Weil der Film in einer Zone zwischen komischem Märchen und bitterer Realität angesiedelt ist, verlangt das Drehbuch von SCHRÄGER ALS FIKTION nach einem einzigartigen visuellen Look. Das war einer der Hauptgründe, warum die Produzenten Marc Forster als Regisseur mit an Bord haben wollten. „Ich wusste, dass Marc die Geschichte visuell spannend gestalten würde“, sagt Lindsay Doran. „Es ist eben nicht einfach nur so, dass der Film gut aussieht bzw. rüberkommt oder dass die Kompositionen alle so interessant wären oder das Farbschema so spezifisch wäre. Sicher, all das trifft natürlich auch zu, aber es ist die Art und Weise, wie er all diese unterschiedlichen Aspekte zusammenführt; das lässt sich kaum beschreiben und ist so spannend.“
Forster brachte ein Team höchst begabter Designkünstler mit an Bord, mit denen er bereits davor zusammengearbeitet hatte, darunter Kameramann Roberto Schaefer, Ausstatter Kevin Thompson und Kostümdesigner Frank Fleming. Jeder Einzelne von ihnen stand vor einer beachtlichen Herausforderung: Man sollte visuell demonstrieren, wie ein Mann nach und nach entdeckt, dass sein Leben in der Tat Produkt einer Fiktion ist. „Ich präsentiere meinen Mitstreitern gerne einen Überblick über meine Vision, wie ich den Film sehe. Dann ermutige ich sie, eigene Ideen einzubringen“, erklärt Forster. „Bei einem derart vielseitigen Team funktioniert dieser Ansatz ausgezeichnet.“
Eine entscheidende ästhetische Inspiration für Forster war Jacques Tatis Klassiker Playtime (Playtime, 1967), eine beinahe stumme Slapstick-Komödie über die Merkwürdigkeit des modernen Lebens, das sich inmitten eines visuell beeindruckenden Reichs aus gewaltigen Wolkenkratzern, unpersönlichen Straßen und sterilen Büros entfaltet. „Als ich das Drehbuch las und darüber nachdachte, wie ich an den Stoff rangehen würde, fiel mir als einer der ersten Filme Playtime ein“, erinnert sich Marc Forster. „Ich habe den Film immer geliebt, speziell wie Tati es gelang, eine eigene Welt zu erschaffen. Ich fand, dass das wunderbar im Einklang stand mit meiner Aufgabe, ein Büro der Steuerbehörde zu zeigen, mit seinen endlosen grauen Parzellen – ein Blick auf eine Welt ohne Fluchtmöglichkeit, wo niemand der Routine entkommen kann.“
Rein visuell ging Forster von dieser Grundlage aus auf Reise. „Es gibt viele Welten in SCHRÄGER ALS FIKTION, die überhaupt nichts mit Playtime zu tun haben“ erzählt der Regisseur weiter. „Es gibt auch die entspannte Bäckerei-Welt von Ana Pascal, Professor Hilberts akademischen Elfenbeinturm und das Büro von Karen Eiffel. Im Film sollte jede dieser Welten einen ganz eigenen visuellen Stil haben und Blickwinkel präsentieren – und doch mussten sie durch einzelne visuelle rote Fäden und Details miteinander verbunden sein.“
SCHRÄGER ALS FIKTION spielt in einer sozusagen namenlosen Großstadt in den USA. Als man nach einer geeigneten Stadt für den Dreh suchte, fiel immer wieder der Name von Zach Helms Heimatstadt – Chicago. Mit ihrer klassischen urbanen Architektur und ihren farbenfrohen Vierteln schien die Stadt ideal für die gewünschte Tonalität des Films. Locations wie das Hancock Building, das Art Institute of Chicago, der Campus der University of Illinois und der Daley Plaza entsprachen der geometrischen und reglementierten Welt von Harold Crick, der Isolation von Karen Eiffel und dem unerschütterlichen Temperament von Ana Pascal.
