Bei „Poseidon“ (Poseidon) wurde Filmemacher Wolfgang Petersen mit der spannenden und ganz persönlichen Frage konfrontiert: „Was würdest du tun, wenn die ganze Welt Kopf stünde? Würdest du mutig die Führung übernehmen oder sie anderen überlassen? Würdest du panisch reagieren? Würdest du aufgeben oder weitermachen?“
Der berühmte Regisseur von „Troy“ (Troja), „The Perfect Storm“ (Der Sturm) und „Air Force One“ (Air Force One) wurde 1981 mit dem spannenden Kriegsfilm „Das Boot“ international bekannt – sowohl als Regisseur als auch als Drehbuchautor erhielt er Oscar-Nominierungen. Als meisterhafter Erzähler mit viel Gespür für die menschliche Natur sticht er nun auf der „Poseidon“ wieder in See – nicht nur, um sich auf die Gewalt einer gigantischen Wasserwand einzulassen, die einen Luxusliner zum Kentern bringt, sondern auch auf die mitreißenden menschlichen Schicksale jener wenigen Passagiere, die nach der Katastrophe um ihr Leben kämpfen.
„Ein solches Desaster bringt die wahre Natur der Menschen zum Vorschein – die üblichen Konventionen greifen dann nicht mehr“, sagt er. „Wenige Sekunden entscheiden über Leben und Tod. Wenn man miterlebt, wie die Leute reagieren, wie sie sich in Extremsituationen verhalten, wird deutlich, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.“
„Die Passagiere sind an Bord der Poseidon gekommen, um einmal richtig zu feiern“, berichtet Petersen über die Vorgeschichte. Er stellt fest, dass diese speziellen Schiffsgäste die Kreuzfahrt nicht unternehmen, um ein Reiseziel zu erreichen, sondern nur, um sich ganz dem wohligen Luxus der Reise selbst hinzugeben. „Am Silvesterabend ziehen sie sich schick an – sie wollen Spaß haben.“ Als die Uhr Mitternacht schlägt, machen sogar die Besatzungsmitglieder eine kurze Pause, um in den Fluren und Küchen jenseits der Neujahrsparty im großen Ballsaal ein kleines Fest zu improvisieren.
„Plötzlich wird das Schiff von einer Monsterwoge erfasst, und alles steht Kopf. Gegenstände hängen an der Decke und stürzen herab oder rutschen von den Wänden. Gasleitungen zerbersten, Dampf tritt aus, es brennt, Rauch entwickelt sich. Man muss sich das vorstellen: Das ganze Leben hat sich innerhalb eines Moments völlig verwandelt, das Undenkbare geschieht, die Menschen müssen darauf reagieren. Nichts befindet sich mehr am gewohnten Ort, alle sind völlig orientierungslos. Das ist die Apokalypse.“
Laut Petersen wird die Panik durch die klaustrophobische Atmosphäre noch intensiver: „Niemand kann der Situation entfliehen. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit aus diesem Gefängnis, niemand kann ihnen helfen, die Zeit wird knapp – jeder ist auf sich gestellt.“ Der gewaltige und geräumige Schiffskörper wirkt plötzlich bedrückend eng, er besteht nur noch aus einzelnen, unverbundenen Luftblasen und verstopften Gängen. „Am Anfang des Films erleben wir Tausende von Menschen, dann Hunderte, und schließlich sind es nur noch eine Hand voll – alles zieht sich zusammen, wird intimer, konzentrierter.“
„Die Geschichte spricht unsere Urängste an – vor Feuer, Ertrinken, Eingesperrtsein, Hilflosigkeit“, sagt „Poseidon“-Produzent Akiva Goldsman. Aktuell produzierte Goldsman „Mr. & Mrs. Smith“ (Mr. & Mrs. Smith); den Oscar und den Golden Globe gewann er als Autor von „A Beautiful Mind“ (A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn), 2005 wurde er mit „Cinderella Man“ (Das Comeback) für den British Academy Award nominiert. „Selbst wenn ich niemals an Bord eines Schiffes gehen würde, bin ich theoretisch vor Katastrophen nicht sicher.“ So gesehen handelt es sich laut Produzent Mike Fleiss („Texas Chainsaw Massacre“, „Hostel“) um „einen Monster-Film, aber in diesem Fall besteht das Monster aus Wasser, das die Helden unerbittlich jagt. Wolfgang wollte in der Story so viele echte Schreckenselemente wie nur möglich unterbringen.“
Und was könnte grausiger sein als eine Katastrophe dieser Größenordnung, die mitten auf dem Ozean über das Schiff hereinbricht? Falls überhaupt Hilfe kommt, wird sie erst Stunden später eintreffen.
