„Als Redaktionskarikaturist entwickelt man einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – man möchte die Welt verändern. Als Zeichner und Karikaturist hatte ich es täglich mit Symbolen zu tun… Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich seit Jack the Ripper kein Killer an die Presse gewandt und die Polizei mit Hinweisen auf seine Identität verspottet. Der seltsame Brief faszinierte mich.“ (Autor Robert Graysmith, „Zodiac“)
Griechische Buchstaben. Morse-Code. Wetter-Symbole. Buchstaben des Alphabets. Flaggensignale der Marine. Astrologische Symbole. Sie alle waren verquirlt in die chiffrierte Terrorbotschaft, die von Hand mit einem blauen Filzstift geschrieben war und am 1. August 1969 per Brief an die Redaktionen des San Francisco Chronicle, des San Francisco Examiner und des Vallejo Times-Herald geschickt wurde:
„Ich will, dass ihr diese Chiffre auf dem Titelblatt eurer Zeitung abdruckt. Diese Chiffre enthält meine Identität. Falls ihr die Chiffre nicht bis zum Nachmittag des Fr., 1. August 69 veröffentlicht, werde ich Fr.-Nacht einen mörderischen Amoklauf beginnen. Ich werden das ganze Wochenende herumfaren und nachts einsame Leute töten…“
Jahrzehntelang trafen weitere Briefe ein, die schreckliche Einzelheiten von Morden schilderten, die nur der Polizei bekannt waren. Auch eindeutige Beweise wie ein Fetzen des blutigen Hemds eines Mordopfers waren darunter, oder Einzelheiten über Bomben und Androhungen eines geplanten, groß angelegten Massenmordes an Schulkindern.
Die Dechiffrierexperten der CIA, des FBI, der National Security Agency und des Navy-Geheimdienstes waren ratlos – die Chiffre des Killers ließ sich nicht knacken.
Bis Highschool-Lehrer Donald Gene Harden aus North Salinas sein einstiges Jugendhobby reaktivierte und herausbekam, was keinem Experten gelungen war: das Motiv des Killers und seine mögliche Identität oder einen Hinweis auf seine Identität.
„Nachdem der Zeitungsbericht erschienen war, versuchte sich meine damalige Frau an dem Code, aber sie hatte keine Ahnung“, erinnert sich der heute 78-jährige Harden, der wieder geheiratet hat und in Fountain Hills/Arizona lebt. „Ich musste mir die Sache schon deswegen vornehmen, damit sie endlich damit aufhörte, weil es mich verrückt machte, ihr bei den Versuchen zuzusehen. Sie ließ einfach nicht locker. Er verwendete jede Menge Hinweise. Drei Tage habe ich daran gearbeitet. Damals habe ich mich kaum mit Dekodierung beschäftigt. Früher, als ich bei den Pfadfindern war, machte ich das manchmal. Als Junge hatte ich darüber gelesen und mich daran versucht. Ich rief bei der Zeitung an und sagte, ich hätte das Rätsel gelöst. Die Antwort war nur: ,Klar, schicken Sie uns das per Post.‘ Das habe ich getan.
