Sandra Bullock und Keanu Reeves geht es genauso wie dem von ihnen gespielten Liebespaar: Sie wechseln sich im Haus am See ab. Es liegt an der ungewöhnlichen Struktur des Stoffs, dass die beiden Schauspieler eine leidenschaftliche Lovestory spielen, aber nicht gleichzeitig auf der Leinwand zu sehen sind – sie entwickeln sie vielmehr im emotionalen, intimen Dialog ihrer Korrespondenz.
Dabei kann es gewiss nicht schaden, dass Bullock und Reeves sich privat bestens verstehen – seit sie sich vor zwölf Jahren am Set des internationalen Hits „Speed“ kennen lernten, sind sie eng befreundet. Bullock spielte damals ihre erste Hauptrolle, und beide Stars wurden mit einem ganzen Strauß von MTV Awards und Nominierungen ausgezeichnet, zum Beispiel als bestes Leinwand-Duo und für den Besten Kuss.
„Ich lasse mich gern von ihr inspirieren“, sagt Reeves nicht nur in Bezug auf Bullocks Karriere, in der sie sich mittlerweile auch als Produzentin und Executive Producer profiliert, sondern auch in Bezug auf ihre privaten Interessen, zu denen auch das Restaurieren von Häusern zählt. „Wir haben zwar seitdem nicht zusammengearbeitet, halten aber Kontakt und kommen bestens miteinander aus. Ich habe mich sehr gefreut, wieder mit ihr zu drehen. Sie spielt die Kate als starke, aber auch verletzliche Frau, die mitten im Leben steht, aber auch von fernen Dingen träumt, was die Story eben sehr spannend macht. Sehr viel muss sie ganz ohne Worte ausdrücken. Aber ihre lockere Art, ihren Humor hat sie nicht verloren.“
„Keanu war mein erster Filmpartner. Ich hatte vorher schon Nebenrollen gespielt, aber bei ,Speed‘ gehörte ich dann wirklich zum Team. Ich mag ihn sehr“, antwortet Bullock. „Wir haben uns seitdem regelmäßig getroffen. Als wir mit den Proben zu ,Das Haus am See‘ begannen, fühlte ich mich sofort wie zu Hause. Wir verstehen und vertrauen uns so, wie man es schlecht in Worte fassen kann.“ Und mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: „Das merkt man daran, dass wir uns ständig streiten!“
Bei den Dreharbeiten „arbeiteten wir zwar zusammen, aber eher im Vorübergehen“, erinnert sich Bullock. „Das lief ganz ähnlich wie im Drehbuch ab: Man stellt sich vor, dass Kate eigentlich nur nach links statt nach rechts schauen müsste, dann würde sie Alex vielleicht entdecken. Und wenn sie einen anderen Weg eingeschlagen hätte, wäre sie ihm begegnet, statt sich von ihm zu entfernen.“ Wobei diese Sisyphus-Arbeit des Aneinander-Vorbeigehens laut Bullock die romantische Spannung ständig steigert. „Sie sind schon so lange getrennt, und die Situation ist derart kompliziert, dass es einem das Herz bricht. Wir Zuschauer wünschen uns schließlich genauso stark wie die beiden, dass sie endlich zueinander finden.“
Regisseur Agresti achtete besonders auf die unzähligen optischen Details, mit denen er die Verbindung, die Bezugspunkte zwischen den Liebenden noch verstärken konnte. Dazu Bullock: „Jede Einstellung wurde aus ganz bestimmten Gründen so und nicht anders gefilmt, und alle Einzelheiten im Bild – ob Möbel, Bilder oder sonst ein Detail, das die Kamera erfasst – beziehen sich auch auf etwas anderes, haben Symbolcharakter, so dass Kate und Alex ständig verbunden sind, ob sie es nun merken oder nicht. Selbst wenn sie sich nicht im selben Raum befinden, kann ein von Kate ausgelöstes Ereignis Alex’ Welt beeinflussen und umgekehrt.“
Als der Winter kommt, steckt Kate spontan einen warmen roten Schal für Alex in den Briefkasten des Hauses am See, und fortan trägt er ihn – ein weiteres Element ihres Austausches. Später, als die beiden die Grenzen, aber auch das unglaubliche Potenzial ihrer Situation akzeptiert haben, kommt es zu einer anrührenden Szene: Alex sorgt für ein dringend nötiges freundliches Detail in Kates tristem Leben, indem er 2004 dort einen Baum pflanzt, wo 2006 ihr zukünftiges Apartment stehen wird – denn er weiß, dass der Schößling in zwei Jahren zu einem Baum herangewachsen sein wird, an dem sie sich freuen kann.
