Donnerstag | 31. Mai 2012 | 07:55 Uhr
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  • Der Herr der Diebe

    Familie | Deutschland 2005
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      • | Schauplätze

      • a) Das reale Venedig
        Victor-Darsteller Jim Carter fasst die Eindrücke wohl am besten zusammen: "Venedig ist traumhaft fotogen." Cornelia Funke verliebte sich gleich bei ihrem ersten Besuch in die Lagunenmetropole und "wollte den Zauber in ,Herr der Diebe' von Venedig als Stadt ausgehen lassen. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt, und dennoch ist die Stadt durchaus fest in unserer Gegenwart verwurzelt." Mit seiner Leidenschaft für Ästhetik empfand Richard Claus Venedigs magisches Ambiente als eine ihm auferlegte Verantwortung: Er musste entsprechende Bilder komponieren, um der unglaublichen, labyrinthischen Schönheit der Stadt gerecht zu werden, in der man sich mehr als anderswo isoliert und verloren fühlen kann. "Venedig ist einzigartig, ein sehr geschichtsträchtiger Ort", erklärt er. "Kameramann David Slama und ich entwickelten daraus einen Standardwitz: Sogar wenn er das Stativ umstoßen würde und die Kamera zu Boden fiele, könnte er immer noch wunderbare Bilder aufnehmen."
        Es gibt vielleicht europäische Städte, in denen Dreharbeiten noch komplizierter wären, aber schöner als Venedig sind sie keinesfalls. Mit der kürzlich restaurierten Fassade des Dogenpalastes als Aushängeschild bilden das Labyrinth der Kanäle und die atemraubenden Schauplätze aus jedem Blickwinkel neue Überraschungen und optische Leckerbissen. Allerdings kann man Erfahrungen von anderen Drehorten auf Venedig überhaupt nicht anwenden - hier muss jeder Filmemacher ganz von vorn anfangen. Was sonst per Lkw transportiert wird, muss hier auf Boote verladen werden, die sich durch überfüllte Wasserstraßen zwängen. Viele der schönsten Szenen in "Herr der Diebe" spielen auf dem Wasser, wo der Wellengang jede Kameraarbeit zur Qual macht und dem Regisseur und seinem Team unendliche Geduld abverlangt. Es ist einfach nicht möglich, den gesamten Verkehr im Blickfeld oder in Hörweite auszusperren, obwohl die vielen erforderlichen Nachtszenen den Dreh natürlich erheblich erleichterten. Geduld war also die oberste Pflicht, wenn wieder einmal ein Krankentransport oder ein ratternder Wasserbus vorbeirasten.
        Die dramatischste Wasserszene ist eine Bootsverfolgungsjagd auf dem Canal Grande. Herr der Diebe macht mit seinen Freunden eine Fahrt in einem Boot, das er angeblich gestohlen hat. Schon bald ist ihnen die Polizei auf den Fersen, und in haarsträubendem Zickzackkurs geht es durch die engen Kanäle.
        Die Kids schreien begeistert, weil sie mit ihrem kleinen Motorboot wiederholt aus dem Seitenkanal in die Weite des Canal Grande hinauspreschen dürfen - von drei Kameras begleitet. Glücklicherweise herrscht kein starker Verkehr. Nur der Regisseur fühlt sich als passionierter Segler auf dem Wasser ganz wie zu Hause, nicht einmal weiße Haie würden ihn von der Ruderpinne des Kameraboots wegbekommen - so dirigiert er bei unerhörtem Tempo den Kamerawinkel. Als er etwas zu reichlich Gas gibt, wird der Schärfezieher vom schwenkenden Polizeiboot völlig durchnässt. Bangen Herzens beobachten Mütter und Kinderbetreuer aus relativ sicherer Position in einem am Kanal gelegenen Hotel, wie ihr Nachwuchs vorbeiprescht, die Arme in die Luft geworfen, während Herr der Diebe das Ruder fest gepackt hält. Lathaniel singt aus Leibeskräften. Die anderen kichern hysterisch und feuern ihn an. Wie sollen wir die Schauspieler aus dem Boot herausbekommen, wenn es ihnen so viel Spaß macht? Eigentlich nennen wir das hier doch Arbeit. Das Resultat ist jedenfalls eine dynamische Sequenz, die deutlich macht, warum die Kids ihren Helden derart verehren, während er die Verfolger in eine Sackgasse lockt, wo es zum unvermeidlichen spektakulären Crash kommt.
