Wie würden Sie auf den verführerischen Einfluss von Macht reagieren? Würden Sie sich ihr beugen oder Ihre moralischen Überzeugungen hinter sich lassen, um Macht zu gewinnen? Wie ist es mit denen, die ihren Weg voller guter Absichten einschlagen und am Ende zu blutrünstigen Einzelgängern werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der packende Thriller DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND, der das Publikum auf eine Reise in die Welt eines der faszinierendsten und zugleich furchteinflößendsten Anführer aller Zeiten einlädt: In die Welt Idi Amins, der berühmt war für sein Charisma und dessen brutale Herrschaft dennoch rund einer halben Million seiner Untertanen das Leben kostete.
Der Film ist gleichzeitig das erste fiktionale Werk des Oscar®-gekrönten Dokumentar-Filmers Kevin Macdonald. Sein Talent, Spannung zu erzeugen, stellte Macdonald schon mit seinen beiden vorherigen Filmen unter Beweis, mit der atemberaubenden Story vom Überlebenskampf eines Bergsteigers in TOUCHING THE VOID („Sturz ins Leere“, 2003) ebenso wie mit dem von der Academy ausgezeichneten ONE DAY IN SEPTEMBER („Ein Tag im September“, 1999), einer sorgfältigen Untersuchung der Geiselnahme während der Olympischen Spiele in München. Macdonald spürte beim Lesen von Giles Fodens preisgekröntem, auf Tatsachen basierendem Roman The Last King of Scotland, dass diese Geschichte die Dramatik einer realistischen Erzählung über Terror und das Überleben hatte, dazu einen tiefen Einblick in die menschliche Natur gewährte und wie ein fiktionaler Thriller aufgebaut war.
„Für mich war es die klassische Geschichte eines jungen Mannes, der eigentlich auf Abenteuer aus ist, dann aber viel mehr durchleben muss, als er sich je gedacht hat, und während dieser Prüfungen dahinterkommt, was für ein Mensch er wirklich ist“, erklärt Macdonald. „Einerseits könnte es dabei um jeden beliebigen Tyrannen auf der Welt gehen, aber die Sache interessierte mich vor allem, weil noch nie jemand einen ähnlichen Film speziell über Afrika gemacht hat.“
Macdonald fährt fort: „Ich fühlte mich schon immer von Projekten angezogen, die den Zuschauern neue Schauplätze eröffnen, die sie einer Welt aussetzen, die sie nicht kennen. Auch wenn man noch nie von Idi Amin gehört hat, kann man hoffentlich neue Einsichten aus DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND mitnehmen.“
So erging es mit Sicherheit vielen der Leser von Giles Fodens 1998 veröffentlichtem Roman. Das Buch gewann neben dem prestigeträchtigen Whitbread First Novel Award noch den Somerset Maugham Award, den Betty Trask Award und den Winifred Holtby Memorial Prize. Foden war mit fünf Jahren von England nach Afrika gezogen und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Uganda. Die Idee, einen Roman über das furchterregende Regime Idi Amins zu schreiben, hatte er schon früh und fand dann den geeigneten Weg, den Fallstricken all der Mythen zu entkommen, die sich um Amin ranken, und zum Kern der Legende vorzustoßen: Er entwarf die Figur eines jungen Arztes, der sich mit dem Diktator anfreundet, aber bald erkennen muss, dass er in einem Königreich gefangen ist, das mit jedem Tag brutaler wird und immer mehr außer Kontrolle gerät.
Indem er das moralische Dilemma des fiktionalen Nicholas Garrigan und schockierende Tatsachenberichte miteinander verknüpfte, konnte Foden nicht nur einen Einblick in Ugandas Vergangenheit gewähren, sondern auch die Frage danach stellen, wie sich gewöhnliche Menschen im Angesicht abgrundtiefer Grausamkeit verhalten. Er nannte den Roman The Last King of Scotland, entsprechend einer von Amins größenwahnsinnigen Selbstbezeichnungen (dessen andere Titel für sich selbst waren beispielsweise „Eroberer des British Empire“ und „Herr aller Tiere der Erde und Fische des Meeres“).