Der ausführende Produzent Eric Kopeloff sagt: „Wir beurteilten eine Anzahl von Städten, darunter San Francisco und New York, aber Chicago und seine Architektur hatten es uns einfach angetan. Es schrie uns förmlich an, dass es richtig für den Film sei.“
In Chicago legte Szenenbildner Kevin Thompson mit seiner Arbeit erst richtig los. „Der Film war ein Traum für einen Produktionsdesigner, weil es sich nicht um eine naturalistische Welt handelt, die Marc einfangen wollte, sondern eine Welt, in der alles etwas übersteigert und stilisiert ist“, berichtet er. „Ich ging an das Design durch den offenkundigen Kontrast zwischen Harold und Ana heran. Harold lebt in einer sehr geradlinigen, in einem Raster angelegten Welt mit blassen, monochromatischen Schattierungen und sauberen, klaren Kanten, bis Ana Kurven und Farben in seine Welt bringt.“
Thompson genoss es besonders, eine zurückhaltende Kreativität beim Entwerfen von Harolds Wohnung einzubringen, die komplett in einer Studiobühne errichtet wurde. Dasselbe gilt für das Büro der Steuerbehörde, das in einem leer stehenden Stockwerk eines aus Glas und Stahl errichteten Bürogebäudes in Chicago entstand. „Alles in Harolds Welt ist sehr streng und konkret – die Idee war es, hier mit deutlich weniger Details zu arbeiten, als man es in der realen Welt tun würde.“
Das IRS-Büro wurde in der Folge noch von Kevin Tod Haug, Leiter der visuellen Effekte, weiter bearbeitet, der die grauen, kaninchengehegeartigen Arbeitsnischen in ein endloses Muster duplizierte, das sich bis in die Endlosigkeit zu erstrecken scheint. Das Thema mit dem Raster wurde in der beängstigend strengen Archivkammer erneut aufgegriffen. Für dieses Set recherchierte Thompson in einer Reihe von Archivräumen in Büros auf der ganzen Welt. „Wir ließen uns schließlich von einem Archiv inspirieren, das wir in Europa fanden“, erinnert er sich. „Es war ein riesiger Raum, der ein faszinierend schönes visuelles Element zu bieten hatte: einen einzigen Mann, der im Vergleich zu all den Dingen um ihn herum winzig erschien. Außerdem machte ich Fotos vom Archiv des städtischen Gebäudes in Manhattan, in dem ich all diese simplen weißen Schachteln entdeckte, die in den Regalen gestapelt waren. Auch das hatte Einfluss auf meine Designs. Die Idee dahinter war immer, dass die Welt von Harold Crick ein bisschen übersteigert aussehen sollte.
Eine weitere Herausforderung erwartete Thompson am anderen Ende des Designspektrums von SCHRÄGER ALS FIKTION – Anas Bäckerei, die sich über ihre wilde Muster und schillernde Farben definiert. Thompson erklärt: „Bei Ana bestand die Herausforderung darin, ihre Welt so zu gestalten, wie Marc sich die Figur vorgestellt hatte. Einerseits ist sie wie eine Prinzessin in einem Märchen, andererseits ist sie eine richtige Punkrock-Rebellin. Mein Fokus richtete sich also darauf, ein Gleichgewicht von weich und hart, von Punk und nett zu erzielen. Anas Welt ist von großer Bedeutung für die Story, weil durch sie Sinnlichkeit in den Film einfließt und durch sie Harolds Augen dafür geöffnet werden, dass man das Leben auch ganz anders erleben kann.“
Um dem Zauber von SCHRÄGER ALS FIKTION noch etwas innere Logik entgegenzusetzen, musste Thompson dafür sorgen, dass der literarische Stil von Karen Eiffel einen spürbaren Einfluss auf die Designs des Films hatte. „Wir mussten uns immer in Erinnerung rufen, dass Kay sich all diese Welten ausgedacht hat. Also gab es für all diese verschiedenen Locations auch eine gemeinsame Sprache und gewisse übergeordnete Regeln, an die wir uns stets zu halten hatten“, merkt er an. „Gewisse visuelle Themen werden immer wieder wiederholt, womit wir den Fakt unterstreichen, dass sie alle ein und derselben Fantasie entspringen.“
Genau diese visuellen Motive spiegeln sich auch in der Arbeit von Kostümdesigner Frank Fleming wider. Seine Entwürfe waren entscheidend, wie Forster sagt, die entweder komischen oder dramatischen Darstellungen im Film zu unterstützen. „Mir gefällt an Frank, dass er die Figuren wirklich versteht und weiß, wie er seine Arbeit einsetzen muss, um die Darsteller mit Hilfe ihrer visuellen Darstellung zu noch besseren Leistungen anzutreiben“, gibt der Regisseur zu Protokoll.
