecht für die Gesundheit ist.
Die Frau vom Tobaco Institue machte ihre Sache gut. Sie wies alle Vorwürfe von sich, widersprach dem Forscher aufs heftigste. Das hat mich fasziniert. Zum Schluss sagte sie, als wäre sie von der ganzen Diskussionen ziemlich genervt: „Alles was ich sagen will ist: Wo sind die Beweise? Zeigen sie mir die Daten, die ihre Aussage belegen!“
Für mich war das wie Liebe auf den ersten Blick. Ich dachte mir: „Das muss ja wirklich ein interessanter Job sein. Man steht in der Früh auf, putzt sich die Zähne, frühstückt, verabschiedet sich von seinen Kindern und macht sich auf, um den Tod zu verkaufen.“ Und schon war die Figur des Nick Naylor von der Academy of Tobacco Studies geboren.
Was diese Frau da tat, nennt man im Allgemeinen „spinning“. Das Wörterbuch liefert folgende Erklärung: „Verb; Nomen: mit Informationen oder Aussagen anderer Personen die öffentliche Meinung für sich begünstigt beeinflussen; Informationen, die auf diese Weise verbreitet werden“. Umgangsprachlich gesagt, heißt es dasselbe wie „bullshit“. Egal wie man es auch nennt, darum dreht sich unsere Welt eigentlich.
Am nächsten Tag hieß es im Fernsehen, dass die Fastfood-Industrie jährlich zehn Milliarden Dollar für Werbung ausgibt, die sich gezielt an Kinder von zwei bis fünf Jahren richtet. Ist das nicht ein tolles Land, indem wir leben?! Passend dazu kam auch ein Pressesprecher der, sogenannten ‚Hersteller’ absolut nicht gehaltvoller Nahrungsmittel, zu Wort. Er sagte: „ Wir sind stolz auf die Tatsache, dass wir das Werbebudget in diesem Sektor bereits um sechs Prozent verringert haben.“ Ich dachte nur: „Na das ist ja eine wahnsinnige Leistung!“
Die Woche zuvor drehte sich in den Nachrichten alles darum, dass das Pentagon angeblich die irakische Presse kontrolliert und gezielt US-freundliche Artikel in den Zeitungen platziert. (Ich für meinen Teil, heiße alles für gut, was diesen Krieg so schnell wie möglich beendet und unsere Jungs wieder nach Hause bringt. Und wenn dafür irakische Herausgeber bestochen werden müssen, ist es das Geld wert.) Der Skandal wurde von der Los Angeles Times aufgedeckt, die dazu ganz passend einen irakischen Verlagschef zitierte: „Hätte ich gewusst, dass diese Meldungen direkt von der US-Regierung kamen, hätte ich sehr viel mehr für die Veröffentlichung verlangt.“
In einem sehr gelungenen Artikel schrieb Jacob Weisberg im Slate-Magazin, dass bei Präsident Bushs Pressekonferenzen nur regierungsfreundliche Journalisten eingeladen sind, deren schlimmste Fragen sich höchstens nach den Unterwäschevorlieben des Präsidenten erkundigen. Es ist wirklich traurig, wie weit wir heute schon sind. Es heißt auch, dass die momentane Regierung Kommentatoren bezahlt, um ihre Politik ins rechte Licht zu rücken. Ich denke nicht, dass man so etwas an der Journalistenschule lernt. Die ganze Welt scheint korrupt zu sein. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass eine britische Romanautorin von einer Wodkafirma Geld bekam, um in ihrem neuen Buch den Namen des Produkts immer wieder zu erwähnen. Product placement – in einem Roman! Warum war ich nicht so klug?
Nennen Sie mich Ishmael. Immer wenn sich in meiner Seele trübe Novemberstimmung breit macht, mache ich mir eine schöne, heiße Tasse Campbell’s leckerer Muschelsuppe...Das Wort ‚Spin’ taucht mittlerweile überall auf. Es ist wirklich schwer genau festzumachen, woher es eigentlich kommt. Linda Wertheimer von National Public Radio behauptet, dass alles 1984 nach einer Präsidentschaftsdebatte zwischen Ronald Reagan und seinem Herausforderer, Walter Mondale begann. Nach dieser Debatte traten die Berater beider Kontrahenten, unterstützt von einer Menge jubelnder Befürworter, vor die Mikrophone und riefen ihren Sieg aus. Reagans Auftritt war, um es mit den Worten einer seiner Berater zu sagen, eine Katastrophe, aber der Leiter von Reagans Wahlkampagne, der legendäre Lee Atwater, sagte danach: „Wir gehen jetzt da raus und drehen (= to spin) die Meinung der Leute einfach um“ Die New York Times erfand daraufhin die Bezeichnung „spin doctors“ für diese Art von Beratern.
Ich habe allerdings noch weitere Recherchen betrieben – okay, das ist etwas übertrieben. Alles, was ich getan habe, war in Google die Wörter „spin origin of“ einzugeben, um den Ursprung des Wortes zu finden. Innerhalb weniger Sekunden gelangte ich auf eine Seite, die sich ‚Word Spy’ nennt. Und Word Spy zufolge, wurde das Wort „spin“ bereits vor der Reagan-Mondale Debatte verwendetet. Genauer gesagt erschien es in diesem Zusammenhang zum erstenmal 1977 in einem Artikel der Washington Post. Dort hieß es:
„Pertschuk wird vorgeworfen sich zu engagiert für die Bedürfnisse der Verbraucher einzusetzen, sich die Meinung verschiedener Mitglieder der Kommission zu erkaufen, seinen eigenen „Spin“ (Sichtweise) von Dingen anzubringen. Kurzgesagt, er handelt, als sei er der 101. Senator.“ [Spencer Rich, "An Invisible Network of Hill Power," The Washington Post, March 20, 1977]
Der Name Pertschuk kam mir entfernt bekannt vor. Ich suchte also noch mal im Internet... Pertschuk war der Vorsitzende der U.S Federal Trade Commission. Und ein sehr gerechter Vorsitzender noch dazu. Letztendlich wurde er zu seinem Rücktritt gezwungen.
Und was hat er danach getan? Er wurde der Vorsitzende der Nichtraucher-Lobby. Eine 180° Wendung.
Also: Viel Spaß mit dem Film. Schaltet eure Handys aus und wie Mr. Pertschuk sagen würde: „No Smoking!“