Um die verschiedenen Charaktere von BABEL zum Leben zu erwecken, war eine internationale Besetzung unabdingbar. Iñárritu begann mit dem amerikanischen Ehepaar, das in den Bergen Marokkos zum Opfer eines Gewehrschusses wird. Diese Rollen besetzte der Regisseur mit zwei der gefragtesten Schauspieler Hollywoods: Kassenmagnet Brad Pitt und Academy Award®-Gewinnerin Cate Blanchett.
Für die Rolle des Richard Jones hatte Iñárritu die Vision einer „männlichen amerikanischen Ikone”, die sich in der heutigen Zeit in einem muslimischen Land mit großen Problemen konfrontiert sieht. Für den Regisseur war Pitt nicht die offensichtliche Wahl, aber eine sehr interessante. „Er hat eine solche Rolle bisher noch nie gespielt, und ich spürte – und Brad tat dies auch – dass es eine spannende Herausforderung sein würde, ihn in einen mittelalten Mann in einer schweren Krise zu verwandeln. Er hat diese Aufgabe großartig gemeistert und alles aus sich herausgeholt.“
Iñárritu wusste, dass er auch für die Rolle von Richards Frau Susan eine Schauspielerin finden musste, die über großes Können und Tiefe verfügt. „Ich spürte, dass nur eine Schauspielerin von Cates Klasse und Vielseitigkeit etwas Interessantes aus einer Figur herausholen konnte, die die meiste Zeit schwer verletzt auf dem Boden liegt.“ Für Iñárritu setzte Blanchett am Set einen hohen schauspielerischen Standard. „Sie ist eine Prinzessin mit der Fähigkeit, sich in alles verwandeln zu können, was sie will. Ich konnte mich jederzeit auf sie verlassen. Als Regisseur macht sie einem das Leben einfach sehr leicht”, so Iñárritu. „Sie bewies, dass es keine kleinen Rollen gibt. Alles hängt davon ab, was man daraus macht.“
Für BABEL arbeitete Iñárritu erstmals mit Laiendarstellern. Es war eine wohl überlegte Entscheidung. „Die Arbeit mit Laienschauspielern war eine große Herausforderung, aber sie hat gleichzeitig mehr Realismus ermöglicht”, stellt er fest. Iñárritu sieht es heute als wichtigste Entscheidung der gesamten Produktion. „Als wir mit dem Casting begannen, wurde mir klar, dass Berufsschauspieler in der Wüste Marokkos unweigerlich unecht wirken. Ihre Haut ist zu glatt, ihr Aussehen zu gepflegt.“ Stattdessen wurden marokkanische Handwerker, Computerprogrammierer, Kaufleute und viele mehr vom Casting-Team, das aus zwei Franzosen und einem Mexikaner bestand, handverlesen. Wenn das Team in die kleinen Dörfer der Sahara kam, wurden die Casting-Aufrufe von den Moscheen verbreitet, worauf sich Hunderte von Leuten meldeten, mit denen dann Probeaufnahmen gemacht wurden. Für die Rollen der beiden jungen Brüder Yussef und Ahmed, deren übermütige Schießübungen mit einem Gewehr weitreichende Konsequenzen für ihre Familie und ihr ganzes Dorf haben, wurden so Boubker Ait El Caid und Said Tarchani gefunden. Aus einer Menge von mehreren Tausend jungen Marokkanern wurden sie wegen ihrer starken Ausstrahlung und ihrer ausdrucksvollen Gesichter ausgewählt.
Für die beklemmende Geschichte des Kindermädchens Amelia, einer illegalen Immigrantin, die die Grenze überquert, um bei der Hochzeit ihres Sohnes dabei sein zu können und sich dann im Grenzgebiet der USA und Mexikos verirrt, sah sich der Regisseur hunderte von zweisprachigen Schauspielerinnen an, immer auf der Suche nach der seltenen Kombination aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit, die Amelia verkörpern sollte. Schließlich wies Iñárritus Frau Maria Eladia ihn auf eine Darstellerin aus AMORES PERROS hin. Adriana Barraza schickte ein Band, das sie sofort als die perfekte Besetzung auswies. „Jede ihrer Szenen trifft mich in Herz und Bauch. Sie strahlt die bedingungslose Hingabe einer liebenden Mutter aus, die gleichzeitig hart im Nehmen ist und viel Schmerz aushalten kann.“ Ähnlich wichtig für die Mexiko-Geschichte sind die Kinder, die Amelia mit über die Grenze nimmt: Mike, gespielt von dem Neuling Nathan Gamble, und Debbie, die von Dakota Fannings Schwester Elle gespielt wird. Durch den offenen, vorurteilslosen Blick der Kinder enthüllt Iñárritu dem Zuschauer die unbekannten Seiten Mexikos. „In der amerikanischen Gesellschaft gibt es eine Reihe von Vorurteilen über Mexiko. Deshalb wollte ich das Land mit den Augen der Kinder zeigen, die von Unschuld und Entdeckungsfreude geprägt sind. Was aus bestimmter Perspektive schmutzig, merkwürdig und arm aussieht, kann, durch die Augen von Kindern betrachtet, verspielt, bunt, ungewöhnlich und fröhlich sein.“
