das Drehbuch zu deinem neuen Film hat mir sehr gefallen. Alles darin kommt mir bekannt vor und scheint mir sehr typisch für deine Arbeit zu sein. Es erinnert mich an die Welt von WOMIT HABE ICH DAS VERDIENT? (¿Qué he hecho yo para merecer esto?, 1984).
Aber dein neuer Film scheint etwas weniger barock zu werden. Mit seiner Transparenz versetzt er uns zwar wieder in dieselbe Welt, aber auf eine andere Art, auf eine poetischere, weisere, bewegendere Art. Wunderbar ist sie, diese Mischung aus Schrecken und Glück. Deine Figuren schaffen es immer wieder, wie Italo Calvino sagte, in der Hölle dasjenige zu finden, was nicht Hölle ist, und es in ihr Leben zu integrieren. Diese deine Mischung aus Einfalt und Perversität, die auch das Schrecklichste noch ins Komische zu drehen vermag und die Schönheit und die Hoffnung dort findet, wo es sie scheinbar gar nicht geben kann, das ist für mich das Wunderbarste an deinen Filmen.
Dein Drehbuch erinnert mich an eine Geschichte, die Tolstoi in irgendeinem Buch erzählt. Ein Pater besucht eines seiner Klöster, das irgendwo auf einer kleinen Insel im griechischen Archipel gelegen ist. Dort trifft er vier Mönche. Zu seiner Entrüstung stellt er fest, dass sie das Vaterunser nicht beherrschen, und bringt es ihnen bei. Dann verabschiedet er sich wieder. Er hat sich schon weit von der Küste entfernt, als er etwas entdeckt, das sich schnell über das Wasser auf sein Boot zu bewegt. Er schaut genauer hin und stellt fest, dass es die Mönche sind, die er soeben besucht hat - und die übers Wasser auf ihn zulaufen! Als sie ihn erreichen, sagen sie ihm, dass sie das Gebet, dass er ihnen beigebracht hat, vergessen hätten und bitten ihn, es sie nochmals zu lehren. Der Pater antwortet bewegt, dass sie es nicht lernen müssten, sie bräuchten es gar nicht.
Deine Figuren erinnern mich an diese Mönche. Sie wenden sich an uns, verletzlich und verloren, und bitten um Hilfe, aber sie tun es auf dem Wasser gehend. Sie merken es gar nicht, aber auf diesem merkwürdigen und wunderbaren Weg kommen sie zu uns. Und wir, was können wir ihnen sagen? Wir können ihnen nur sagen, dass, gleichgültig was ihnen widerfährt, wie sehr sie auch leiden, was für sonderbare und schreckliche Dinge sie auch durchmachen müssen, wir kein Recht dazu haben, ein Urteil über sie zu fällen. Ja, dass es schon eher sie sind, die über uns urteilen dürften, auch wenn wir genau wissen, dass sie gerade das nie tun würden, weil ihre Obsession nicht die Gerechtigkeit, sondern die Liebe ist. Und das Beste, was sie tun können, ist, so zu bleiben, wie sie sind.
So sehe ich dieses Drehbuch, ich betrachte es als ein Märchen. Im Märchen kommen schreckliche Dinge vor: Vierteilungen; Väter, die mit ihren halbwüchsigen Töchtern ins Bett wollen; Kinder, die im Wald ausgesetzt werden; wilde Ungeheuer, die sich an Menschenfleisch gütlich tun...
Alle Extreme finden sich in ihnen. Und trotzdem, inmitten all dieses Schreckens, erscheint doch immer wieder dieses seltene Gut, das wir Unschuld nennen. Die Unschuld ist sehr schwer zu definieren, aber ganz leicht zu identifizieren, wenn sie uns begegnet. Ich glaube, die Kunst ist dafür da, diese Unschuld zu verfolgen, die immer wieder an den dunkelsten Orten aufscheint...