Als der von den Hardens entschlüsselte Text erschien, wurden sie über Nacht berühmt – was sie nie für möglich gehalten hätten. Dann rief das FBI an. Sie hatten tatsächlich recht. „Ich weiß nicht, was meine Ex-Frau ihnen gesagt hat, ich war nicht dabei. Ich weiß nur, dass wir nie wieder etwas von ihnen gehört haben“, fügt er hinzu. „Wir hatten keine Ahnung, was die Medien auslösen würden. Ich wurde sogar in der Fahndungs-Sendung „America’s Most Wanted“ interviewt – etwa eine halbe Sekunde lang. Doch meine Ex-Frau entwickelte bald einen regelrechten Verfolgungswahn, wenn ein Reporter auftauchte, denn sie hatte Angst, dass der Killer uns aufspüren könnte. Ich musste mir eine Schusswaffe besorgen und sie unters Bett legen. Ich hatte nie eine Waffe besessen und habe sie auch nie ausprobiert. Ich kaufte sie nur, um meine Frau zu beruhigen. Ein paar Jahre später habe ich den Revolver dann verschwinden lassen.“
Die Schüler staunten nicht schlecht über die Fähigkeiten ihres Lehrers, denn sie hatten wie alle Schulkinder im Großraum San Francisco eine Heidenangst vor dem Chiffre-Schlitzer. „Als der entschlüsselte Text erschien, sprachen mich die Kids ständig darauf an. Also habe ich mir eines Tages die Zeit genommen und ihnen genau erzählt, wie ich das gemacht habe. Und das war’s“, erinnert sich Harden. „Ich wollte sie damit beruhigen. Und danach war das kein Thema mehr.“
Zunächst musste er ihnen das Code-Knacken erklären, ein Jargon-Begriff für die Entschlüsselung eines chiffrierten Textes. Texte werden chiffriert, um ihren Inhalt zu verbergen, sodass er nur denjenigen zugänglich ist, die ein entsprechendes Spezialwissen haben. Chiffren sind normale Textbuchstaben, Lettern oder Ersatzsymbole, die separat oder in Gruppen als chiffrierte Botschaft dienen. Obwohl der Ausdruck Code als Synonym für Chiffre benutzt wird, bestehen Codes normalerweise aus umgeformten Wörtern oder Phrasen, die üblicherweise verwendet werden, um die Botschaft zu verkürzen.
In Graysmiths Buch „Zodiac“ berichtet Harden, wie er die verschlüsselte Botschaft des Killers knackte. Zunächst prüfte er die Häufigkeit bestimmter Buchstaben. „Er wusste, dass der häufigste Buchstabe im Englischen das E ist, es folgen T, A, O, N, I, R und S. Die gebräuchlichsten Doppelbuchstaben sind L, E und S“, schreibt Graysmith. Die häufigsten Buchstabenkombinationen sind TH, HE und AN. Über die Hälfte aller Wörter beginnt mit T, A, O, S oder W, und die häufigsten Dreierkombinationen sind THE, ING, CON und ENT.
Harden merkte, dass der Killer Ersatzchiffren verwendete, die nicht aus Buchstaben, sondern aus Symbolen oder Figuren bestanden. Weil der Killer eine Vielzahl von Symbolen verwendete, war es nicht möglich, jedem Einzelbuchstaben ein bestimmtes Symbol zuzuordnen. Also musste Harden kreativ werden, auf die Methode des Killers bei der Wiederholung der Symbole schließen und die Anzahl der Variablen reduzieren. Dann kam ihm die Erleuchtung – der häufigste Doppelbuchstabe im Englischen ist L. Also suchte er im Kryptogramm des Killers nach Gruppen von jeweils vier Buchstaben, die das Wort „kill“ ergeben könnten.
„Im Krieg überprüfen Dechiffrierexperten die erbeuteten Chiffren immer in Hinsicht auf Symbole, die das Wort Angriff ergeben könnten“, stellt Graysmith fest. Unter diesem Gesichtspunkt fanden die Hardens „killing“ zweimal sowie „killed“ und „thrilling“ je einmal. Weitere Wörter mit dem doppelten L waren „will“ (viermal) und „collecting“ (einmal). Dann entdeckten sie die Fallen, die der Killer gelegt hatte: Er verwendete 15-mal ein umgedrehtes Q, um den Code-Knackern zu suggerieren, es handele sich um den häufigsten Buchstabe E. Für das E verwendete der Killer aber sieben verschiedene Symbole. Zwei verschiedene Symbole waren jeweils austauschbar dem A und S zugeordnet. Der Killer hatte nicht nur mit der Rechtschreibung Probleme, sondern verwendete manchmal auch die falschen Chiffren. Und zwar so:
„ICH BRINGE GERNE LEUTE UM WEIL DAS ECHT SPASS BRINGT ES BRINGT MEHR SPASS ALS DAS WILD IM WALD ZU TÖTEN WEIL DER MENSCH DAS GEFÄHRLICHSTA WILD VON ALLEN IST DAS IST DAS TOLLSTE ERLEBNIS SOGAR NOCH SCHÖNER ALS ES MIT EINEM MÄDCHEN ZU TREIBEN DAS SCHÖNSTE DARAN IST DASE ICH WENN ICH STERBE IM PARADIHS WIEDERGEBOREN WERDE UND DIE ICH ERMORDET HABE WERDEN MEINE SKLAVEN ICH NENNE NICHT MEINEN NAMEN WEIL IHR VERSUCHEN WERDET MEINE SAMMLUNF VON SKLAVEN FÜR DAS JENSEITS ZU VERMINSERN ODER ZU ATOPPEN.