Produzentin Lisa Bryer erkannte sofort das filmische Potenzial in Fodens Buch. „Der Stoff passt für mich hervorragend zu all den klassischen Kinothrillern mit historischem Hintergrund wie etwa SALVADOR (1985) oder MISSING („Vermisst“, 1981)“, sagt sie. „Er hat aber auch eine allgemeine Aussage – jeder, der eine gute Story mag, wird gefesselt sein. Außerdem hat der Roman wirklich politische Relevanz, solche Dinge passieren auch heute noch jeden Tag.“
Bryers Partner Charles Steel war ebenso fasziniert. „Es ist einfach eine zeitlose Erzählung von einem jungen Mann auf der Suche nach einem Abenteuer, der sich auf diesem Wege verliert und dann doch noch Erlösung findet“, sagt Steel. „Und dann hat man auch noch diese wunderbare Beziehung – beinahe eine Liebesgeschichte – zwischen Nicholas und Idi Amin, eine Geschichte wie ‚Die Schöne und das Biest‘.“
Bryer und Steel präsentierten die Idee Andrea Calderwood, die zu dieser Zeit die Abteilung Drama bei BBC Schottland leitete, das Projekt in Angriff nahm und auch noch Andrew Macdonald und Allon Reich von DNA sowie Tessa Ross von FilmFour an Bord holte. Calderwood war sehr angetan von dem Thema und wollte es unbedingt trotz aller absehbarer Schwierigkeiten auf die Leinwand bringen. „Die Story von DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND ist absolut einzigartig und bedeutungsvoll“, sagt sie. „Sie ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch höchst originell, keine Neuauflage von irgendetwas, das wir alle schon mal gesehen haben. Aber gleichzeitig geht sie auch ein Wagnis ein mit der Feststellung, Idi Amin sei auch nur ein Mensch gewesen – offensichtlich ein Mensch voller Fehler, aber ein Mensch.“
Die Entwicklung des Projekts nahm mehrere Jahre in Anspruch, bis schließlich die zwei britischen Autoren Peter Morgan und Jeremy Brock ein packendes Drehbuch ablieferten. „Die Adaption war sehr schwierig“, stellt Bryer fest. „Man musste das Mitgefühl der Zuschauer für diesen Nicholas Garrigan irgendwie aufrechterhalten, weil er derjenige ist, der einen in die Welt dieses brutalen Diktators führen soll. Der Schlüssel war, das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Unschuld eines jungen Mannes und der Arroganz und Brutalität eines Verrückten zu finden.“
Nach Beendigung des Drehbuchs suchten die Produzenten nach einem Regisseur, der willens war, sich in das filmisch völlig unerschlossene Uganda zu begeben. Obwohl die relativ geringe Erfahrung Kevin Macdonalds für solch einen schwierigen Stoff ein zusätzliches Risiko bedeutete, fanden die Verantwortlichen schnell heraus, dass er bestens zu dem Thema passte. „Kevin ist großartig“, kommentiert Bryer, „ich habe noch nie mit jemandem wie ihm gearbeitet. Er ist sehr belesen und intelligent und dank seines Hintergrunds als Dokumentarfilmer ist er hervorragend in der Recherche. Wir hätten den Film nicht ohne ihn machen können.“
Es gab noch eine weitere große Herausforderung, bevor man ernsthaft mit der Produktion beginnen konnte. Macdonald war sich mit den Produzenten einig, dass der Film unbedingt in Uganda gedreht werden sollte. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit trauten sich nur wenige Europäer oder Amerikaner dorthin, und Idi Amin ist bis heute eine kontroverse Figur geblieben, die gefährliche Emotionen auslösen kann. Außerdem fehlt es dem Land an der für Dreharbeiten unabdingbaren Infrastruktur, so dass man auf die Zusammenarbeit mit den höchsten Regierungskreisen angewiesen war. Gab es diese Möglichkeit überhaupt? Mit großen Bedenken arrangierten die Filmemacher ein Treffen mit dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni – in der Hoffnung, er werde dem Projekt seinen Segen geben.
„Von dem Treffen mit Präsident Museveni hing alles ab“, erinnert sich Bryer. „Wir waren auf seine volle Unterstützung angewiesen, sowohl künstlerisch als auch finanziell. Es dauerte Wochen, bis wir mit seinem Büro ein Treffen vereinbart hatten. Als der Tag dann gekommen war, instruierte uns der Medienberater des Präsidenten, John Nagenda, wie wir uns zu kleiden und zu verhalten hatten. Schließlich saßen wir in einem riesigen Raum voller ugandischer Flaggen: Kevin, wir Produzenten, Line Producer Andrew Wood und unsere ugandische Beraterin Emily Mabonga. Uns gegenüber waren acht Minister und ein strahlender Präsident, das Ganze wurde von Fernsehkameras und Pressefotografen festgehalten.“
Bryer fährt fort: „Ungefähr nach der Hälfte des Treffens fragte Museveni mich plötzlich, woher denn mein Stamm komme. ‚Israel und Südafrika, Mr. President‘, antwortete ich in der Hoffnung, damit nicht alles zu ruinieren. Zwei Stunden später wurden wir alle hinauskomplimentiert, aber die Minister sagten uns, dass der Präsident nicht nur unglaublich glücklich sei, dass wir in seinem Land filmen würden, sondern dass wir auch die volle Unterstützung der Armee, des Parlaments und des Kabinetts bekämen!“
Macdonald war hingerissen. „Jeder dachte, wir müssten schon ein bisschen verrückt sein, zum Filmen nach Uganda zu kommen, aber ich war sicher, dass wir den Film nur hier würden machen können“, fasst er zusammen. „Uganda hat eine ganz eigene Atmosphäre und eine großartige moderne Architektur aus den 50er und 60er Jahren, wie zum Beispiel das Parlamentsgebäude oder das Mulago Hospital. Ich glaube, dieses untypische, realistischere Bild von Afrika wird viele Leute überraschen. Und sobald wir in Uganda eingetroffen waren, holte uns die Geschichte wieder ein. Fast jeder, den wir trafen, hatte unter Idi Amin irgendetwas Bedeutsames erlebt. Es hatte schon eine gewaltige Bedeutung, an dem Ort zu sein, wo sich alles zugetragen hatte.“