Aber die Vorbereitung der Drehorte in der idyllischen Landschaft von Virginia war nur der erste Schritt bei der Gestaltung eines faszinierenden Ambiente, das den Hintergrund zu "The New World" bildet. Um diese Welt lebendig werden zu lassen, benötigte Malick die Hilfe seines langjährigen Mitarbeiters, des Produktionsdesigners Jack Fisk.
"Wer Jack Fisks Filmsets besucht, kommt sich vor wie in Caravaggios Studio", sagt seine "New World"-Kollegin, die Kostümbildnerin Jacqueline West. "Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt."
Fisks Aufgabe bei "The New World" stellte ihn vor bisher nicht gekannte Probleme.
"Ich lebe zwar in Virginia, wusste aber kaum etwas über die Indianerkultur oder die Angelsachsen zur Zeit der Besiedlung von Jamestown. Nur das, was ich im Geschichtsunterricht mitbekommen hatte", sagt Fisk.
Also absolvierte er einen Schnellkursus - das Ergebnis ist eine Darstellung des Lebens Anfang des 17. Jahrhunderts in Nordamerika, wie sie so authentisch bisher auf keiner Leinwand zu sehen war.
"Ich fand das sehr spannend, weil wir ja auf den 400. Jahrestag der Jamestown-Siedlung hinarbeiten - ich war überzeugt, dass diese Geschichte unbedingt erzählt werden muss, um beiden Kulturen gerecht zu werden", sagt Fisk. "Als Vorbereitung für den Bau des James-Forts studierte ich die schriftlichen Quellen der Kolonisten, vor allem die, die vor Ort in Jamestown entstanden, und Augenzeugenberichte."
"Glücklicherweise wurde das Jamestown Rediscovery Project ganz in der Nähe unseres Drehorts durchgeführt", fährt Fisk fort. "Bei der Konstruktion des James-Forts verwendeten wir alle dieselben Quellen, wobei die Archäologen aber vor allem tatsächliche Reste und Spuren in der Erde auswerteten. Was ich bei unserem ersten Treffen erfuhr, veranlasste mich, mein Original-Design des Forts noch einmal zu überarbeiten."
Ausstatter David Crank durfte sich mit dem Bau des Forts einen Kindheitstraum erfüllen.
"Ich bin in Virginia aufgewachsen, und schon in der vierten Klasse habe ich das James- Fort aus Eisstielen nachgebaut", erinnert er sich.
Der Bau des Forts war also sehr spannend, was es aber durchaus nicht einfacher machte. Die Konstruktion des Sets wurde dadurch sehr erschwert, dass Malick im Einklang mit seinem Arbeitsstil verlangt, jeden Set wie ein tatsächliches Gebäude realistisch und mit allen Wänden zu bauen.
"Als einer von wenigen Regisseuren schaut sich Terry niemals Entwürfe an", sagt Fisk. "Er sagt nur: ,Egal, was du baust: Wir kommen rein und drehen wie ein Dokumentarfilmteam.' Terry dreht am liebsten wie an einem Originalschauplatz, denn je kompletter der Set ist, desto umfangreicher kann er ihn einsetzen. Es gefällt ihm gar nicht, wenn er nur einen Teilabschnitt des Sets oder eine Wand nur in einer Richtung filmen kann. Und weil Terry kein künstliches Licht mag, orientiert er sich beim Einrichten der Einstellungen nach dem Stand der Sonne. Wir mussten also Schauplätze gestalten, die diesen Anforderungen genügen. Terry möchte ausschließlich in einer realen Umgebung arbeiten - es bringt natürlich riesigen Spaß, die Sets so echt wie nur möglich zu bauen."
Das große James-Fort musste auf dem Flussufer errichtet werden - es ist von einem weiten Areal von Feldern umgeben, auf dem Wildgräser und Fenchel wachsen.
"Wir hatten Glück, denn nach Jacks Anweisung bauten wir den Set sehr genau nach den Vorlagen des ursprünglichen Forts, so weit sie uns bekannt sind", sagt Ausstatter David Crank. "Das ging praktisch nur in Handarbeit."
Angesichts der großen Schwierigkeiten beim Bau des Sets fragte sich das Team staunend, wie die Siedler damals wohl die Errichtung des ursprünglichen Forts bewältigt haben.
"Ich wollte unbedingt Baumaterial aus der Umgebung verwenden, damit die Tonerde, das Flechtwerk und der Putz (so baute man damals) möglichst echt aussehen", sagt Fisk. "Aber im Gegensatz zu den Kolonisten ließen wir uns das Holz auf Lastwagen liefern, wir benutzten Kettensägen und hoben es mit Gabelstablern an. Die Kolonisten mussten Pfähle mit einer Höhe von 3,5 bis 4,5 Metern zuschneiden - und ein weiterer Längenmeter der Pfähle wurde in der Erde versenkt. Für diese Palisaden hoben sie Gräben in einer Länge von 350 Metern aus, stellten die Pfähle hinein, und dann wurden alle Blätter und Äste entfernt. Das muss 1607 eine übermenschliche Leistung gewesen sein."
Auch mit modernem Arbeitsgerät nahm der Bau des Forts eine Menge Zeit in Anspruch.
"Für die Umfassungsmauer des Forts brauchten wir 30 Tage, und weitere sechs Wochen waren nötig, um im Inneren des Forts die elf oder zwölf Gebäude mit jeweils vier Wänden zu errichten", sagt Fisk. "Wir haben keinerlei Scharniere verwendet, sondern nur aus Holz geschnitzte Zapfen. Das funktionierte sogar besser. Durch derartige kleine Experimente lernt man ständig dazu. Entscheidend war immer der natürliche Baustoff, den wir in der Umgebung vorfanden."