Fleming begann mit der Garderobe von Harold Crick, die man zu Beginn des Films als reglementierte und nahezu farblose Stadtuniform bezeichnen könnte. „Bei Harolds Outfits war es mir wichtig, ein Gefühl für Steifheit und Wiederholung zu erzielen“, sagt Fleming. „Erst im letzten Akt bricht er aus seiner selbst gewählten Konformität aus und erlaubt mehr Licht in sein Leben, was wir mit einer subtilen Veränderung in Bezug auf die Farbe und Struktur seiner Kleidung andeuten.“
Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Fleming im Fall von Ana Pascal, die befreiend wirkendere Kleidung trägt – sowie Tätowierungen, die von Lisa Layman, der Chefin der Make-up-Abteilung, entworfen wurden. „Bei Ana war es uns wichtig, ein Gleichgewicht zwischen ihrer Sinnlichkeit und ihren Taffheit zu erzielen“, erzählt Fleming. „Es war wichtig, ihre Charakterstärke zu vermitteln und sie dennoch ästhetisch als nahbar und warmherzig zu charakterisieren, damit man auch nachvollziehen kann, warum Harold Crick sich in sie verliebt.“
Fleming drückte auch die Nuancen der anderen Figuren durch seine Kreationen aus. So trägt Karen Eiffel zerknitterte, achtlos angezogene Kleidung und Penny ist stets in bewusst gewählten modischen Kombinationen zu sehen. Besonders stolz ist Fleming auf die Garderobe, die er für Dustin Hoffman als Professor Hilbert zusammenstellte: „Bei der Figur von Dustin Hoffman war es mir wichtig, ein Gefühl von Weltgewandtheit zu erzeugen. Wichtig war mir auch, ihn so einzukleiden, wie es das Publikum von einem Professor womöglich nicht unbedingt erwarten würde“, gesteht Fleming. „Die Palette für Dustin ist sehr weich und monochromatisch, mit Elementen von Licht, die eine Art Hoffnungsschimmer darstellen.“
Die Aufgabe, die Designs des Films ansprechend auf der Leinwand zu präsentieren, fiel Kameramann Roberto Schaefer zu, der bislang bei allen Filmen von Marc Forster das Licht gesetzt hat. Das Drehbuch von SCHRÄGER ALS FIKTION unterschied sich allerdings von allen vorangegangenen, wie Schaefer betont: „Ich fand es sehr witzig, sehr clever. Es hatte viele visuelle Ideen, mit denen man spielen konnte, um den Film interessant zu gestalten.“
Als Schaefer sich zur intensiven Vorbereitung mit Forster zusammensetzte, war der Kameramann vor allem begeistert von der Inspiration durch Playtime. „Was die Geschichten anbetrifft, gibt es kaum Parallelen zwischen SCHRÄGER ALS FIKTION und Tatis Film. Was uns ansprach, war die Idee, Architektur, urbane Elemente und all die Symbole der modernen Gesellschaft zu nutzen, um das Gefühl entstehen zu lassen, dass Harold ein Fremdkörper in seiner eigenen Welt ist“, merkt er an. (Erst später fanden Schaefer und Forster heraus, dass Playtime einer der Lieblingsfilme von Drehbuchautor Zach Helm ist.)
