Mittwoch | 30. Mai 2012 | 20:52 Uhr
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  • L.A. Crash

    Drama | USA 2005
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      • | Die Entstehungsgeschichte

      • Autor und Regisseur Paul Haggis generierte das Drehbuch zu L.A. CRASH aus einem komplizierten Gemisch von persönlicher Erfahrung, Ängsten und Beobachtungen. Haggis wurde beim Verlassen einer Videothek in Los Angeles Opfer eines Carjackings mit vorgehaltener Waffe. Als er nach Hause kam, ließ er zuerst alle Schlösser auswechseln... und fing dann an, über die Täter nachzugrübeln – wie lange sie schon befreundet waren, was ihnen Spaß machte, ob sie sich als Kriminelle betrachteten, wie sie ihre Handlungen rechtfertigten – so wie jeder andere es wohl auch getan hätte. Erst Jahre später entschied sich Haggis dazu, über den Vorfall zu schreiben – allerdings aus der Täterperspektive. „Zu dem Zeitpunkt lebte ich bereits 25 Jahre lang in L.A. und bin Zeuge unserer ganz eigenen subtilen Form des Rassen- und Klassenkampfs geworden. Ich sah jeden Tag, auf welch vielfältige Weise wir uns gegenseitig im Alltag diskriminieren. Ich beobachtete unsere Rechtfertigungs- und Erklärungsversuche dafür und unsere ausgeklügelten Vermeidungsmechanismen, die wir anwenden, um uns nicht mit der Rassismusproblematik auseinandersetzen zu müssen. Wieder und wieder entdeckte ich, wie unangenehm Menschen wie ich selbst die Thematik empfinden. Keiner meiner Bekannten würde jemals zugeben, Vorurteile zu hegen, egal wie nichtig sie sein mögen. Doch wenn man genau zuhört, kann man von Zeit zu Zeit die „harmlosen“ Kommentare oder Scherze vernehmen, die die wahren Gefühle ausdrücken. Perverserweise machten viele weiße Männer diese Bemerkungen im Beisein ihrer schwarzen Freunde und Geschäftspartner – quasi als schlagenden Beweis dafür, dass Rassismus nicht mehr existiert. Und ich verfolgte, wie Politiker die Rassenthematik für ihre eigenen zynischen und eigennützigen Zwecke missbrauchten. Doch erst nach dem 11. September verstand ich, wie ich diesen Film zu schreiben hatte. Denn im Grunde genommen geht es gar nicht um Rassen- oder Klassenunterschiede – vielmehr dreht sich alles um unsere grundlegende Angst vor dem Unbekannten. Es geht um Intoleranz und Mitgefühl, die Angst, verurteilt zu werden und doch selbst kein Problem damit zu haben, andere zu verurteilen. Und ich erzähle von den vielen Situationen, in denen gerade jene, die man eben noch verurteilte, uns selbst überraschen – im Guten oder Schlechten.“

        „Meines Erachtens geht die Frage nach Rasse und Rassismus jeden Amerikaner etwas an,“ bemerkt Haggis’ Co-Autor Robert „Bobby“ Moresco. „Ich kenne niemanden, der noch nie betroffen war.“

        Und noch weniger trauen sich, das Thema in all seiner Komplexität und Brisanz zu diskutieren. „Ich wollte einen respektlosen, witzigen, tragischen und schockierenden Film drehen,“ verdeutlicht Haggis. „Unsere Gesellschaft ist von Angst zerfressen und unser Präsident nutzt diese Angst als Kontrollmittel aus, und die Medien nutzen ebenfalls unsere Furcht, um uns zu manipulieren. Ich wollte diese Tatsache diskutieren und die vielen Kanäle offen legen, durch die unsere Ängste die Wahrnehmung der Welt um uns herum beeinflusst und verzerrt.“

        „Als Schlüssel zur Aufrechterhaltung dieser Furcht und Kontrolle dient die Unterscheidung der Menschheit nach Rassen- und Klassenkriterien, nach Hautfarbe, Einwanderungszeitpunkt und Einkommenshöhe. Darüber hinaus spielt die Selbstwahrnehmung der eigenen Identität als Amerikaner insbesondere nach dem 11. September und Bushs Terror-Feldzug eine Rolle.“

