Donnerstag | 31. Mai 2012 | 02:41 Uhr
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  • American Gangster

    Thriller, Drama, Crime | USA 2007
    WERBUNG
      • | Dreharbeiten in New York und Thailand

      • „Ich muß mir alles selbst ansehen, denn das sind meine Hausarbeiten. Ich sehe mir das Innere von Orten an, das Innere von Häusern... wie Menschen leben und sich kleiden. Diese Art von Informatio-nen mache ich mir zunutze.“
        – Ridley Scott

        Von den Zukunftsvisionen eines Los Angeles im Jahre 2019 in „Der Blade Runner“ bis hin zum Alten Rom des Helden Maximus in „Gladiator“: Seit seinen frühsten Tagen im Werbebereich hat Ridley Scott sich eine Karriere als kompromißloser Meister der Ästhetik aufgebaut. Und auch das Erschaffen des Universums von Richie Roberts und Frank Lucas im Harlem der 70er Jahre sollte sich als anspruchsvolle Aufgabe für alle im Team von „American Gangster“ erweisen.

        Für den ehemaligen Kunststudenten Scott, der seit Jahrzehnten im Filmge-schäft ist, schien jedoch nichts unmöglich – nicht einmal die Aufgabe, mit über 100 Sprechrollen an 152 verschiedenen Locations zu drehen. Produzent Grazer kommentiert: „Ridley erschafft Welten, und er bringt die Leute auf der Leinwand dazu, eine enorme Verbundenheit zu demonstrieren. Er kann den Worten auf einer Drehbuchseite Leben einhauchen und sie dreidimensional werden lassen.“

        „American Gangster“ entstand an zahl-reichen Orten in und um New York City. Obwohl Frank Lucas sein Drogenimpe-rium hauptsächlich aus Harlem heraus organisierte, führten die Dreharbeiten die Filmemacher in alle fünf Bezirke der Stadt, vornehmlich an echten Schauplät-zen. Außerdem filmte man einige Tage nördlich von New York und im Vorort Long Island.

        Wenngleich es naturgegeben Probleme bei der Erschaffung des Bildes einer Stadt gibt, wie sie sich drei Jahrzehnte zuvor präsentierte, gab es diesmal den Vorteil, daß der Regisseur New York City recht gut kannte; tatsächlich hatte Ridley Scott in den frühen 60er Jahren sogar einige Zeit im Bowery District verbracht. Dazu Scott: „Ich wußte, was mit Harlem zu machen war... wir mußten kleine Winkel und Ecken und Verstecke finden, die rüberbrachten, wie Harlem früher einmal gewesen ist.“ Dabei stellte er sich vor, „große, weiträumige Aufnahmen zu machen, um ein entsprechend umfassendes Bild von Harlem zu be-kommen“.

        Chefkameramann Harris Savides arbei-tete hauptsächlich mit Handkameras, um umzusetzen, was Scott stiltechnisch als „Guerilla Filmemachen“ bezeichnet. Savides stellte sich der Herausforderung mit einem Regisseur zu arbeiten, der gern viele Kameras gleichzeitig einsetzt und in diesem Fall fast den ganzen Film in echten Schauplätzen drehte.

        Ein weiterer langjähriger Mitarbeiter Scotts, Produktionsdesigner Arthur Max, setzte seine Fähigkeiten beim ausführli-chen Suchen nach Drehorten ein, um Gegenden in New York zu finden, die noch heute dem Stadtbild der frühen 70er ähneln. Er stellte fest, daß sich Harlem seit den Tagen von Frank Lucas und seinen Country Boys in großen Teilen verändert hat. Um das Aussehen und die Atmosphäre des damaligen Umfelds der Akteure einzufangen, drehte das Team 20 Blocks nördlich der durch Lucas berühmt gewordenen 116. Straße auf der 136. Straße und trickste durch das Vertauschen von Straßenschildern.

        Für den echten Frank Lucas waren die Dreharbeiten in Harlem ein Wiedersehen mit den Tagen seiner Drogenherrschaft – wenngleich nicht alle in der Nachbar-schaft seine Rückkehr begrüßten. Fast jeden Tag, an dem Washington am Set arbeitete, saß auch Lucas in seinem Rollstuhl dabei, umgeben von seinen engsten Familienmitgliedern und schwelgte in Erinnerungen. „Ja, er sieht wie Babyface aus (über einen der nicht so ehrlichen Cops der SIU), bis hin zum Ledermantel“, bestätigte Lucas während er auf Josh Brolin bei der Arbeit zeigte. „Er hat sogar den Gang drauf, und sie lassen ihn ein Auto Model Shelby fah-ren, ganz so wie es in Wirklichkeit war.“

