Mittwoch | 30. Mai 2012 | 17:34 Uhr
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    Thriller, Action, Abenteuer | USA 2006
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      • | Die Effekte

      • „Die Dreharbeiten auf einem echten Schiff gestalten sich komplizierter, als man sich gemeinhin vorstellen würde“, sagt Produzent Duncan Henderson. Beim frühzeitigen Abwägen der Optionen wurde schnell klar, dass kein real existierendes Schiff all das leisten kann, was „Wolfgang sich an neuestem und opulentestem Luxus ausmalte“. Das wurde durch die Konzeptzeichnungen des Produktionsdesigners William Sandell deutlich, die dem Regisseur laut Henderson viel besser gefielen als alle Alternativen. „Wolfgang beschloss, sich durch absolut nichts einschränken zu lassen.“

        Sowohl der Ozean als auch alle Außenaufnahmen und die Gesamtansichten des Schiffs wurden im Computer kreiert. Daher mussten die Filmemacher in Bezug auf die Dimensionen keinerlei Kompromisse machen, als die 50 Meter hohe Wasserwand über den 20 Stockwerke hohen, 335 Meter langen Luxusliner mit 4000 Menschen an Bord hereinbrach. Die im Computertrickbereich führende Firma ILM, die bereits innovative Wasser-Effekte zu Petersens „Der Sturm“ beigesteuert hatte, legte die Messlatte wieder ein Stück höher und entwickelte neue Bildgestaltungstechniken für die lebensechte Darstellung der Woge und des Schiffs.

        Gleichzeitig entstanden in den Studiohallen der Warner Bros. Studios umfangreiche Außenbauten in traditioneller Bauweise, um einen Hintergrund für die real gefilmten Effekte zu schaffen. Die meisten Sets wurden zweimal gebaut – in der normalen Version und dann auf dem Kopf stehend: Zunächst wird damit das prunkvolle Schiff vorgestellt, nach der Katastrophe dann die Trümmerlandschaft, die übrigbleibt – alles auf beweglichen Bühnen, mit denen man die Handlung auf und ab oder nach links und rechts ins Schlingern geraten ließ. Durch die Kombination von real gebauten Sets und Computerbildern schuf Petersen ein derart grandioses Ambiente, wie man es in der Wirklichkeit nicht findet, das aber dennoch extrem realistisch gestaltet wird: ein ultramodernes, zeitlos elegantes Schiff – vom schicken Äußeren bis zum kleinsten Detail der Ausstattung und Atmosphäre wie dem handgefertigten Buchstaben „P“ auf den Knöpfen der Personaluniformen.

        Das Schiff selbst übernimmt in der Story eine Hauptrolle – ständig bewegt es sich, schlingert, ächzt in tief metallischen Tönen, als die Spanten nachgeben und das volllaufende Schiff durch sein steigendes Gewicht langsam in die Tiefe gezogen wird. „Wir alle haben körperlich gespürt, wie dieses riesige Schiff stirbt – und genauso hatte Wolfgang es geplant“, erzählt Josh Lucas. „Wir kamen uns wie in einem gigantischen, tödlich verwundeten Lebewesen vor. Zunächst verliert es sein Herz, dann versagen auch die anderen lebenswichtigen Organe. Unterdessen versuchen wir uns durchzuschlagen, während alles um uns herum implodiert, in Flammen aufgeht und versinkt.“

        Petersen engagierte für das Projekt eine ganze Reihe bedeutender Experten, mit denen er vorher schon gearbeitet hatte, allen voran den berühmten Kameramann John Seale, der mit „The English Patient“ (Der englische Patient) den Oscar und den BAFTA gewonnen und drei weitere Oscar-Nominierungen erhalten hat. Hinzu kommen Cutter Peter Honess, der mit „L.A. Confidential“ (L.A. Confidential) Nominierungen für den BAFTA und den Oscar bekam; Kostümbildnerin Erica Edell Phillips, die mit ihren Entwürfen zu „Total Recall“ (Die totale Erinnerung) den Saturn Award gewann; der für die Special Effects verantwortliche John Frazier, der 2005 mit „Spider-Man 2“ (Spider-Man 2) den Oscar gewann und schon fünf weitere Male für den Oscar nominiert war – mit „Der Sturm“ wurde er mit dem BAFTA und mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt; und Produktionsdesigner William Sandell, der mit „Der Sturm“ von der Art Directors Guild (Gewerkschaft der Ausstatter) nominiert wurde und 2004 mit „Master & Commander“ den BAFTA und eine Oscar-Nominierung erhielt.

        Der für die visuellen Effekte zuständige Boyd Shermis (BAFTA-Nominierung für „Speed“) überwachte die Fertigung von über 600 Effekt-Einstellungen. „Was den Aufwand angeht, handelt es sich um einen der kompliziertesten Effekte-Filme, die je gedreht wurden“, sagt er und nennt als Beispiel für den technischen Aufwand die erste Einstellung in „Poseidon“.

