„Der Goldene Kompass“ – die Kinoversion
Autor/Regisseur Chris Weitz las das erste Buch aus Philip Pullmans beliebter und preisgekrönter Trilogie während der Dreharbeiten zu seinem berühmten Film „About a Boy“ (About a Boy oder Der Tag der toten Ente), der ihm (zusammen mit seinem Bruder Paul) eine Oscar-Nominierung für das Drehbuch einbrachte. „Freunde erzählten mir von einer fantastischen, epochalen britischen Fantasy-Serie, die ,für Kinder – aber eigentlich für Erwachsene – geschrieben ist‘“, erinnert er sich. „Mich hat der Einfallsreichtum, der Mut und die Intelligenz der Bücher total überwältigt. Was Anspruch und philosophischen Gehalt angeht, übertrafen sie bei Weitem alles, was ich bisher gelesen hatte.“
Um die Chance zu bekommen, Pullmans mitreißende Geschichte für die Leinwand aufzubereiten, präsentierte Weitz New Line Cinema ein Manifest, in dem er sein Filmkonzept darlegte, und widmete die folgenden drei Jahre der Umsetzung seiner Vision. „Das Buch enthält alles, was Filmemacher fasziniert – eine packende Geschichte, interessante Figuren, psychologische und philosophische Substanz, Wunder – und die Chance, daraus einen schönen Film zu machen“, erklärt Weitz. „Die Story ist fantastisch, sie behandelt tiefschürfende Themen – den menschlichen Geist, Treue, Güte und freien Willen. Wer einen Film inszeniert, muss sich in jeden Aspekt des Projekts total einbringen – und bei dieser Produktion gibt es wirklich nichts, in das ich mich nicht mit voller Leidenschaft gestürzt hätte.“
Wie Pullman hat auch Weitz in „Oxbridge“ studiert – in diesem Fall am Trinity College in Cambridge, wo er sich auf die Literatur des 17. Jahrhunderts spezialisierte und mit den Werken von John Milton anfreundete, dessen Einfluss in Pullmans Büchern immer wieder zu spüren ist. Sogar den (nur im Englischen gebräuchlichen) Titel der Trilogie („His Dark Materials“) entnahm Pullman dem zweiten Buch in Miltons „Paradise Lost“ (Das verlorene Paradies), in dem er thematisch ähnlich von dem „dunklen Rohstoff“ spricht – der Essenz des Universums:
„Into this wild abyss,
the womb of nature and perhaps her grave,
Of neither sea, nor shore, nor fire,
But all these in their pregnant causes mixed
Confusedly, and which thus must ever fight,
Unless the almighty maker them ordain
His dark materials to create more worlds,
Into this wild abyss the wary fiend
Stood on the brink of hell and looked a while,
Pondering his voyage…“
Übersetzung aus der deutschen Buchausgabe des Carlsen-Verlags:
„In dieser wilden Kluft
Schoß der Natur, und wohl auch deren Grab,
Nicht See, nicht Land, nicht Luft, nicht Feuer
noch
Doch angelegt in einem Urgemisch
Auf alle diese hin, im Wirrwarr schwanger,
Die so auf immer sich bekämpfen müssen,
Wenn nicht des Schöpfers Allmacht sie bestimmt
Zum dunklen Rohstoff neuerschaffner Welten –
In diese Kluft hinaus am Höllenrand
Stand der wachsame Feind und überlegte
Ausschauend seine Reise eine Weile…“
Für Produzentin Deborah Forte begannen die Bemühungen um die Verfilmung der Pullman-Romane bereits vor fast elf Jahren, als sie „The Golden Compass“ (Der Goldene Kompass) (britischer Titel: „Northern Lights“) als Manuskript las und sich sofort für die Firma Scholastic Media um die Filmrechte bemühte. „Damals dachte ich: „Ein außergewöhnlicher Autor – wo der hingeht, dahin will ich ihn begleiten“, erinnert sich Forte. „,Der Goldene Kompass‘ entwirft eine Welt, die nicht den traditionellen Fantasy-Elementen entspricht, auch nicht der Science-Fiction“, fährt Forte fort. „Die Leser tauchen ein in eine sofort faszinierende Welt, in der man sich gut zurechtfindet, obwohl sie sehr originell ist.“
Pullmans Trilogie „His Dark Materials“ mit den drei Romanen „The Golden Compass“ (Der Goldene Kompass), „The Subtle Knife“ (Das Magische Messer) und „The Amber Spyglass“ (Das Bernsteinteleskop) begeisterte nicht nur die Kritiker, sondern war auch ein phänomenaler Bestseller mit bisher 14 Millionen verkauften Exemplaren weltweit. Außerdem erhielt die Trilogie Auszeichnungen, darunter den renommierten Whitbread-Preis, den kein Kinderroman zuvor erhalten hatte.