EBEORIETEMETHHPITI“
Weil der Killer im Kryptogramm schrieb, er würde seinen Namen nicht angeben, nahmen die Hardens an, das Anagramm der Unterschrift bedeute ROBERT EMMETT THE HIPPIE. Erst am 23. August 1992, 23 Jahre nach der Entschlüsselung des Namens durch die Hardens, erfuhr die Polizei, dass der Hauptverdächtige Arthur Leigh Allen ein eifersüchtiger Schwimmteam-Rivale seines Highschool-Kameraden Robert Emmett Rodifer war, der als Student zum Hippie wurde und später nach Deutschland zog.
„Sogar darüber sind sich die Leute nicht einig“, sagt David Fincher. „Selbst nach 35 Jahren und all den Expertisen gibt es keine absolute Wahrheit. Auch über die Dechiffrierung der Codes, Robert Emmett the Hippie eingeschlossen, wird noch gestritten, wobei Robert (Graysmith) davon überzeugt ist, dass sie stimmt.“
Fincher hat Recht, bestätigt Graysmith. Er glaubt, dass Emmett ein Hinweis war, eine Verbindung zur Identität des Killers.
„1969 knackte ein Paar von Amateuren, die Hardens, den Code des aus 312 Symbolen bestehenden Kryptogramms, das uns das Motiv des Zodiacs lieferte“, fügt Graysmith hinzu. „Ihnen gelang, was NCIS, FBI und NSA nicht zustande brachten.“
Anhand der Harden-Übersetzung konnte Graysmith das kodierte Vorhaben des Killers in Beziehung setzen zu den Methoden des Verbrechers in dem RKO-Film „Graf Zaroff, Genie des Bösen“ von 1932: Der jagt das gefährlichste Wild – den Menschen.
Nachdem die Hardens seinen Code im ersten Brief geknackt hatten, nannte sich der Killer in den folgenden Briefen Zodiac. Einige Symbole stifteten Verwirrung. Graysmith durchforstete Bücher über Codes und Chiffren und entdeckte, dass der Killer einige Symbole aus einem Chiffre-Bilder-Alphabet aus dem 13. Jahrhundert übernahm, das als Zodiac-Alphabet (Alphabet der Tierkreiszeichen) bekannt ist. Außerdem erfuhr er, dass alle Code-Bücher aus den Bibliotheken der Umgegend gestohlen oder verschwunden waren – dazu zählten die Bibliotheken des San Francisco Presidio, auf dem Marinestützpunkt Treasure Island Naval Base und im Oakland Army Terminal.
Den Hardens reichte eine Entschlüsselung. Sie knackten keine weiteren Codes. „Sicherlich sind die quälendsten Aspekte des Falles die noch nicht entschlüsselten Chiffren, die Zodiac uns geschickt hat“, stellt Graysmith fest. „Ich hoffe weiterhin, dass einer der Filmzuschauer oder ein Leser des Buches die beiden Kryptogramme und die Karte entschlüsseln kann, die uns laut Zodiac seinen Namen und Aufenthaltsort nennen.“