        In einer ganz anderen Wasserszene folgen die Kinder dem geheimnisvollen Conte (Geoffrey Hutchings) und der Contessa (Anita Wright) bis weit hinaus auf die Lagune zur so genannten Geheimnis-Insel, auf der sich das Karussell befindet. Der Dreh dieser Szene auf offenem Wasser tief in der Nacht war ein völlig anderes Erlebnis. Auf der Leinwand muss die Spannung, Gefahr und Angst vor dem Unbekannten spürbar werden. Das Hauptteam befand sich auf Pontons, die jedesmal auf den Wellen schaukelten, wenn ein Boot vorbeifuhr. Die Schauspieler warteten fröstelnd in ihren Booten, während die Einstellungen vorbereitet wurden, und die übrige Crew harrte auf einer unbewohnten Insel in der Nähe aus und versuchte vergeblich durch Ferngläser zu erspähen, was in 150 Meter Entfernung auf dem Ponton ablief. Warme Kleidung musste beschafft werden, denn die Herbstnächte wurden immer länger und kälter. Außerdem stand die knifflige Inszenierung eines Gewehrschusses über das Wasser auf dem Drehplan, und dann gab es da noch zwei riesige Hunde, die Geoffrey Hutchings und Anita Wright kaum im Zaum halten konnten. Auch in unserer hochtechnisierten Zeit verließ man sich bei dieser Unternehmung lieber auf altmodische Megafone.
        Die Dreharbeiten auf dem Wasser waren an sich schon schwierig genug, aber vor ganz anderen Problemen stand das Team, als es auf Venedigs Wahrzeichen, dem Markusplatz vor dem Dogenpalast, drehen wollte. Hier, im Schatten der gewaltigen byzantinischen Basilika, liegen die Cafés in musikalischem Wettstreit: Jedes versucht mit einem Streichquartett möglichst viele Zuschauer und zahlende Kunden anzulocken. Zum Glück spielte das Wetter meistens mit, aber nicht immer - deswegen musste ein weiterer Drehtag eingeplant werden, für den aber nicht die übliche Genehmigung für die Absperrung des Drehorts vorlag. Doch der Regisseur ließ sich eine originelle Lösung einfallen: "Wir haben eine lebende Kette aus Statisten gebildet - so konnten wir auf dem Markusplatz mitten in der echten Menschenmenge drehen."
        Mitten durch das sorgfältig choreografierte Chaos flattern die Tauben, die zusammen mit den Touristenmassen den Platz beherrschen. Victors erste Begegnung mit Bo findet zufällig auf dem Markusplatz statt, und er verwickelt den Kleinen in ein Gespräch, indem er sich als Taubenzüchter ausgibt. Der Anblick des renommierten Schauspielers, der über und über von hemmungslosen Tauben bedeckt ist, während Bo ihn fragend anschaut, wird wohl als eines der nachhaltigsten Bilder des Films im Gedächtnis bleiben, und vor allem Jim Carter selbst wird es nie vergessen: "Als mir die Tauben überall auf den Armen und dem Kopf saßen, schaute ich auf und entdeckte plötzlich den Mannschaftskapitän meines Cricket-Teams vor mir, der mich schamlos angrinste. Er war auf Hochzeitsreise, und ich dachte in dem Moment: ,Na, jetzt weiß er endlich, womit ich meine Brötchen verdiene.'"