Executive Producer Ileen Maisel von New Line Cinema entdeckte die Bücher ebenfalls und merkte dann, dass etliche ihrer Kollegen, darunter Mark Ordesky und Michael Lynne, schon vor ihr in Lyras Welt eingetaucht waren. „Ein kleines Mädchen sucht sich selbst und muss lernen, welche Konsequenzen der freie Wille nach sich zieht“, berichtet Maisel. „Das spielt sich in außergewöhnlichen Fantasy-Welten, aber auch in der Realität ab. Daher spricht Philip auch nicht von Fantasy, sondern von einem Realitätsroman. Und genauso sehen wir das auch. Das Spannende daran: Lyra tut all das, was wir uns wünschen, wenn wir ihre Fähigkeiten hätten und den Mut dazu aufbringen würden. Genau deswegen können wir uns so gut in sie hineinversetzen, deswegen glauben wir an sie.“
So fanden der Stoff und der Bearbeiter auf ideale Weise zueinander. „Chris Weitz ist sehr umsichtig, er denkt an jedes Detail“, sagt Executive Producer und New-Line-Produktionschef Toby Emmerich. „Er ist humanistisch geprägt, ein echter Künstler, hat einen ausgeprägten Instinkt für alles, was Spaß macht, für unterhaltsame Filme. Wir können von Glück sagen, dass Chris dieses Projekt gestaltet, und wir vertrauen fest darauf, dass er einen mitreißenden, spannenden Film zustandebringt.“
„Alle Beteiligten waren bestens vorbereitet – jede Filmabteilung, jeder Einzelne im Filmteam hat den Stoff von vornherein verinnerlicht“, sagt Forte. „Sie wissen ihn zu schätzen. Und sie interpretierten ihn genau wie Chris – also konnte es sofort losgehen, als Chris an Bord kam.“
Weitz, Forte und das Filmteam merkten schnell, dass sie einen mächtigen und unerschütterlichen Verbündeten hatten – Pullman persönlich. „Ich habe Philip Pullmans Vorlage für das Kino bearbeitet“, erklärt Weitz. „Also mussten wir etwas kürzen, aber ich habe mich immer bemüht, seinem Konzept und der von ihm geschaffenen Welt gerecht zu werden.“
„Mein Teil der Arbeit war getan“, sagt Pullman. „Ich übergab sie Chris und seiner Mannschaft – sie haben den Film gemacht. Ich hätte die Story keinem besseren Team anvertrauen können – ich weiß: Sie ist in guten Händen.“
Immer wieder setzten Weitz und Pullman sich in der Vorbereitungs- und Drehphase zusammen und diskutierten das Filmprojekt. Außerdem reiste Weitz auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen – 1600 Kilometer nördlich von Oslo. An diesem entscheidenden Schauplatz der Story – im Buch heißt sie wie im Norwegischen Svalbard – schrieb er den größten Teil seines Drehbuchs.
„Welch ein Potenzial der Film hat, wurde mir klar, als Chris vor zweieinhalb Jahren seine 156 Seiten lange Version ablieferte“, erinnert sich Executive Producer Andrew Miano. „Er hat wirklich sein Herzblut in den Stoff investiert, und er glaubt fest an das Universum, das Pullman geschaffen hat.“ Und Produzent Bill Carraro fügt hinzu: „Chris Weitz schrieb eine traumhafte Kinofassung – und mit dem gleichen Engagement stürzte er sich dann auch auf die Inszenierung. Der Autor in ihm stand jedem mit Rat und Tat zur Verfügung, denn immer hatte er die entscheidenden Elemente klar vor Augen – von der Ausstattung über die Stunts, die Schauspielerleistungen bis hin zu den Effekten.“
Die Produktion erforderte einen gewaltigen Aufwand – atemberaubende Panoramen, unzählige Fabelwesen und visuelle Effekte auf dem neuesten Stand der Technik. Doch für Weitz war und blieb der Schlüssel zu seiner Kinoversion die Essenz von Pullmans Story. „Der Zauber der Vorlage liegt in den Beziehungen ebenso wie in dem Potenzial für spektakuläre Bilder“, sagt er. „Obwohl die Parallelwelt hervorragend konzipiert ist, geht es darin letztlich um unsere eigene Welt, um unsere Kindheitserfahrungen, unsere Erfahrungen als Eltern, als Mitglieder der Gesellschaft. Und obwohl die Heldin ein Kind ist, hat die Story nichts Kindliches oder Albernes an sich. Man muss sie mit menschlicher Sympathie angehen – sowohl was die Gefühle der Helden angeht als auch in Bezug auf die Überbrückung der Maßstäbe der kosmischen und persönlichen Dimensionen – genauso, wie es Pullman gelungen ist.“
New-Line-Produktionschef Toby Emmerich fügt hinzu: „Als ich das Buch las, gefiel mir vor allem die Beziehung zwischen Lyra und dem Panzerbären Iorek. Chris setzt das im Film wunderbar um, er filmt Dakota Blues Spitzendarstellung und verbindet sie nahtlos mit unglaublichen Computereffekten. Eine so außergewöhnliche Beziehung kann es nur in Lyras Welt geben – aber dennoch ist sie zutiefst menschlich und emotional.“