Eine der überwältigendsten Sequenzen in „Poseidon“ ist die Implosion des großen Ballsaals.
Nach dem Kentern steht der Ballsaal auf dem Kopf und befindet sich unter der Wasseroberfläche, ist aber noch wasserdicht. Dort sammeln sich alle, die mit dem Kapitän ausharren, während Dylan und seine Gruppe ihren Aufstieg beginnen. Mit der Zeit wird der Wasserdruck jedoch so groß, dass das Wasser durch die Fenster bricht und den Saal innerhalb von Sekunden überflutet.
Eine solche Szene wollte niemand zweimal drehen.
Frazier reichten die vorbereiteten Wassercontainer nicht. Hinter dem Set hatte er fünf Meter Platz. „Dort installierten wir zehn Abwasserkanalröhren mit 2,50 Meter Durchmesser, wie man sie im Straßenbau verwendet. Die stellten wir senkrecht auf spezielle Rutschen mit Falltüren, die genau auf die Fenster gerichtet waren. Die Fenster bestanden aus sechs Millimeter starken Hartglasscheiben, sie konnten also einem gewissen Wasserdruck von außen standhalten. Aufs Stichwort ließen wir dann etwa 400.000 Liter auf die Fenster einstürzen. Unter diesem Druck zerbrach das Glas, das Wasser schoss herein und ergab fantastische Kamerabilder, eben weil es echt ist.“
Um jede Einzelheit zu filmen, folgte der Kameramann des 2. Drehteams, Mark Vargo, dem Beispiel von John Seale und installierte „fünf Kameras in jeder Blickrichtung – einige filmten Nahaufnahmen, andere Totalen. Wenn man dann von einem Blickwinkel zum anderen schneidet, entsteht die Illusion, dass das Wasser von beiden Schiffsseiten hereinströmt.“ Das Ganze ist in zwei Sekunden vorbei, doch zuvor experimentierten die Kameraleute mit der Aufnahmegeschwindigkeit und entschieden daraufhin, die Hauptkameras mit 40 Bildern pro Sekunde laufen zu lassen, während die übrigen Kameras teils 60, teils 90 oder sogar 120 Bilder pro Sekunde aufnahmen. Damit waren jede Menge Schnittvarianten sichergestellt.
Doch trotz der intensiven Vorbereitung konnte niemand das Ergebnis garantieren. „Niemand wusste genau, wie diese Wassermassen aussehen, geschweige denn, wie sie sich verhalten würden“, erklärt Vargo. „Ich ließ die Kameras festzurren. Mein Bühnenvorarbeiter baute einen Kamerakäfig, der auch eine Frontalkollision mit einem Auto ausgehalten hätte. Von oben filmte eine fahrende Kamera, zwei schwenkten mittendrin, und eine hinter einer Glasscheibe, die beim vollen Aufprall völlig unter Wasser war.“ Die Kameraleute trugen Taucheranzüge und Taucherbrillen, Stuntleute standen bereit, um sie notfalls in Sicherheit zu bringen. „Sogar ein Krankenwagen wartete in Bereitschaft. Wir kamen uns vor wie beim Start einer Nasa-Rakete.“
Gleichzeitig entwickelt sich andernorts im Schiff ein weiteres Drama, als die Überlebenden fast senkrecht einen engen Luftschacht hochklettern müssen, weil dies die einzige Verbindung zum nächsten Stockwerk darstellt.
„Innerhalb des Umfelds dieser riesigen Katastrophe müssen sie in der acht Minuten langen Sequenz langsam vorankriechen, was praktisch pure Klaustrophobie erzeugt“, sagt Wolfgang Petersen. „Man findet sich nur schwer zurecht, kann sich kaum bewegen, und niemand weiß, was sie am anderen Ende erwartet.“
Hier muss Elena (Mia Maestro) zugeben, dass sie unter extremer Angst vor geschlossenen Räumen leidet – so sehr, dass sie umkehren würde, wenn Nelson und Dylan sie nicht liebevoll-fordernd überreden würden. Die beiden bleiben bis zuletzt an ihrer Seite, während sich die übrigen einer nach dem anderen nach oben arbeiten. Beide reden ständig beruhigend auf sie ein, während sie sich Zentimeter für Zentimeter vortasten. Und sie haben keine Ahnung, dass weiter oben ein neues Problem auf sie wartet: Der Ausgang des Schachts ist durch ein Gitter versperrt. Ihnen bleibt nur eine Chance: Der kleine Jimmy langt mit seinen schmalen Fingern durch das Gitter, um von außen die vier Halteschrauben zu lösen, während das Wasser von unten ständig steigt.
Dazu Kurt Russell: „Die Leute oben haben das Schicksal der Unteren in der Hand, die noch nicht einmal genau wissen, worin das Problem besteht und wie ernst es ist. Letztlich hängt alles an dem neunjährigen Jungen, der sich zusammenreißt und versucht, das Gitter zu öffnen. Niemand kann sich bewegen. Eine entsetzliche Szene.“
Russell fasst den Dreh zu dieser Szene zusammen: „Anderthalb Wochen in einer Kiste“. Und da der Durchmesser des Schachts nur 90 x 90 Zentimeter beträgt, ist diese Beschreibung durchaus zutreffend. „Teilweise kletterten wir im Winkel von 45 Grad, manchmal auch senkrecht nach oben. Es war extrem eng.“
Diesen engen Set auszuleuchten und zu filmen war das nächste Problem. Dazu Seale: „Wir haben wirklich alles ausprobiert, was wir in die Hände bekamen, zum Beispiel eine Schnorchellinse von Panavision, mit der man im rechten Winkel filmen kann. Sie hat etwa acht Zentimeter Durchmesser, die Schauspieler konnten sich also daran vorbeiquetschen oder auf uns zurobben. Ausleuchten ließ sich das auch.“
Letztlich verließ sich Seale auf die Taschenlampen, die die Schauspieler in der Hand halten, „denn der Luftschacht besteht aus Metallwänden, und wir merkten schnell, dass das Licht der Taschenlampen von allen Seiten reflektiert wurde und genau das machte, was wir brauchten.“