        b) Venedig im Studio
        Nach vier Wochen in Venedig zog das Produktionsteam nach Luxemburg um, wo es in dem ansonsten langweiligen Städtchen Esch-sur-Alzette einen erstaunlichen Venedig-Außenset mit Kanälen von mehreren hundert Meter Länge und über einem Dutzend Brücken vorfand. Es ist bereits in etlichen Spielfilmen zum Einsatz gekommen, aktuell in Michael Radfords "The Merchant of Venice" (Der Kaufmann von Venedig). Der extrem detailgetreue Nachbau verwirrte die Schauspieler nachhaltig. Mit Lathaniel Dyers Worten: "Sie haben Venedig genau nachgebaut. Es wirkt so ruhig - man kommt sich vor wie im Traum." Alexei Sayles Kommentar war etwas zynischer: "Der Venedig-Set wirkt derart echt, dass ich überhaupt nicht beeindruckt war. Ich dachte einfach: ,Da sind wir also wieder in Venedig.'"
        Vorgesehen war, viele der nächtlichen Straßenszenen dort zu drehen, auch einige gefährliche Passagen der oben erwähnten Bootsjagd sollten hier entstehen. Die Kunst bestand darin, den Set und die echte Stadt nahtlos miteinander zu verbinden. Dazu Kameramann David Slama: "Die Dreharbeiten in Venedig sind sehr kompliziert. Die Straßenlaternen dort geben ein ganz spezifisches Licht, es hat eine magische grüne Aura. Wir versuchten, das am Außenset in Esch nachzumachen. Der Techniker im Filmentwicklungslabor erkundigte sich verwirrt, wo wir uns denn gerade aufhielten. Denn lange nach unserer Abreise aus Italien, als wir schon in Esch drehten, glaubte er, dass wir ihm immer noch Material aus Venedig schickten. Das empfand ich als großes Kompliment."
        Zu den Höhepunkten in Esch gehörten eine Reihe von Stunts, die der unerschrockene Jasper Harris als unüberwindlicher Bo zu bestehen hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken, kletterte er aus dem Fenster im zweiten Stock, hangelte sich an der Mauerbrüstung entlang und ruschte dann an einem Abflussrohr hinab in die Freiheit. Ohne zu zögern sprang er auch von einer Brücke in Moscas kleines Boot, das die anderen unten entlang bugsierten.

        c) Das Karussell
        Produktions-Designer Matthias Kammermeier, der mit Richard Claus bereits an Anthony Wallers "An American Werewolf in Paris" (An American Werewolf in Paris) zusammengearbeitet hat, übernahm die knifflige Aufgabe, das Karussell zu konstruieren. Claus erinnert sich an ihr erstes Arbeitstreffen: "Ich setzte mich mit dem Team des Produktions-Designers und mit dem Chef der visuellen Effekte zusammen und wollte ihnen meine tags zuvor aufgestellte Wunschliste präsentieren. Ich sagte: ,Leute, ich bin für alle Vorschläge offen, aber eins dürft ihr nie vergessen: Das Ding wird gigantisch.' Als ich das fertige Teil dann sah, war die Entscheidung - ob richtig oder falsch - endgültig: Es gab jetzt kein Zurück mehr."
        Um das riesige Gerät überhaupt ganz mit der Kamera aufnehmen zu können, war eine gewaltige Studiohalle nötig. Im luxemburgischen Dudelange fand sich ein stillgelegtes Stahlwerk, das gerade von der Polizei übernommen worden war - hier sollten die abgeschleppten Wagen der Parksünder abgestellt werden. Das Filmteam überzeugte die Behörde, dieses Vorhaben noch ein wenig aufzuschieben, und so stand dem Team ein Hangar mit der Grundfläche von drei bis vier Fußballfeldern zu Verfügung. Claus erinnert sich, wie das Karussell erstmals enthüllt wurde: "Es muss einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen, und wir müssen auch überzeugt sein, dass es mit seiner Zauberkraft die Passagiere altern lassen oder verjüngen kann. Als die Schauspieler und das Team es zum ersten Mal erblickten, merkte ich sofort, wie begeistert sie waren. Allein dieses Bild wird jedem Zuschauer im Gedächtnis bleiben, gerade weil Vanessa Redgrave es in ihrer Szene auf der Insel in Venedig so anschaulich beschrieben hat." Das Konzept des Karussells geht von einer extrem hohen Plattform aus, die nur über eine Treppe im zentralen Sockel zu erreichen ist. Auf der Plattform bilden fünf fantastische Fabelwesen einen Ring: Einhorn, geflügelter Löwe, Seepferdchen, Meerjungfrau und männlicher Nix. Diese Figuren sind derart riesig, dass die Schauspieler zweimal schluckten, bis sie hinaufkletterten, weil sie sich damit mehr als drei Meter über dem Hallenboden befanden. Als die einzelnen Fabelwesen angeliefert wurden, erlebten Claus und Kammermeier bange Minuten, denn sie waren so gigantisch, dass sie gar nicht alle fünf auf die Plattform des Karussells zu passen schienen. Doch die ursprünglichen Kalkulationen erwiesen sich als durchaus korrekt.