Obwohl das James-Fort des Films etwa 25 Prozent kleiner als das Original ist, entsprechen die grobschlächtige Konstruktion, der ländliche Stil der Gebäude, die Verwitterung genau der Stimmung und Atmosphäre des Originals. Sauberkeit und Hygiene waren im Fort Fremdwörter - auf dem matschigen Boden stehen Pfützen, die Wände aus Holz und Ton trotzen der sie umgebenden Natur.
Das James-Fort in "The New World" sieht also genau so aus, wie es war: ein schmuckloser Fremdkörper auf dem Boden der amerikanischen Ureinwohner. Im Gegensatz dazu musste sich Fisk um echte organische Integration kümmern, als es galt, seine dreidimensionale Umsetzung von Powhatans Stadt Werowocomoco in den Küstenwald einzufügen. In Powhatans Welt der Algonquin-Ureinwohner gab es keine schriftlichen Aufzeichnungen - deshalb mussten sich Fisk, Crank und ihre Teams an die Zeichnungen halten, die vom Engländer John White überliefert sind: Er ist Anfang des 17. Jahrhunderts ausführlich durch das Indianergebiet in North Carolina gereist. Auch von John Smith gibt es Beschreibungen, vor allem aber sind die Traditionen der Indianer von Virginia mündlich überliefert worden.
"Etliches bei der Gestaltung von Werowocomoco und den anderen indianischen Siedlungen geht auf unsere Recherchen zurück - in anderen Fällen ließ ich mich einfach vom großen Geist inspirieren - er hat mir gesagt, wie ich es machen soll", sagt Fisk. "Ich kam mir sehr seltsam vor, als ich eine Indianerkultur neu gestaltete, die teilweise vernichtet wurde. Die Kolonisten zerstörten den Lebensraum der Indianer, weil sie ständig mehr Land wollten. Als sie den Tabak entdeckten - der den Eingeborenen heilig war und nur in Zeremonien verwendet wurde - und merkten, dass man ihn verkaufen konnte, besetzten die Kolonisten alle Freiflächen in Virgina. Die Indianer mussten nach Ohio oder Oklahoma ausweichen. Gegen die Feuerkraft der Engländer waren sie machtlos, und letztlich kamen die Einwanderer in zu großen Mengen. Weil die Indianer keine Schriftsprache kannten, müssen wir ihre Geschichte aus den Überresten, aus archäologischen Funden rekonstruieren. Für unsere Filmbauten konnten wir teilweise genaue Vorlagen benutzen, teils benötigten wir Fantasie, aber ich hoffe, dass die Filmatmosphäre diese bedeutende Kultur richtig darstellt."
Von gewaltigen Bäumen überschattet, ist das üppige Grün des angenehm kühlen Landstrichs am Ufer des Chickhominy River die perfekte Kulisse für eine Indianersiedlung, die sich der Natur anpasst, statt eine Bresche in sie zu schlagen.
"Die Indianer betrieben Ackerbau, sie waren hervorragende Jäger und Fischer", sagt Fisk. "Sie wussten all die Meerestiere in den Flüssen und in der Chesapeake Bay zu nutzen."
Mit den Sets von Werowocomoco und den anderen Indianersiedlungen liefert Fisk ein traumhaftes Paradebeispiel atmosphärischen Produktionsdesigns - Powhatans Hütten scheinen organisch aus dem Boden zu wachsen. Die Behausungen der Eingeborenen entstanden aus natürlichen Materialien, als Vorlagen dienten neueste wissenschaftliche Erkenntnisse.
"John Whites Zeichnungen zeigen Powhatans Häuser mit abgeflachten Seiten, aber neue archäologische Funde legen nahe, dass sie alle rund waren, und so haben wir sie gebaut", berichtet David Crank.
Sowohl die kleineren Hütten als auch Powhatans beeindruckendes Langhaus sind mit Matten bedeckt, die Wind und Wetter abhielten, aber an freundlichen Tagen zur Lüftung hochgerollt werden konnten.
Neben den Wohngebäuden der Einwohner von Werowocomoco entwarf und baute Fisk mit seinem Team auch weitere Häuser, die vom regen religiösen Leben der Gemeinde zeugen: zum Beispiel einen unauffälligen Waldtempel, geschnitzte Holzfiguren in zeremonieller Kreisanordnung und einen ungewöhnlich geschnitzten stehenden Bären, den Tischler Michael Boone einen Tag vor Drehbeginn aus einem Baumstamm gestaltete.
Von entscheidender Bedeutung beim Bau des Werowocomoco-Sets waren die Getreidefelder, die die Ureinwohner von Virginia mit großer Sorgfalt pflegten.
"Die Zeiten und die Sorten haben sich seit 1600 geändert, wir haben also recherchiert, wo wir indianischen Mais und Tabak auftreiben können", sagt Fisk. "Wir bepflanzten daraufhin ein 1,2 Hektar großes Areal als Hauptgarten von Werowocomoco. Jeff DeBell und sein Gärtnerteam haben fantastische Arbeit geleistet. Sie haben Gräser gepflanzt, die es wahrscheinlich damals in der Gegend gab. Glücklicherweise konnten wir schon im Frühjahr mit den Vorbereitungen anfangen und das Gras säen, damit es bis zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im Spätsommer wachsen konnte."
Ironie des Schicksals: Die sintflutartigen Regengüsse, die die Dreharbeiten vielfach behinderten, waren ein Segen für den Mais, die Kürbisse, Melonen und die heiligen Tabakpflanzen der Produktion.