        „Man kann den Film in keine Schublade stecken, weil er sich auch jeder Stimmungskategorie entzieht,“ erklärt L.A. CRASH-Produzentin Cathy Schulman. „Der Film dreht sich um das wahre Leben. Aber er besitzt auch Elemente der Fabel und der Sittenbeschreibung. Darüber hinaus verbreitet L.A. CRASH Hoffnung. Wir erleben Leichtsinn und Herzschmerz, Tragik, Schönheit und Komik. All diese Elemente rufen Anklänge an verschiedene Genres wach, verhindern aber auch eine klare Einordnung.“

        „Wir behandeln hier keine extremen oder riskanten Themen,“ bemerkt Produzent und Co-Star Don Cheadle, der Officer Graham Waters spielt. „So reden die Leute nun mal. So geht es zu, wenn die Leute mal nicht höflich sind, oder? Sind wir ehrlich genug, um das zuzugeben? Die Herausforderung bei diesem Film besteht darin, dass man eigentlich lachen will, aber weiß, dass man über so etwas nicht lachen darf, aber es dennoch tut. Also geht man am besten rein, schaut ihn sich an, lacht, und denkt anschließend darüber nach, warum und worüber man gelacht hat.“

        „Ich nenne so etwas eine ´graue´ Komödie,“ erzählt der Produzent und langjährige Haggis-Weggefährte Mark R. Harris. „Sie ist nicht völlig schwarz. Ich liebe solche Filme, weil sie zum Nachdenken und Lachen anregen, und man sich dennoch eingestehen muss ‚Ich bin einer von denen’. Ob nun im Science fiction-, Historien- oder zeitgenössischen Film – man vermittelt seine Message am besten mit Humor.“

        Co-Star Sandra Bullock überzeugt als Jean Cabot, die einsame und misstrauische Frau des von Brendan Fraser gespielten, ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalts, und vermutet, dass L.A. CRASH die Zuschauer an die oftmals vorhandene Einsamkeit eines modernen Daseins erinnert. „In unserem Alltag leben wir so fern der Realität, dass es oft einer Katastrophe bedarf, um uns dazu zu bewegen, die Wahrheit zu spüren oder sogar nur zu erkennen,“ erklärt sie. „Wir suchen nach immer neuen Wegen, uns abzukapseln und unsere Gefühle abzutöten. Wir können ja immer noch den Fernseher abschalten und schon ist das Problem nicht mehr existent – für kurze Zeit. Wir sind zu bequem, viel zu bequem.“

        Jennifer Esposito, zu sehen als Detective Ria, findet L.A. CRASH wegen der schnellen Abfolge von Momenten des Kicherns und des Unbehagens faszinierend. „Man lacht und fühlt sich gleichzeitig bei vielen Situationen absolut unwohl,“ verdeutlicht sie. „Ich habe seit Ewigkeiten kein besseres, kein menschlicheres Skript gelesen... Dieser Film wird niemanden kalt lassen. Ob sie ihn nun hassen oder lieben, man wird sich eine Meinung bilden. Er wird Gesprächsstoff liefern. Er wird unterhalten. Er wird viele Leute aufregen.“

        Die Wahrheit schmerzt oftmals, bemerkt der Autor und Regisseur Paul Haggis. „Hier geht es nicht um das Leben der anderen, um irgendwelche Typen am anderen Ende der Welt. Wir kriegen es mit guten Leuten zu tun, mit Leuten wie wir selbst es sind, mit Leuten, von denen man annimmt, dass sie sich über sich selbst im Klaren sind. Dann aber stellt man sie vor eine Herausforderung und merkt, dass sie von nichts eine Ahnung haben. Keiner der Beteiligten kommt ungeschoren davon.“