Für die Rolle des Santiago, Amelias Neffen, der sie und die Kinder in betrunkenem Zustand auf eine Odyssee durch die Wüste schickt, wählte Iñárritu Gael García Bernal, den er erstmals als Octavio in AMORES PERROS besetzt hatte und der seitdem zu einem internationalen Star aufgestiegen ist. „An Gael habe ich von Anfang an gedacht. Ich konnte dieses Triptychon nicht ohne ihn vollenden. Er ist einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler. Als Santiago porträtiert er sehr subtil eine bestimmte Janusköpfigkeit in manchen mexikanischen Männern, die liebevoll, freundlich und enthusiastisch sein können, die aber, wenn sie etwas getrunken haben, oft wütend, hasserfüllt und unverantwortlich handeln”, kommentiert der Regisseur. „Außerdem repräsentiert er die Einstellung, die manche mexikanischen USA-Pendler gegenüber den US-Behörden haben. Der Grund für Santiagos Wutausbruch liegt nicht in den Ereignissen dieser Nacht oder seiner Trunkenheit allein, sondern in der Summe der jahrelangen Erniedrigung und Ablehnung, die er immer wieder erlebt hat und die sich über lange Zeit in ihm aufgestaut haben.“
Die vielleicht intimste Geschichte BABELs entfaltet sich in den Menschenmengen, dem Chaos und der Großstadthektik Tokios. Für die Rolle von Yasujiro, einem Vater, der keinen emotionalen Zugang zu seiner Tochter findet, castete Iñárritu mit Kôji Yakusho einen der renommiertesten Schauspieler Japans. Obwohl es sich um eine kleine Rolle handelte, wusste Iñárritu, dass er einen Darsteller finden musste, der ihr in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeitspanne auf eindrucksvolle Weise seinen Stempel aufdrücken würde. An Yakusho bewundert Iñárritu vor allem die „Ökonomie seiner Bewegungen.“ Im Dezember 2004 begann Iñárritu nach einer passenden Besetzung für die komplexe Rolle von Yasujiros Tochter zu suchen, der zornigen, sexuell suchenden Taubstummen Chieko. Als die 24-jährige Rinko Kikuchi zum Vorsprechen erschien, war Iñárritu nach eigenen Worten „überwältigt von ihrem Talent, aber zögerlich angesichts der Tatsache, dass sie nicht taubstumm war.“ Kikuchi war so entschlossen, die Rolle zu bekommen, dass sie, aus eigenem Antrieb und obwohl sie keine Zusage für die Rolle hatte, neun Monate lang Zeichensprache lernte. Iñárritu sah sich über Monate hinweg weitere taubstumme Teenager an, ohne zu finden, was er suchte. Schließlich entschied er sich für Rinko. „Es war eine sehr mutige und kluge Entscheidung”, kommentiert der Regisseur ihren Entschluss, Zeichensprache zu erlernen. „Manchmal entstehen die Magie und die Kunst einer Performance durch Verwandlung.“
Mit ausländischen Laiendarstellern zu drehen, hieß für den Regisseur nicht nur, ihre kulturellen Standpunkte zu dechiffrieren, sondern auch, ihnen erstmals bestimmte Reaktionen auf bestimmte Situationen beizubringen. „Schauspieler zu führen ist schwierig. Schauspieler in einer Sprache zu führen, die man selbst nur begrenzt spricht, ist sehr schwierig, wie ich bereits seit 21 GRAMM wusste, aber Laiendarsteller zu führen, ohne auch nur ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen, war die dümmste, unverantwortlichste, herausforderndste und schließlich doch lohnendste Idee, die ich jemals hatte”, sagt er.
Bei der Überwindung dieser Kommunikationshürde halfen ihm glücklicherweise drei wunderbare Frauen, die es dem Regisseur ermöglichten, die Sprachbarriere zu durchdringen und so zu inszenieren, als ob die Sprache gar kein Thema sei. „In Marokko hatte ich das Glück, mit Hiam Abbass zu arbeiten, die weit mehr als ein Sprachcoach und eine Übersetzerin war. Sie ermöglichte mir, eine emotionale Verbindung zu den arabischen Laiendarstellern aufzubauen. Ohne sie hätte ich das niemals geschafft. Das Gleiche gilt für Mariko und Rieko in Japan. Mariko, unsere Übersetzerin für die Taubstummensprache, ermöglichte mir die Kommunikation mit den taubstummen Mitgliedern des Casts und half mir, den Graben zwischen uns, der so leicht zu Missverständnissen hätte führen können, zu überwinden. Rieko, meine japanische Dolmetscherin, sorgte dafür, dass die Schauspieler mich verstanden, was unter den gegebenen Umständen keine leichte Aufgabe war.“