Von Anfang an wollten die Filmemacher die optische Palette zu „Der Goldene Kompass“ durch eine Abfolge unterschiedlicher Stimmungen gestalten, die Lyras Reise subtil prägen.
Kameramann Henry Braham gewann mit „Shackleton“ den Emmy und wurde außerdem für den Preis der British Film Academy (BAFTA) nominiert. Er entwickelte mit Weitz die Panoramen, die er sich vorstellte, ohne die jeweilige psychische Verfassung der Helden in den Szenen außer Acht zu lassen.
„Zunächst wirken die Farben sehr warm, satt und in goldenes Licht getaucht“, berichtet Braham. „Wir befinden uns in einer Parallelwelt, in der auch die Nacht und sogar der Mond golden wirken – im Gegensatz zu einem normalerweise blau-silbern schimmernden Mond. Das ist die Oxford-Welt.“
In London zeigt sich Lyra beeindruckt von den dramatischen Unterschieden zu ihrer vertrauten Oxford-Umgebung: „Sie geht auf die fantastische Reise und erlebt Mrs. Coulters London als glitzernd und verführerisch. Bei den realen Scheinwerfern achteten wir darauf, dass das Licht besonders hell und hart wirkt. Doch als Lyra dann vor Mrs. Coulter flieht, wirkt das nächtliche London unserer Parallelwelt eher grünlich. Auf der Reise nach Norden werden die Landschaften immer „kälter, sie glitzern silbrig-bläulich – also eine romantische Sicht des Nordens. Ich habe einige Zeit im arktischen Eis verbracht – es ist tatsächlich wunderschön. Das Eis schillert in den vielfältigsten Farben.“
Die umfangreichen visuellen Effekte mussten von Anfang an in den Produktionsplan integriert werden, damit man schon vor den eigentlichen Dreharbeiten Tests durchführen konnte. „Im Grunde wurden alle Verfahrensfragen und – noch wichtiger – alle Begründungen für das jeweilige Verfahren viel früher als sonst üblich diskutiert und geklärt“, erinnert sich Braham. „Manche Szenen erforderten aufwendige Computer-Gemälde im Bereich der visuellen Effekte, und die im Rechner erstellten Testaufnahmen halfen uns dabei, alle Elemente aufeinander abzustimmen.“
Weitz vertraute diese komplexe Arbeit dem für die visuellen Effekte verantwortlichen Michael Fink und seiner Effekte-Produzentin Susan MacLeod an. Drei auf visuelle Effekte spezialisierte Firmen wurden in großem Stil in das Projekt eingebunden: Cinesite und Framestore CFC in Großbritannien sowie Rhythm & Hues in den USA. Die bei Cinesite für die Effekte verantwortliche Sue Rowe, Framestore-CFC-Leiter Ben Morris und Supervisor Bill Westenhofer von Rhythm & Hues lieferten 40 Effekte-Einstellungen pro Woche – von Produktionsbeginn bis hin zur endgültigen Abmischung.
Gassner, Braham und Weitz stimmten sich präzise mit der Abteilung Visuelle Effekte ab, um die Realaufnahmen nahtlos mit den digitalen Effekten zu verschmelzen. „Sie gaben mir die Freiheit, die Gegenstände wie Schachfiguren zu verschieben – ich konnte ständig Änderungen einbringen, wenn die Erzählstruktur es erforderte“, erinnert sich Weitz. „Für Mike und sein Team ist absolut nichts unmöglich. Erstaunlich, wie flexibel, wie genial sie auf alle Anforderungen reagiert haben.“
Nach der Erstellung des Storyboards produzierte man eine als Animatic bezeichnete Testversion der Sequenzen, mit der man in jeder Szene die Effekte-Elemente genau festlegen konnte, die anschließend kreiert und dann ins Bild eingefügt werden sollten. „Noch nie habe ich an einem so umfangreichen und komplexen Projekt gearbeitet“, stellt Fink fest. „30 Jahre habe ich an meinen Fähigkeiten gefeilt, und mir kommt es vor, als ob meine ganze Laufbahn als Vorbereitung auf diesen einen Film diente.“
„Am kompliziertesten waren die umfangreichen Filmszenen mit Menschenmengen, in denen neben den vielen Menschen auch zahlreiche Dæmonen zu sehen sind“, sagt Weitz. „Solche Szenen hätten wir unmöglich mit echten Tieren drehen können, weil sich Dæmonen nicht so wie Haustiere verhalten – sie sind ein aktiver Teil der Menschen, die sie begleiten.“
Die auffälligsten und ständig auftauchenden Effekte-Elemente im Film sind die zwei nichtmenschlichen Hauptfiguren: Lyras Dæmon Pan, der sich wie alle Kinder-Dæmonen ständig verwandelt, und der in seiner Rüstung steckende Eisbär Iorek Byrnison.