        „Wir sprechen Wahrheiten an, die keiner gerne zugeben möchte. Keiner gibt zu, selbst so zu denken – so was sagt man normalerweise hinter verschlossenen Türen,“ erklärt der Rapper und Schauspieler Chris „Ludacris“ Bridges, der den Carjacker Anthony verkörpert. „Deshalb finden die Leute es ungewöhnlich, dass die Problematik offen dargestellt wird. Darüber werden sich sicher viele aufregen. Natürlich ist das Thema kontrovers, aber verdammt noch mal, so ist das Leben. Die Leute fürchten sich vor der Wahrheit. Trotzdem sollte man sie ihnen nicht vorenthalten.“

        Co-Star Terrence Howard übernimmt die Rolle des Fernsehregisseurs Cameron Thayer und bemerkt unverblümt: „Ich bin doch eh nur der bezahlte schwarze Pausenclown. Zumindest komme ich mir so vor. Darum geht es. Wir alle – auch Mexikaner und Asiaten – sind doch immer noch Pächter, die sich auf ihren kleinen Farmen über Wasser halten.“

        Der Grundgedanke, Vorurteile und vorgefertigte Meinungen in Frage zu stellen, entwickelte sich parallel zur Entwicklung der Charaktere – basierend sowohl auf Haggis’ und Morescos Beobachtung ihrer eigenen dunklen Seiten als auch auf Menschen, die sie kannten, und Situationen, die diese erlebt hatten.

        „Meine gute Freundin Anita Addison ist vor kurzem verstorben,“ erzählt Haggis von der afroamerikanischen Regisseurin und Menschenrechtlerin, der er den Film gewidmet hat. „Ihr ganzes Leben wurde durch Rassismus geprägt. Ihre Eltern kämpften im Süden für die Menschenrechte und schrieben sie als Gleichstellungsmaßnahme an für Weiße bestimmten Schulen ein. Man beschimpfte sie, weiße Eltern nahmen ihre Kinder von der Schule, der Ku Klux Klan brannte Fackeln ab, die Sicherheitskräfte kamen und setzten die Aufhebung der Rassentrennung mit Gewalt durch. Ich dachte oft darüber nach, wie ein Kind sich von solch brutalen Erfahrungen erholt. Anita hat über diese Erfahrungen nie gesprochen.“

        Haggis bewundert und respektiert Addisons Mut und Stärke. „Sie war eine großartige, wunderbare, schöne, hilfsbereite und großzügige Frau, die einen Raum betreten und mit der erstbesten Person, von der sie glaubte, sie hätte das Sagen, einen Streit anfangen konnte. Sie fackelte nicht lange und ich wunderte mich immer darüber. Irgendwann aber erzählte mir jemand ihre Lebensgeschichte und alles ergab plötzlich einen Sinn.“

        Brendan Fraser verkörpert den Bezirksstaatsanwalt Rick Cabot, der sich plötzlich auf der Opferseite wiederfindet. Für ihn besteht das Besondere an der Geschichte in der Art, wie sie die Balance zwischen den vielen Personen und der verwobenen Storyline hält. „Mich hat die Geschichte fasziniert,“ gesteht Fraser. „Jeder Charakter, jede Lebenssituation wird von vorne bis hinten gleich behandelt.“

        „Jeder bekommt, was er verdient,“ stimmt auch Larenz Tate zu, der den Carjacker Peter spielt. „Die Schwarzen, die Weißen, die Latinos und die Asiaten – jeder, den man sich vorstellen kann, kriegt gleichermaßen sein Fett ab. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Jedem das Seine.“

        Dieses Gleichgewicht entstammt vermutlich einer weiteren Erfahrung, die Haggis machte und die seine Sichtweise dramatisch veränderte. „Paul erzählte eine Geschichte von seinen Kindern, die in eine Privatschule in Los Angeles gingen, in der etwas zwischen den Schülern vorgefallen war, bei dem manche Eltern eine gewisse Befangenheit vermuteten, weil es sich um einen rassistischen Übergriff gehandelt haben könnte“ erklärt Cheadle. „Ich denke, dieser Elternabend ist dann etwas außer Kontrolle geraten, weshalb Paul als guter Links-Subversiver vorschlug, die Sache doch am folgenden Wochenende bei ihm zu Hause noch einmal zu besprechen. Und er erzählte, dass einzig die schwarzen Frauen bei ihm aufgetaucht sind und zu Gesprächen bereit waren. Das war dann ein weiterer Punkt für ihn, über solche Dinge zu schreiben.“