        „Es beginnt unter Wasser, dann erhebt sich die Kamera über die Wasseroberfläche und zeigt das Schiff, kreist um den Bug und an der Außenwand entlang und verfolgt dann einen Mann, der über das Deck joggt“, berichtet Shermis. „Die Kamera fährt auf den Mann zu und beschreibt einen Halbkreis um ihn herum. Wir folgen der Person eine Treppe hoch, fahren dann zurück, um die ganze Schönheit und Pracht des Schiffs zu zeigen, die oberen Decks, Badegäste am Pool, fahren dann an den Schornsteinen hoch und zeigen schließlich den wunderbaren Sonnenuntergang über dem Ozean.“

        „Die Einstellung dauert zweieinhalb Minuten“, sagt Petersen über diese beeindruckende Sequenz. „In der ganzen Szene gibt es nur ein reales Element: den Jogger Josh Lucas“, der am Sepulveda-Damm im kalifornischen San Fernando Valley vor einer Greenscreen gefilmt und dann in das virtuelle Bild eingepasst wurde. Bei dem Damm handelt es sich um einen von nur zwei Drehorten außerhalb des Studios. „Das ist die kühnste, verrückteste Sequenz in der gesamten Geschichte des Computertricks – aber sie wirkt absolut fotorealistisch. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer denken: ,Was für einer toller Computereffekt!‘ Stattdessen werden sie sich fragen: ,Was für ein tolles Schiff – wo haben sie das bloß aufgetrieben?‘“

        Im Hinblick auf die ständig weiter entwickelte Computertechnik fügt er hinzu: „Im Vergleich zu vor fünf Jahren können wir unglaublich viel mehr gestalten, vor allem die natürliche Bewegung des fließenden Wassers“, das traditionell das größte Problem bei der Nachahmung natürlicher Bilder darstellt.

        ILM wurde bei der Forschung und Entwicklung von der Computerabteilung der Stanford University unterstützt. Der für die Spezialeffekte verantwortliche Kim Libreri leitete ein Team von 100 Fachleuten: Software-Entwickler, Ingenieure und Künstler, die ein Jahr brauchten, um die neue Software für „Poseidon“ zu schaffen. Die neue Technik wird als „computational fluid dynamics“ bezeichnet – sie simuliert, wie sich das Wasser verhält, wenn es auf Objekte trifft. Das System ist derart fortgeschritten, dass man gleichzeitig auch neue Hardware entwickeln musste, um es überhaupt anwenden zu können. Dazu Libreri: „Die herkömmlichen Maschinen waren einfach zu langsam.“

        Was bedeutet das für die Leinwandbilder? „Wir sehen tatsächlich, wie die Welle auf das Schiff reagiert – so etwas war bisher mit Computerbildern nicht möglich“, sagt er. „Es geht nicht nur darum, eine 50 Meter hohe Welle mit charakteristischer Neigung aufbranden zu lassen, sondern wir zeigen detailliert die explosiven Auswirkungen, als die Woge das Schiff erfasst, sich über die Decks ergießt, Teil der Aufbauten wegreißt und den Rumpf zum Kentern bringt. Erstmals können wir simulieren, wie Wasserpartikel auf Objekte prallen, sie überspülen, auf die Gischt treffen und auf ganz natürliche Art zusammenfließen – wobei wir uns in jeder Phase an Wolfgangs ästhetische Vorgaben halten. Er und Boyd Shermis verlangen bei allen Einstellungen einen absolut realistischen Eindruck, der sich an den physikalischen Gesetzen orientiert, statt sie zu ignorieren. Es spielte dabei keine Rolle, wie schwierig die Umsetzung sein würde.“

        Weitere Neuerungen beziehen sich auf die Lichtreflexionen. Dazu Libreri: „Man muss dem Computer erst beibringen, dass, wenn eine Lichtquelle auf ein Objekt trifft, ein Teil des Lichts reflektiert wird und auf ein anderes Objekt trifft und so weiter.“ In „Poseidon“ stellte man sich die Aufgabe, das Sonnen- und Mondlicht auf dem Wasser sowie die nächtliche Eigenbeleuchtung des Schiffs zu simulieren, was die Kombination unzähliger Details erfordert, zum Beipiel „wie sich das Licht auf dem Wasser oder der Gischt verteilt und wie sich Wasserblasen bilden.“

        Die Computerexperten stimmten sich in jeder Phase mit dem für die real gefilmten Effekte zuständigen Team ab. Dabei arbeitete Shermis erneut mit dem für die Spezialeffekte verantwortlichen John Frazier zusammen – beide zusammen erhielten 1994 eine BAFTA-Nominierung für „Speed“. Frazier spricht in diesem Zusammenhang von „Elementen“ wie etwa einem virtuellen Set, in das zum Beispiel ein real gedrehter Stunt eingefügt wird, oder die visuellen Effekte, mit deren Hilfe man die Länge eines real gebauten Korridors verdoppelt.

        In einer Schlüsselszene wird einer der Überlebenden von einem herabstürzenden Maschinenteil getroffen, während er eine improvisierte Brücke überquert. Fraziers Crew demonstrierte dem Schauspieler, wie die Konstruktion unter ihm nachgibt. „Wir ließen den stählernen Unterbau federn, als ob er von einer schweren Last getroffen wird. Und das Computerteam schuf dann als visuellen Effekt die massive Klimaanlage, die von oben darauffällt.“

        Produzent Henderson kommentiert: „So erstaunlich die Möglichkeiten des Computers auch sind – wir setzen ihn immer nur in Verbindung mit möglichst umfassenden Realaufnahmen ein, die auf echten Sets und mit realen Stunts gedreht wurden. Denn wir wollen den Zuschauern das Gefühl vermitteln, dass es sich um reale Räume mit echten Wänden und echtem Wasser handelt. Wenn sich das nur irgendwie real drehen ließ, dann haben wir das auch getan.“

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