Wohl selten zuvor trafen Realität und Fiktion so zusammen wie bei BABEL, Alejandro González Iñárritus zeitgemäßer Version des biblischen Mythos, der als Ursprung aller menschlichen Kommunikationsprobleme gilt.
Der Film entstand über die Dauer eines Jahres auf drei Kontinenten – mit einer vielsprachigen Besetzung, zu der neben Stars wie Brad Pitt, Cate Blanchett, Gael García Bernal und Kôji Yakusho auch viele nicht professionelle Darsteller aus Marokko, Mexiko und Japan gehörten. Für alle Beteiligten wurde BABEL dabei nicht nur zu einem physischen, sondern auch zu einem psychologischen Trip, der mit der Reise der Filmcharaktere durchaus Gemeinsamkeiten aufweist. Während der Film die Geschichten von Menschen erzählt, die durch kulturelle und sprachliche Unterschiede aus der Bahn geworfen werden, mussten der Regisseur und sein Team sich ganz ähnlichen Herausforderungen stellen, und das bereits lange vor Drehbeginn.
González Iñárritu, der sich selbst als „Regisseur im Exil“ bezeichnet, führt die Idee zu BABEL zuallererst auf sein eigenes Nomadenleben der letzten Jahre zurück. „BABEL beantwortet nicht mehr die Frage ‚Woher komme ich?’, sondern eher die Frage ‚Wohin gehe ich?’“ Dieser sehr persönliche Ansatz ging so weit, dass BABEL in der Anfangsphase ein selbstfinanziertes Projekt des Regisseurs war.
Im Unterschied zu seinen beiden vorherigen Filmen, die in Ländern, an Orten und unter Drehbedingungen entstanden, die dem Regisseur vertraut waren, bedeutete BABEL für González Iñárritu eine größere emotionale und intellektuelle Herausforderung und eröffnete ihm gleichzeitig die Möglichkeit, mit seiner bislang komplexesten Filmproduktion andere Kulturen und Weltsichten zu erkunden. Das Aufeinanderprallen einer Vielzahl kultureller Unterschiede auf allen Ebenen veränderte dabei nicht nur seine persönliche Perspektive, sondern auch den kreativen Prozess.
Eines der Hauptziele Iñárritus war es, bei der Erzählung den Blick des Außenseiters zu vermeiden. Dafür ging er nach der Methode „Beobachten und Verinnerlichen“ vor. Er verfolgte aufmerksam die alltäglichen Gewohnheiten der Einheimischen und entschied sich dafür, mit Laiendarstellern aus den jeweiligen Regionen zusammenzuarbeiten, was ihm ungeahnte Einblicke in kulturelle Eigenarten ermöglichte. Viele der Darsteller hatten nie zuvor eine Kamera gesehen.
Das Einstudieren sehr emotionaler Szenen in fremden Sprachen, das Suchen nach der perfekten Kameraposition in einer endlosen Wüste, aber auch in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt – dies und vieles mehr ließen die Kernaussage von BABEL nicht nur im Drehbuch, sondern auch im wirklichen Leben wahr werden: „Barrieren und Grenzen sind nicht immer physisch und sichtbar”, sagt Iñárritu. „Die Trennlinien sind in uns, in unseren kulturellen Settings gibt es Vorurteile. Doch ebenso können sie durchbrochen werden.“