Donnerstag | 31. Mai 2012 | 02:33 Uhr
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  • Das Mädchen aus dem Wasser

    Fantasy, Mystery | USA 2006
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      • | Die Story und ihr Erzähler

      • Einem meisterhaften Erzähler gelingt es manchmal, einprägsame Bilder oder Dialogsätze zu schaffen, die wir Zuschauer unser Leben lang nicht vergessen. Selbst wenn das Filmerlebnis Jahre zurückliegt, bringt schon eine flüchtige Andeutung die Erinnerung sofort zurück, und die emotionale Wirkung der Geschichte wiederholt sich vor unserem geistigen Auge genauso intensiv, wie wir sie damals im Kino erlebt haben.

        1999 begeisterte Autor/Regisseur M. Night Shyamalan das Publikum mit dem international gefeierten Thriller „The Sixth Sense“ (The Sixth Sense), einer vielschichtigen, spannenden und emotional mitreißenden Geistergeschichte. Der Film entwickelte sich zu einem weltweiten Kultphänomen und erschloss dem ganz auf seine Figuren konzentrierten Blockbuster eine neue Dimension. Shyamalan drehte daraufhin eine ganze Hit-Serie: „Unbreakable“ (Unbreakable – Unzerbrechlich), „Signs“ (Signs – Zeichen) und „The Village“ (The Village – Das Dorf) etablierten ihn als überragenden, stringenten Geschichtenerzähler mit überbordender Fantasie.

        Während unsere heutige Zeit mit Reality-TV und oft abgedroschenen Kinostoffen zugekleistert wird, bringt Shyamalan immer wieder originelle, dynamische Geschichten auf die Leinwand, die das Publikum mit seinem Markenzeichen, einer Mischung aus Suspense, Dramatik, Humor und tief empfundenem Gefühl, begeistert.

        Sein ungewöhnlich selbstbewusster Stil kombiniert den durchdachten Bildaufbau mit langen Einstellungen, meist ohne die Szenen aus anderen Blickwinkeln zu ergänzen. Formal geht der Regisseur also ebenso provokant unkonventionell vor wie inhaltlich – was seine Leidenschaft für das Erzählen untermauert.

        „In meinen Filmen drücke ich mein emotionales Innenleben aus“, sagt Shyamalan. „In jedem Film werfe ich Fragen auf, die mich zu dem Zeitpunkt selbst beschäftigen. Ich finde, dass ich meinen Zuschauern ehrlich gegenübertreten muss. Also spreche ich ehrlich über die Dinge, die mir am Herzen liegen, und zwar im Kontext einer fiktiven Geschichte, die allen Spaß macht.“

        Zwei Milliarden Dollar haben Shyamalans Filme bisher an der Kinokasse und auf dem DVD-Markt eingebracht – ein gutes Indiz dafür, dass seine Filme ebenso persönlich wie zeitlos wirken. Die Zuschauer schätzen ihre Originalität und Aufrichtigkeit ebenso wie ihre Intelligenz. Ob er sich mit übernatürlichen Phänomenen oder sehr persönlichen Tragödien beschäftigt – immer spricht Shyamalan in uns die Urfragen der menschlichen Existenz an, und er setzt sie in Beziehung zum grenzenlosen Universum. Und dafür benötigt er nie Gewalt oder aufdringliche visuelle Effekte.

        „Night schreckt bei seiner Arbeit vor nichts zurück – genau das zieht die Menschen in seinen Bann“, sagt Bryce Dallas Howard, die für ihre erste Spielfilm-Hauptrolle in „The Village“ begeisterte Kritiken erhielt. „Die Zuschauer wissen ganz genau, dass sie etwas zu sehen bekommen, bei dem Angst keine Rolle spielt.“

        Shyamalans bisher wohl originellster und mutigster Film ist „Lady in the Water“ (Das Mädchen aus dem Wasser): Er entstand aus einer improvisierten Gutenachtgeschichte, die der Regisseur seinen beiden kleinen Töchtern erzählte. „Wenn ich meinen Kids etwas erzähle, schere ich mich nicht um Formfragen – was mir gerade einfällt, sprudelt einfach so aus mir heraus“, beschreibt er das abendliche Ritual.

        „Wisst ihr eigentlich, dass jemand unter unserem Pool wohnt?“, fragte Shyamalan eines Abends aufgrund einer spontanen Eingebung – so begann eine Story, die sich über Tage und Wochen endlos weiterentwickelte. „Daraus entstand eine Art Odyssee“, erinnert er sich. „Im Kern der Geschichte steckte etwas, was mich trieb, jeden Abend unentwegt weiterzuerzählen. Auch als die Geschichte endlich abgeschlossen war, redete ich trotzdem mit meinen Töchtern ständig weiter darüber – wir überlegten, was die Figuren wohl als Nächstes erleben würden. Die Story beschäftigte uns außergewöhnlich intensiv.“

        „Das Mädchen aus dem Wasser“ erzählt von einer bezaubernden, nymphenartigen jungen Frau namens Story und dem heruntergekommenen Hausmeister Cleveland. Er entdeckt, dass sie ein Narf ist: eine Figur aus einer uralten epischen Gutenachtgeschichte, die unsere Menschenwelt besucht, um eine lebenswichtige, heilige Mission zu erfüllen. Weil sie derzeit zwischen den Welten gefangen ist, stehen der Erfolg ihrer Aufgabe und vielleicht sogar ihr Leben auf dem Spiel. Deswegen versteckt sie sich in Clevelands Mietsblock und haust in den kühlen, düsteren Kanälen unter dem Swimmingpool.