„Es gibt solche Riesenwellen tatsächlich“, berichtet Petersen, der Wasser immer schon für das „gefährlichste, dramatischste und unberechenbarste Element“ hielt. Er hatte sich bereits vor dem „Poseidon“-Projekt mit diesem Phänomen beschäftigt. Früher hielt man solche Monsterwogen für Seemannsgarn, doch diese von Augenzeugen bestätigten Mauern aus Wasser werden seit einigen Jahren von den Satelliten der ESA (European Space Agency) beobachtet und wissenschaftlich ausgewertet. Früher konnte man nur vermuten, aber nicht beweisen, dass sie zahllose Katastrophen auf den Meeren verursacht haben, doch heute, seit Beginn der ernsthaften Forschung in den 90er-Jahren, weiß man, dass sie tatsächlich Kreuzfahrtschiffe und Bohrinseln beschädigen.
Radaraufzeichnungen eines Ölfelds in der Nordsee belegen, dass dort innerhalb der letzten zwölf Jahre 500 Riesenwellen auftraten. Noch gravierender ist die Folgerung der ESA, dass sie in den letzten 20 Jahren für den Untergang vieler Supertanker und Frachter verantwortlich waren, was man normalerweise Stürmen zuschrieb. Bezeichnend ist die 1978 im Atlantik gekenterte, 43.000 BRT große München – niemand überlebte diese Katastrophe. Das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 hatte 1995 mehr Glück und entkam in einem Hurricane knapp der Kollison mit einer etwa 28 Meter hohen Woge. Wissenschaftler führen häufig starke Strömungen als Ursache für Riesenwellen an, wenn sich die natürlichen Wasserbewegungen des Ozeans unheilvoll konzentrieren. Aber es gibt auch Beispiele für Riesenwellen, die sich jenseits starker Strömungen entwickeln und buchstäblich aus dem Nichts auftauchen.
Produzent Duncan Henderson wurde 2004 mit „Master & Commander: The Far Side of the World“ (Master & Commander – Bis ans Ende der Welt) für den Oscar nominiert. Er arbeitet jetzt nach „Outbreak“ (Outbreak – Lautlose Killer) und „Der Sturm“ zum dritten Mal mit Petersen zusammen. Er stellt fest, dass die Katastrophe in „Poseidon“ im Unterschied zu Petersens bisherigen Seeabenteuern völlig unvorbereitet über die Opfer hereinbricht. „Die Männer im U-Boot waren Soldaten, und die Fischer in ,Der Sturm‘ waren Profis mit Hochseeerfahrung – sie fuhren natürlich nicht von vornherein sehenden Auges in den Tod, denn sie konnten das Risiko durchaus abschätzen. Doch die Poseidon ist ein Kreuzfahrtschiff mit Touristen an Bord. Dadurch bekommt das Desaster nicht nur eine viel größere Dimension, sondern die Betroffenen sind diesmal auch denkbar schlecht auf die Situation vorbereitet.“
Drehbuchauto Mark Protosevich („The Cell“) bereitete sich auf seine Aufgabe vor, indem er den Atlantik auf der Queen Mary 2 persönlich überquerte. Er erlebte Passagiere und Besatzungsmitglieder aus aller Herren Länder, aus allen Gesellschaftsschichten und in allen Altersgruppen. Was Petersens These bestätigt, dass „Katastrophen alle Menschen gleich machen. Es ist völlig egal, ob man alt oder jung, ob man der reichste Mann der Welt ist oder in der Küche arbeitet: Alle sitzen buchstäblich im gleichen Boot.“
„In einer solchen Krise zeigen wir unseren wahren Charakter, sie bringt das Beste und Schlimmste in uns zum Vorschein“, sagt Protosevich. „Für menschliche Beziehungen ist das eine Zerreißprobe – entweder wächst man noch enger zusammen, oder man trennt sich. Wenn sich ein geliebter Mensch als Feigling herausstellt, vergisst man das nie, aber wenn er sein Leben riskiert, um andere zu retten, wird man das auch nicht vergessen. Wir alle haben das Zeug zum Helden in uns. Unsere Persönlichkeit wird dadurch definiert, ob wir uns zum Handeln durchringen oder nicht.“
Was die Überlebenden auf der Poseidon durchmachen, welche Entscheidungen sie treffen, stellt für Petersen eine Parabel des Lebens an sich dar: „Wenn ich jemanden über Wasser halte, rette ich ihn vielleicht – oder er zieht mich mit in die Tiefe. Wann ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem ich loslasse? In jedem Fall ist das ein entsetzlicher Moment, der das Leben völlig verändert.“
Mit Begeisterung und großem Respekt berufen sich die „Poseidon“-Filmemacher bei ihrem Projekt auf Ronald Neames Film „The Poseidon Adventure“ (Die Höllenfahrt der Poseidon) von 1972, den Irwin Allen produzierte.
Wolfgang Petersens „Poseidon“ geht vom gleichen Konzept wie jener Genre-Klassiker aus, entwickelt daraus aber eine neue Geschichte. „Wir übernehmen die Idee, dass ein Luxusliner mit Tausenden von Menschen an Bord in der Silvesternacht von einer Riesenwelle erfasst wird“, erklärt er. „Aber der Rest beruht auf einem völlig neuen Drehbuch, das sich auf ganz andere, heutige Figuren konzentriert. Aus diesen Figuren ergibt sich unsere Geschichte, aus ihren Einzelschicksalen und ihrem Gruppenzusammenhalt, der auch das Ende ihre Reise bestimmt.“