        Solche und andere Ereignisse brachten Haggis nachts um den Schlaf. „Ich wachte eines Tages um drei Uhr morgens auf und konnte nicht mehr einschlafen,“ erinnert er sich. „ich dachte über Anita und andere Dinge nach, die mich beschäftigten. Also stand ich auf, fing an zu schreiben und hatte bis morgens bereits einen 40-seitigen Entwurf fertig.“

        In diesem Entwurf, aber auch dem folgenden Drehbuch, das er zusammen mit Moresco schrieb, geht es um eine Gruppe Fremder, die in der Vorweihnachtszeit in Los Angeles plötzlich miteinander konfrontiert werden. „Ich nahm mir reale Ereignisse vor und veränderte sie ein wenig,“ erklärt Haggis. „Wir schrieben aus der Sicht der Carjacker anstatt meiner eigenen. Ich wollte mit Stereotypen spielen, mit den Vorurteilen, die wir automatisch über andere fällen. Außerdem ging es mir darum, zu zeigen, wie jemand auf eine andere Person völlig unabsichtlich Einfluss nimmt – man provoziert den Typen an der Ampel neben sich, der wird sauer und lässt die Wut an jemand anderem aus, der ihm zufällig über den Weg läuft und völlig unschuldig ist. So zieht das seine Kreise.“

        „Zufälle spielen in der gesamten Geschichte eine große Rolle, treffen all diese verschiedenen Personen auf unerwartete Weise,“ fügt Moresco hinzu, der zwei intensive Wochen lang mit Haggis am Drehbuch arbeitete. „Die Existenz des einen berührt jemand anderen und noch einen und noch einen, bis irgendwann jeder die Auswirkungen zu spüren bekommt.“

        „Es ist ein Zwischending zwischen Moralfabel und Warnung,“ erklärt Co-Star Ryan Phillippe, der als Polizist Tom Hansen einen Fehler begeht, den er nie wieder gut machen kann. „Man erfährt, wie fragil das Konzept der Menschlichkeit ist und wie selbst die kleinste Entscheidung, die im Augenblick völlig unwichtig erscheint, eventuell mächtige Auswirkungen hat, Wellen ungeahnten Ausmaßes schlagen kann.“

        Haggis sieht den Kreis geschlossen. „Ich hasse es, dass Amerikaner immer alles definieren müssen. Wir lieben es, diesen als ´gut´ und jenen als ´böse´ zu charakterisieren,“ stöhnt er. „Wenigstens in diesem Film wollte ich es vermeiden, über andere Leute zu richten. Diesmal wollte ich uns selbst anklagen.“

        Insbesondere die Gedanken, die wir hegen, doch selten laut aussprechen. Die Reaktionen, die wir fühlen, über die wir uns aber kaum Gedanken machen. Die Annahmen, Stereotypen, Vorurteile und Ängste, die wir in uns tragen, aber stets von uns weisen. Während seiner ersten fieberhaften Nacht des Schreibens fühlte sich Haggis als „nähme ich ein Taschenmesser und steckte es in eine offene Wunde, legte den Knochen und die umliegenden Nerven frei, um zu sehen, wer ich wirklich bin, was ich an mir nicht mag.“

        „Wer nach diesem Film aus dem Kino geht und sich nicht selbst in den Protagonisten wiedererkennt, ist ein absoluter Lügner,“ kommentiert Bullock. „Vielleicht ist man anfangs noch nicht bereit, es zu erkennen, vor allem dann, wenn man sich dabei nicht an die eigene Nase fasst.“

        Co-Star Tate hofft, die tiefgründige Geschichte könnte die Leute dazu bringen, „sich im Spiegel einmal so anzusehen, wie man es sonst immer vermeidet“. Er fügt hinzu: „L.A. CRASH ist absolut unkonventionell, sehr ungewöhnlich. Vom Thema her wirkt der Film eher düster, doch man kann auch den Humor darin erkennen. Ich hoffe, den Leuten gefällt´s. Schließlich haben die meisten von uns nur wegen dieser Story mitgemacht.“

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