        Storys Rückkehr in ihre Heimat ist äußerst gefährlich, denn wilde Monster versuchen sie zu verhindern – was letztlich auch für die Menschenwelt katastrophale Konsequenzen heraufbeschwört. Cleveland tut sich mit seinen Nachbarn zusammen, um das Geheimnis von Storys Schicksal zu ergründen, und sie machen eine verblüffende Entdeckung: Auch sie selbst werden vom Schicksal in diese fantastische Geschichte hineingezogen, die auch die reale Umwelt vereinnahmt.

        Wie Cleveland und die Nachbarn glaubte schließlich auch Shyamalan selbst an die Geschichte. „Ich musste selbst hundertprozentig an diese Story glauben, um sie überzeugend auf die Leinwand zu übertragen“, sagt er. „Denn wenn ich den Zuschauern die reine Wahrheit erzähle – nämlich dass ich an solche Phänomene glaube –, dann lassen sie sich von dieser Botschaft überzeugen. Das ist meine große Hoffnung.“

        Shyamalans Entschluss, die Story mit seinem großen Publikum zu teilen, war also nur eine Frage der Zeit. „Zur selben Zeit entwickelte ich die Idee zu ,The Village‘. Weil es mir aber damals nicht besonders gut ging, musste ich zunächst mit ,The Village‘ das formulieren, was mich damals bewegte: Wie weit würde ich gehen, um meine Familie zu schützen? Würde ich mich von der Gesellschaft abschotten? Würde ich dabei fragwürdige Methoden in Kauf nehmen? Ich war damals noch nicht in der Lage, diese Fragen optimistisch zu beantworten. Doch inzwischen fühle ich mich inspiriert und voller Hoffnung, und das kommt in ,Das Mädchen aus dem Wasser‘ zum Ausdruck.“

        Mit „Das Mädchen aus dem Wasser“ schafft Shyamalan einen kompletten neuen Mythos in der Tradition von „The Princess Bride“ (Die Braut des Prinzen), „E.T.“ (E.T.) und „The Wizard of Oz“ (Der Zauberer von Oz), um unseren Glauben an eine höhere Macht zu stärken, an eine Welt unbegrenzter Möglichkeiten, die man nicht vollständig begreifen kann. „Im Erwachsenwerden liegt ein Problem: Wir vergessen, dass absolut alles möglich ist“, glaubt Shyamalan. „Was also früher möglich war, müssen wir jetzt in Geschichtenform bringen. Aber weil unser Zynismus die Oberhand gewonnen hat, müssen diese Geschichten als Kindergeschichten erzählt werden. Die ursprünglichen Wahrheiten sind jetzt also als Kindergeschichten getarnt.“

        „In ,Das Mädchen aus dem Wasser‘ gibt es ein komplettes Ökosystem von Wesen, die in der unmittelbaren Umgebung des Mietsblocks existieren“, fährt er fort. „Aber die Bewohner müssen erst jahrhundertelange Erfahrungen abtragen, um wieder wie die Kinder zu werden und an die unbegrenzten Möglichkeiten zu glauben. Erst dann können sie Verbindung zu der anderen Welt aufnehmen, die neben ihrer eigenen existiert.“

        „Wahrscheinlich erzählen wir gern Gutenachtgeschichten, weil wir nicht vergessen wollen, dass wir selbst Teil einer Story sind“, meint Howard. „Wir sind Teil eines großen Systems, und obwohl es häufig chaotisch wirkt, liegt ihm doch ein Plan, ein Ziel zugrunde.“

        Wie in allen von Shyamalans Filmen geht es um den Glauben – was vor allem in „Signs“ Thema war. In „Das Mädchen aus dem Wasser“ beschreibt der Regisseur aber auch, wie man dem Leben einen Sinn gibt. „Immer wenn ich von meinem mir vorgegebenen Weg abkomme, fühle ich mich todunglücklich“, gibt Shyamalan zu. „Manchmal erlebe ich Menschen, die nichts ausstrahlen – ihnen fehlt eine bestimmte Aura, die all jene Menschen auszeichnet, die andere inspirieren. In einer solchen Situation erkenne ich, dass sie noch nicht das tun, was ihnen vorgegeben ist. Sie haben ihre Aufgabe im Leben noch nicht gefunden.“

        Das Mädchen aus dem Wasser“ ist das jüngste Kapitel auf Shyamalans Weg als Geschichtenerzähler, sein siebter Film in einer Reihe unverwechselbarer Storys, die durch ein gemeinsames Anliegen verbunden sind: Sie wollen inspirieren und unterhalten. Dazu Shyamalan: „Wenn die Menschen aus dem Kino kommen, dann schöpfen sie hoffentlich wieder Hoffnung für sich und andere. Es geht um die Hoffnung, dass jeder seine Aufgabe findet – dass wir alle unseren Auftrag auf diesem Planeten erfüllen.“

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