        Washington, der in Norden New Yorks geboren wurde und die Fordham Univer-sity in Manhattan besuchte, fühlte sich in dieser historischen Hauptstadt der Schwarzenkultur zuhause. „Ich hatte schon mit Spike Lee die Chance, an allen möglichen Ecken in dieser Stadt zu drehen“, so der Schauspieler. „Wir drehten damals sogar in derselben Kirche, die wir auch für diesen Film benutzt haben. Es tut gut, einige der Straßen entlang zu laufen, auf denen ich als Kind unterwegs war; Leute kamen auf mich zu, die mich doch tatsächlich noch von damals kannten.“

        Die Dreharbeiten bei Temperaturen von knapp 38 Grad hatten allerdings bei ei-nem der Akteure einen weniger nostalgi-schen Effekt: „Da versucht man, in Levi Jeans mit 70er Jahre Schnitt während einer Hitzewelle in New York Treppen rauf und runter zu rennen“, sagt Crowe kopfschüttelnd. „Ich rannte 54 Stufen rauf und 54 runter, und weitere 75 rauf, an einem Tag. Bereits nach zehn Trep-penstufen hat man total durchnäßte Jeans und die Dinger sind so eng, daß sie einem die Blutzirkulation abschnüren.“

        Ihren Anfang nahmen die Dreharbeiten im Viertel Williamsburg in Brooklyn, einer frisch aufgepeppten Gegend des ehrwürdigen Bezirks, wo sich heute Künstler und Musiker bei den Preisen für teure Lofts und zu Wohnungen um-gebaute Fabrikgebäude überbieten. Die Filmemacher hielten jedoch nach einer älteren, schäbigeren Ecke des Bezirks und fanden sie bei einem Schrotthändler, der schließlich als Location für die Szene einer Geldübergabe diente, bei der Roberts und sein Partner für die Über-wachung zuständig sind und eine Million Dollar im Kofferraum eines Wagens finden. Das Team sollte noch für drei weitere Sequenzen mit Drogenhändlern und Undercover-Einsätzen in die Gegend um Myrtle und Broadway zurückkehren.

        Oft war die Crew fast täglich an einem anderen Ort war – manchmal sogar an mehreren Orten innerhalb eines Tages – aber eine der längsten Perioden waren die Dreharbeiten auf Governors Island, wohin die Filmleute fast eine Woche lang jeden Morgen mit der Fähre übersetzten. Die Insel, einige Meilen vor der Freiheitsstatue im Hafen von New York gelegen, ist eine ehemalige Kaseren und Trainingsbasis und wurde 2003 von der US-Armee an den New York State zu-rückgegeben. Seither stehen die Hoch-häuser, die in der Vergangenheit die Militärangestellten beherbergten, leer. Diese Wohnungen dienten der Produkti-on für diverse Innenaufnahmen, darunter Lucas berühmt-berüchtigtes Versteck für den Heroinverschnitt in den Sozialwoh-nungen, in denen dann auch die finale Drogenrazzia stattfinden.

        Für Außenaufnahmen nutzte man auch das Marlboro Wohnprojekt im Stadtteil von Gravesend im Süden von Brooklyn, das mit seinen 28 Gebäude billigste Un-terkünfte für 1700 Familien bietet. Es ist das Zuhause zahlloser Drogendealer, Kleinkrimineller und Gangs. Dort ver-brachte das Filmteam zwei Tage mit den Dreharbeiten für die Szene, in der Ro-berts seinen drogenabhängigen Partner Javier (John Ortiz) vor der Mafia rettet, nachdem der drogenabhängige Polizist seinen Drogendealer umgebracht hat.

        Zum Glück waren nicht alle Drehorte von dieser Gestalt. Eine der schönsten Locations war das Anwesen in Old Westbury Gardens in Long Island, das als Haus des italienischen Mafiabosses Dominic Cattano (Armand Assante) diente. Die Gärten alleine erstrecken sich über eine Fläche knapp 65 Hektar und umgeben ein 1906 für den Stahlmagnaten John Phipps erbautes Herrenhaus.

        Der Anblick von Lucas eigenem Landsitz war fast genauso spektakulär: Briarcliff Manor in New York – ein Außenbezirk etwas eine Stunde nördlich von Manhattan – war einst das Zuhause solch reicher Familien wie der Astors, Vanderbilts und Rockefellers. Dort kamen zwei Gebäude für die Dreharbeiten zum Einsatz: eines diente als herrschaftliches Anwesen, das Lucas nach dem Umzug seiner Familie in den Norden kauft, das zweite war etwas bescheidener und ist im Film die Farm der Familie in North Carolina.

        Eine der größten Szenen, die in New York gedreht wurden, war die Darstel-lung des ersten Boxkampfs zwischen Ali und Frazier im Madison Square Garden, wo Lucas seinem Verfolger Roberts einen wesentlichen Hinweis darauf gibt, daß er einer der größten Spieler im Dro-gengeschäft sein könnte – indem er auf den besten Plätzen sitzt und einen extra-vaganten Mantel aus Chinchilla-Pelz trägt, den ihm seine Frau geschenkt hat. Gedreht wurde die Sequenz im über 16.000 Plätze verfügenden Nassau Vete-rans Memorial Coliseum auf Long Island, und gefüllt wurde die Arena mit Statisten in entsprechend zeitgemäßen Kostümen – ebenso wie mit zahlreichen Gesichtern berühmter Persönlichkeiten, die in der damaligen Nacht tatsächlich neben dem Boxring gesessen hatten. Naja, oder zumindest sahen sie exakt so aus wie die echten VIPs von damals.