„Vom Bildaufbau erleben wir Alex’ und Kates Szenen so, als ob sie sich praktisch in denselben Räumen aufhalten“, sagt Reeves. Er ist aber davon überzeugt, dass vor allem die zunehmende „Intensität und Intimität ihres Dialogs“ im Zuschauer das Gefühl entwickelt, dass diese beiden Menschen, die ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind, tatsächlich schon zusammen sind.
Dennoch wächst in den beiden die Frustration, dass sie sich so gut verstehen, aber dennoch zwei Jahre voneinander getrennt sind – das ist für sie immer schwerer zu ertragen, und Kate überlegt, ob diese ungewöhnliche Romanze ewig eine vergebliche Fantasie bleiben muss.
An diesem entscheidenden Wendepunkt taucht auf einmal ihr Ex-Verlobter Morgan wieder auf.
Morgan ist überzeugt, dass es vor Monaten zum Bruch kam, weil er sich standhaft geweigert hatte, mit Kate nach Chicago zu gehen. Er liebt sie nach wie vor und hofft auf eine weitere Chance. Er hat zwar schon mehrere Versuche gestartet, das Feuer neu zu entfachen, aber erstmals ist Kate überhaupt bereit, ihm wenigstens etwas entgegenzukommen.
Dylan Walsh kann sich derzeit in seinem Erfolg als Dr. Sean McNamara in der mit dem Golden Globe preisgekrönten Hitserie „Nip/Tuck“ (Nip/Tuck) auf dem FX Network sonnen. Als Morgan stellt er es recht geschickt an, Kate wieder zu erobern – sie hat ihn nämlich einst durchaus gemocht, und vielleicht entscheidet sie sich jetzt erneut für ihn. „Denn eigentlich gibt es an Morgan überhaupt nichts auszusetzen“, sagt Walsh. „Außer vielleicht, dass er im Gegensatz zu Alex mit beiden Beinen auf der Erde steht. Er hat keine Flausen im Kopf. Vielleicht hat er keine tiefgründige Seele wie sein Rivale, aber er liebt Kate aufrichtig, und er hat den großen Vorteil, dass er tatsächlich an ihrer Seite ist.“
Bullock stimmt Walsh zu: „Morgan ist wirklich ein ganz lieber Typ – Kates Freunde wären sehr froh, wenn die beiden wieder zusammenkämen. Er ist zugänglich, liebevoll, und er betet Kate an. Wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, dass eine Frau sich gar nicht mehr wünschen kann. Doch letztlich muss man sich klar machen, dass ein Mann ein wunderbarer Mensch sein kann und trotzdem nicht zu ihr passt.“
Unterdessen behandelt Kate ihre Patienten im Krankenhaus so verantwortungsvoll und umsichtig wie bisher. Aber unmerklich verändert sie sich, und das fällt ihrer fürsorglichen Freundin und Kollegin Dr. Anna Klyczynski auf – sie wird von der iranischstämmigen Shohreh Aghdashloo gespielt, die 2004 mit ihrer Leistung in dem gefeierten „House of Sand and Fog“ (Das Haus aus Sand und Nebel) für den Oscar nominiert war.
„Anna merkt, dass Kate ein Problem hat“, sagt Aghdashloo. „Sie spürt ihr Dilemma, ohne den Grund zu kennen, und schöpft aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz, um Kate für ihre Aufgabe Mut zu machen. „Anna hat selbst eine Menge erlebt und bringt reichlich Lebenserfahrung mit. Als sie miterleben muss, wie die junge Frau dabei ist, dieselben Fehler zu begehen, die sie einst selbst gemacht hat, will sie Kate warnen, wie man es von einer Freundin erwartet. Sie hofft, Kate dadurch auf den richtigen Weg helfen.“
Die Entscheidung, den Spatz in der Hand für die unerreichbar ferne romantische Taube auf dem Dach aufzugeben, „ist ein erhebliches Risiko“, wie Reeves gern zugibt. „Aber manchmal muss man genau das tun, um weiterzukommen, sich zu verändern und die letzten Schritte in Richtung auf das entscheidende Ziel zu gehen.“