Rhythm & Hues übernahm die Animation der Dæmonen und bereitete die Szenen für die Interaktionen mit den menschlichen Darstellern vor. „Man muss genau festlegen, wie groß das Wesen ist, wie viel es wiegt, wie es sich bewegt, und das muss man den Schauspielern vermitteln – man muss ihnen bei der Aufnahme einen passenden Stellvertreter zur Verfügung stellen, ob es nun eine grüne Socke ist oder ein Puppenspieler, der die Rolle pantomimisch spielt“, sagt Bill Westenhoffer von Rhythm & Hues. „Mrs. Coulters Affe ist ein gelassener Typ im Gegensatz zu Pan, der ständig herumspringt. Das soll sich in seinem Spiel ausdrücken. Wenn also der Puppenspieler die Rolle übernimmt, wissen die Schauspieler genau, wie sich ihr Dæmon verhält.“
Ebenso entscheidend war Iorek Byrnisons Auftritt. „Er ist kein Eisbär, sondern ein Panserbjørn, der eine Rüstung trägt und sprechen kann“, berichtet Fink. „Entsprechend mussten wir den gesamten Bären animieren – ob er mit Lyra auf dem Rücken über einen Fjord rennt, kämpft, sich ruhig unterhält – seine Muskeln, seine Mimik, sogar die Bewegungen des Fells mussten ganz exakt auf die Figur und die jeweilige Situation zugeschnitten werden.
Während der gesamten Produktion konzentrierten sich Fink und sein Team vor allem auf die wichtigste Aufgabe der digitalen Helden – sie sollten als Schauspieler überzeugen. „Sie müssen den Vergleich mit den menschlichen Schauspielern aushalten“, erklärt Fink. „Die ganze Technik ist vergleichsweise unwichtig – das Fell, die Rüstung, die Kratzer, der Dreck unter den Fingernägeln. Viel entscheidender ist, dass diese Figuren in ihrer Darstellung Gefühle transportieren.“
Während der gesamten Dreharbeiten und der Endfertigung war ständig die erfahrene Cutterin Anne V. Coates vor Ort, um die Arbeit der übrigen Mitarbeiter in die richtige Reihenfolge zu bringen. Schon 1963 gewann sie den Oscar mit David Leans Film „Lawrence of Arabia“ (Lawrence von Arabien), und unermüdlich arbeitet die inzwischen über 80-Jährige weiter. „Ich halte ,Lawrence von Arabien‘ für den besten Film aller Zeiten und wollte immer schon mit Anne Coates arbeiten“, sagt Weitz. „Zufällig interessierte auch sie sich für die Bücher. Das war fantastisch – so darf ich mit einer der größten Cutterinnen der Filmgeschichte arbeiten. Anne bringt ihre reichhaltigen Erfahrungen in die Erzählstruktur ein. Sie arbeitet sehr schnell und behält ständig auch die visuellen Effekte im Auge.“
Das Endresultat überzeugt sogar den glühendsten Fan der Bücher: „Der Film entspricht hundertprozentig meinen Vorstellungen“, sagt Darsteller Daniel Craig. „Es zeugt von Chris’ Leidenschaft, von der harten Arbeit seines Teams und von Philips unglaublicher, absolut zeitloser Geschichte, dass diese Welt auf so atemberaubende, geschlossene Weise zum Leben erweckt werden konnte.“