        Alexei Sayle erinnert sich an seine Karussellfahrt: "Barbarossa verhält sich irgendwie kindisch, vor allem, wenn er mit dem Karussell fahren darf, aber dieser Spaß verwandelt sich schnell in echten Horror - für ihn wie für mich. Ich werde die Tage auf dem Rücken des Löwen nicht so schnell vergessen. Ich musste ihn rücklings reiten - in derartiger Höhe, eingehüllt von Rauch und Eis und grellem Licht. Das war einfach... zauberhaft."
        Nachdem die beeindruckende Apparatur mit so viel Mühe konstruiert worden war, bedauerten alle Beteiligten, dass sie laut Drehbuch zerstört werden sollte. Es kam der Tag, an dem die letzte Karussell-Einstellung in dem kalten Stahlwerk gedreht wurde - nur ein kleines Team blieb am Set, um das Vernichtungswerk zu beginnen. Als die anderen tags darauf wieder erschienen, sah es aus, als ob Vandalen mit schwerem Gerät einen Heidenspaß gehabt hätten: Bruchstücke der wunderbaren Fabelwesen waren über den Set verstreut, und mehr als ein Kommentar bezog sich auf das Hinterteil des Einhorns, das verloren am Boden lag.

        d) Das Kino Stella
        Die letzten Drehwochen verbrachte das Team im Studioset des unbenutzten Kinos, in dem die Kinder hausen. Von einer früheren, abgeschlossenen Filmproduktion war die Grundkonstruktion eines elisabethanischen Theaters übrig geblieben. Claus erkannte sofort die hervorragenden Voraussetzungen für einen einzigartigen Set, in dem sich die Kids zu Hause fühlen können. Sogar den Kino-Projektor reparieren sie im Lauf der Geschichte. Matthias Kammermeier berichtet: "Ich begann also Fragen zu stellen: Wie leben die Kinder in einer so ungewöhnlichen Umgebung? Wie achten sie auf Sauberkeit? Wo schlafen sie? Aus einer Idee ergab sich die nächste, und es machte riesigen Spaß, diesem Film-Wunderland ein Detail nach dem anderen hinzuzufügen. Das Kino ist das Innere eines Kokons - die Außenwelt wird ausgeschlossen. Die Kinder fühlen sich dort völlig sicher - natürlich nur so lange, bis Eindringlinge auftauchen, die hier wie Aliens wirken." Jedes Kind bekam sein kleines Privatgemach auf einem der Balkons, es gab eine Essecke und eine Waschgelegenheit. Von der hohen Decke hing eine Schaukel, und es gab jede Menge eingebaute Geheimnisse, die sie im Notfall mit Täuschungsmanövern zu wahren wissen.
        Diesen Saal auszuleuchten stellte für Kameramann David Slama und sein Team eine echte Herausforderung dar: "Das Stella ist ein magischer, gemütlicher Spielplatz, aber es bleibt durchweg ein Paradies für Abenteurer. Manchmal fühlte ich mich an ein Raumschiff erinnert. Ganz wichtig war der starke Eindruck, den das Kino auf Bo und Prosper macht, als sie es zum ersten Mal betreten."
        Und Rollo Weeks fügt hinzu: "Die Bande kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Stella zu wohnen. Sie empfinden das wie ein Spiel." Jim Carter war ebenfalls schwer beeindruckt: "Wäre es nicht himmlisch, in dem Kino zu wohnen? Das wäre doch eine echt coole Bude!"

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