Schaefer ließ auch die Gelegenheit nicht ungenutzt, die reflektierenden Stahl- und Glastürme von Chicago ins rechte Licht zu rücken, um die Metapher, dass es sich bei dem Film um eine Reflektion über das Leben und den Platz des Einzelnen in dieser Welt handelt, auch visuell zu vertiefen. „Die Stadt Chicago war ein großer Einfluss“, gibt er zu. „Sie ist absolut hinreißend. Manchmal war es eine Herausforderung, die Kamera richtig aufzustellen – bei all dem vielen Glas, das einen umgibt. Aber ich denke, es hat prima geklappt und gibt ein definitives architektonisches Statement ab.“
Obwohl SCHRÄGER ALS FIKTION gewiss keine Spezialeffekt-geladene Komödie ist, spielen visuelle Effekte an einzelnen Stellen des Films eine entscheidende Rolle, gerade wenn sich Karen Eiffel ausgefeilte Todesszenarien vorstellt. „Es war absolut wichtig, dass sich diese Szenen zu 100 Prozent echt anfühlten“, sagt Eric Kopeloff. „Kevin Haugs Effektteam sorgte dafür, dass es ganz unkompliziert aussah.“
Eine weitere technisch schwierig zu bewältigende Sequenz gab es zu absolvieren in der Szene, in der Harolds Wohnung aus heiterem Himmel von der gigantischen Schaufel eines Abrisskrans angegriffen wird. „Zunächst nahmen wir Kontakt mit ein paar Abrissfirmen in Chicago auf, um herauszufinden, ob es während der Drehzeit ein passendes Gebäude geben würde, das abgerissen werden sollte. Als wir aber keines finden konnten, entwickelten wir einen anderen Plan“, berichtet Kopeloff. „Ich finde, dass der auch ausgezeichnet funktioniert hat. Wir entwarfen eine Lego-artige Wandstruktur für Harolds Wohnung, die etwa 2.250 Kilo wog. Dann brachten wir einen echten Abrisskran ans Set, der diesen Teil der Wand demolierte. Auf diese Weise gelang es uns, den dramatischen Effekt einer Abrissschaufel, die ohne Vorwarnung durch die Wohnung donnert und Harolds Leben in Stücke reißt, überzeugend zu vermitteln – einer der entscheidenden Wendepunkte in Harolds Geschichte.“
Die wahrscheinlich auffälligsten visuellen Effekte im Film sind die Grafiken, die während des gesamten Films zum Einsatz kommen, um die Funktion von Harolds mathematischem Verstand zu verdeutlichen. Der technische Name für die weißen Linien und Nummern und Designs, die rund um Harold herum zu sehen sind, sind „graphic user interfaces“ (oder „GUIs“). Sie waren die ersten visuellen Effekte, die Marc Forster mit Haug durchsprach. „Die Absicht war, dass wir Harold Cricks zwanghafte Gewohnheiten direkt vom Drehbuch auf die Leinwand übersetzen wollten“, sagt Forster. „Die GUIs waren ein Weg, visuell mitten in Harolds Verstand zu sehen, um mehr über ihn und seine Routinen zu erfahren.“ Haug beschreibt den Effekt: „Die Grafiken sind simple Two-Level-Composites von 2-D-Grafiken, die ziemlich clever platziert und beleuchtet werden, um so nahtlos wie nur möglich ins Bild gefügt zu werden. Die GUIs sind so etwas wie Harolds Superkraft – und wie es ein guter Superheld nun mal macht, erzählt er niemandem davon, nicht einmal seinem besten Freund.“
Jede einzelne Szene mit Harold wurde von Forster und Haug minuziös untersucht, um festzustellen, ob es möglich und passend wäre, einen GUI als Illustration einzusetzen. Haug nennt das „die quantifizierbaren Aspekte von Harolds Gedankengängen“. Beim Entwurf der Grafiken, die Harold beispielsweise beim Rennen zum Bus begleiten, entwarfen Haug und sein Team zwei separate Versionen. „Beide Male zeigen die GUIs, wie Harold seine Schritte zählt und vierdimensional ausrechnet, wann und wo er den Bus heute erreichen wird und wie dieser kurze Abschnitt seines Tages im Verhältnis zu den anderen Tagen steht, in denen er den Bus genommen hat. Beim zweiten Mal wird Harold von der Erzählerin abgelenkt und verzählt sich zum ersten Mal in seinem Leben. Das Resultat ist, dass der GUI zusammenbricht und auf die Straße stürzt.“ Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weniger zwanghaft wird Harold, was Zahlen und Ordnungen anbetrifft. Wir sehen immer weniger GUIs, bis der Einbruch der Abrissfirma in sein Leben sie für immer zur Seite fegt.
Während der Produktion des Films war der eigentliche Fokus der Effekte, des Setdesigns, der Kostüme, der Kameraarbeit und der Darstellerleistungen immer der, die Geschichte von Harold Crick zu erzählen, die ja in Wahrheit die Geschichte von Karen Eiffel ist, die wiederum eine Allegorie für all die Geschichten ist, die wir alle über unser Leben erzählen, womit man am Ende wieder bei der liebenswerten und doch zutiefst emotionalen Geschichte von Harold Crick landet.
Lindsay Doran fasst zusammen: „Selbst als wir den Film drehten, redeten Marc und ich unentwegt nur über die Emotionen, die der Geschichte zu Grunde liegen. Egal ob es um die Leistung eines Schauspielers ging oder die Ausleuchtung einer gewissen Szene oder das Design eines Sets: Wichtig war es uns immer nur, eine lebensechte Balance aus Komödie und Zärtlichkeit hinzubekommen.“