        „Wir brauchten wochenlang, um die richtigen Leute für die Rollen der VIP-Doubles zu finden“, erklärt Casting-Chef Billy Dowd dazu. „Wir kontaktierten Agenturen, die auf Celebrity Lookalikes spezialisiert sind, schalteten eine Anzei-ge in den Branchenmagazinen Show Business und Backstage, in Tageszeitun-gen und online bei Craigslist. Einige waren wirklich sehr schwer aufzutreiben, wieder andere standen plötzlich bei uns im Büro und wir nahmen sie sofort unter Vertrag.“ Kurioserweise spielt zum Beispiel der Sohn von Arthur Mercante, der damals als Ringrichter den legendären Kampf leitete, seinen eigenen Vater im Ring.

        Aber nicht nur die Besetzung für alle VIP-Doubles zu vervollständigen, war eine Herausforderung, auch die Aus-stattung von fast 1000 Statisten, die sich für den Kampf des Jahrzehnts in Schale geworfen hatten, war keine geringe Auf-gabe für Kostümdesignerin Janty Yates. „Wir studierten eine Menge Fotos des damaligen Events und entwarfen Repli-cas von einer Menge der Kleidungsstücke für unsere Hauptfiguren“, erläutert Yates. „Außerdem suchten wir ganz New York ab und vereinnahmten das Angebot an Smokings und Cocktailkleidern aus der damaligen Zeit, um damit unsere Statisten einzukleiden.“

        Nachdem das Produktionsteam in den Staaten mit den Dreharbeiten in New York fertig war, zog man ins nördliche Thailand weiter, wo Scott die Zeit von Frank Lucas in Südostasien zum Leben erweckte. Mit der genialen Idee des Gangsters, Heroinlieferungen unter Mit-hilfe von US-Soldaten, die auf seiner Gehaltsliste standen, in Militärflugzeu-gen an die Ostküste der Vereinigten Staaten zu transportieren, fing alles an. Seine Crew kam auf die Idee, Särge mit einem doppelten Boden zu versehen, in dem sich sechs bis acht Kilo Heroin ver-stecken ließen; beim ersten Flug dieser Art gelangten auf diese Art 132 Kilo der Droge in die USA.

        In dieser Gegend von Thailand, ungefähr zwei Stunden nördlich der Stadt Chiang Mai, wurden Szenen von Lucas Reise zu den opiumreichen Mohnfeldern des Gol-denen Dreiecks – auch bekannt als Grenzregion zwischen Burma, Thailand und Laos – gedreht. In jener Region Südostasiens war vor 30 Jahren der Großteil des weltweiten Mohnanbaus beheimatet.

        In der Mitte eines Erdnußfeldes baute das Team von Produktionsdesigner Ar-thur Max ein traditionelles thailändi-sches Dorf und eine Reishütte. Dies stellte das Zentrum der Opiumverarbei-tung dar, wo Lucas seine ersten Deals mit Drogenlieferanten aus dem Militär – vermutlich Mitglieder der früheren Ku-omintang Armee von Chiang Kai-shek – machte. Dort knüpfte er jene Beziehun-gen, die es ihm später erlaubten, jeden anderen Drogengroßhändler zu unter-bieten, indem er eben direkt an der Quelle kaufte und so seinen Kunden ein reineres Produkt zur Verfügung stellen konnte.

        Im Rahmen der Vorbereitung für die Szenen, in denen sich Lucas mit einem angeheirateten Neffen seiner Familie in Bangkok trifft, um den Trip zu den Opi-umfeldern einzufädeln und die dortigen militärischen Drogenlieferanten zu tref-fen, entwarf Arthur Max einen Markt-szenerie in der Stadt Chiang Mai. Das Vorhaben wurde nicht gerade durch die Tatsache erleichtert, daß die thailändi-sche Regierung kurz davor bei einem unblutigen Putsch entmachtet worden war, und sich die Produktion auf lokale Arbeiter innerhalb einer sich ändernden politischen Struktur verlassen mußte, um vor Ort die Szenerie einer Stadt mit nie endendem Nachtleben zu erschaffen, einer Stadt, die damals als Basisstation für Militärangehörige diente. Und es verwundert wenig, daß man inmitten des dabei geschaffenen Designs von pulsie-renden Neonanzeigen, fluoreszierenden Lichtern und mehrschichtigen Sets nicht lange nach den futuristischen asiatischen Anklängen aus „Blade Runner“ suchen muß.

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