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  • Der seltsame Fall des Benjamin Button

    Drama, Fantasy, Mystery, Romanze | USA 2008
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      • | Über die Produktion

      • „The Curious Case of Benjamin Button“ (Der seltsame Fall des Benjamin Button) war ursprünglich eine Kurzgeschichte, die F. Scott Fitzgerald in den 1920er-Jahren schrieb – er wiederum ließ sich von einem Mark-Twain-Zitat inspirieren: „Das Leben würde unendlich viel glücklicher verlaufen, wenn wir mit 80 geboren und uns langsam auf 18 zubewegen würden.“

        Fitzgeralds Story entsprang einer schriftstellerischen Laune, einer Eingebung – eine Verfilmung wurde viele Jahre lang als zu ambitioniert, fantastisch und daher als nicht realisierbar angesehen. Etwa 40 Jahre lang dümpelte das Projekt in den Archiven, bis sich die Produzenten Kathleen Kennedy und Frank Marshall seiner annahmen. Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt es Eric Roth, David Fincher und Brad Pitt.

        Für Roth bot das Konzept eine Gelegenheit, das gewaltige Panorama des Lebens introspektiv zu behandeln, indem er eine Synthese aus intimen Alltagsmomenten wie einem Kuss und epochalen Ereignissen wie den Weltkriegen herstellte. „Eric ist der ideale Autor, um das Potenzial einer derart überdimensionalen, aber auch sehr persönlichen Story auszuloten“, stellt Kennedy fest. „In ,Forrest Gump‘ zeichnete er sehr intime Porträts vor dem Hintergrund epischer Geschichten – er hat die Gabe, sehr exakt und detailliert zu beobachten.“

        Die Chance, das Leben rückwärts zu leben, erscheint ideal. „Aber so einfach ist das nicht“, sagt Roth. „Auf den ersten Blick würde man das für wunderbar halten, doch so ein Leben unterscheidet sich stark von unserem – was die Story so packend macht. Obwohl Benjamin rückwärts lebt, sind sein erster Kuss und seine erste Liebe trotzdem von größter Bedeutung für ihn. Egal ob man das Leben vorwärts oder rückwärts lebt – es kommt immer darauf an, wie man es lebt.“
        Beim Entwerfen und Schreiben des Drehbuchs erlebte Roth den Tod seiner beiden Eltern. „Natürlich war diese Erfahrung sehr schmerzlich für mich, aber meine Sicht der Dinge ändert sich auch“, stellt er fest. „Die Zuschauer werden auf genau dieselben Elemente dieser Story reagieren wie ich.“

        Im Film geht es um die menschliche Existenz an sich – unabhängig von bestimmten Epochen und Zeitaltern: Es geht um die Freuden des Lebens und der Liebe, um Verlust und Trauer. „David und ich wünschten uns, dass die Zuschauer die Story als allgemeingültig erkennen“, sagt Roth. „Es geht einfach nur um ein Menschenleben – das ist gleichzeitig das Normale und das sehr Ungewöhnliche daran. Was dieser seltsamen Figur zustößt, lässt niemanden kalt.“

        Während Benjamin vor einem sehr merkwürdigen Dilemma steht, repräsentiert die Reise seines Lebens dennoch die komplexen Emotionen, von denen unser aller Leben geprägt wird. „Berührt werden Fragen, die wir uns im Laufe unseres Lebens selbst stellen“, sagt Marshall. „Ganz selten kommt es vor, dass ein einzelner Film so viele verschiedene persönliche Sichtweisen vereint. Sechzig- und Siebzigjährige werden den Film auf bestimmte Art wahrnehmen, ein Zwanzigjähriger auf ganz andere Art.“

        Produzentin Céan Chaffin berichtet, wie das Projekt lange Zeit um Fincher herumkreiste – mal näher, mal weiter weg. Eine frühere Version des Drehbuchs lag auf seinem Schreibtisch, als Chaffin 1992 für ihn zu arbeiten begann. „Ihm lag es sehr am Herzen – immer wieder kam er darauf zurück“, sagt sie. „Ich erinnere mich, wie Brad ihn danach fragte, und David sagte: ,Das könnte ein großartiger Film werden.‘ Drehbücher kommen und gehen, aber dieses blieb. Seiner Meinung nach verschwindet nichts ohne Grund – man sollte dem nicht nachtrauern. Aber dieses Buch beharrte auf seinem Platz – dafür muss es gute Gründe geben.“

        Auch eigene Erlebnisse beeinflussten Finchers Faszination für die Story: „Vor fünf Jahren starb mein Vater, und ich erinnere mich noch genau, als er aufhörte zu atmen“, berichtet er. „Das war eine unglaublich tiefgründige Erfahrung. Wenn wir jemanden verlieren, der unsere Persönlichkeit mitgeformt hat, der uns ,nach Norden ausrichtet‘, dann verlieren wir den Kompass unseres Lebens. Jetzt wollen wir es niemandem mehr recht machen, wir haben niemanden mehr, auf den wir reagieren können. In mancher Hinsicht sind wir dann völlig allein.“

        Bei den frühen Vorbereitungen ergaben sich während der Treffen zwischen Fincher, Kennedy und Marshall sehr persönliche Gespräche. „Zunächst redeten wir über die Story“, erinnert sich Fincher. „Doch schon 15 Minuten später sprachen wir über Menschen, die wir geliebt und verloren hatten oder die uns nicht gebührend beachteten, Menschen, die uns nachgelaufen oder denen wir nachgelaufen waren. In dieser Hinsicht ist der Film sehr interessant – er lässt niemanden kalt.“

        Das Filmprojekt war ein sehr ehrgeiziger Schritt vorwärts – es ergaben sich Probleme nicht nur dramaturgischer, sondern auch technischer Art. „Wie bringt man die gesamte Lebenserfahrung mit allen Höhen und Tiefen – von der Wiege bis zur Bahre – in einem einzigen Film ökonomisch knapp auf einen Nenner?“, fragt Kennedy. „In Erics Drehbuch löst jeder Moment Emotionen aus, die noch lange in uns nachhallen. Wenn man in diesem sehr sensiblen Bereich schummeln würde, wäre das Erlebnis eingeschränkt. Es war also von Anfang an klar, dass wir einige Zeit brauchten, um eine ganze Lebenserfahrung auf die Leinwand zu bringen.“

        Für Pitt stand von vornherein fest, dass er die Figur von Anfang bis Ende und in allen Alterstufen spielen musste – dadurch ergab sich eines der monumentalsten Probleme bei diesem Projekt. „Brad war an der Rolle nur interessiert, wenn er sie über die gesamte Lebensspanne spielen durfte“, erklärt Fincher. „Kathy und Frank waren also wirklich sehr gespannt darauf, wie wir das wohl anstellen würden. Meine Antwort: ,Keine Ahnung, aber irgendwie schaffen wir das.‘“
        Aber auch Benjamins Lebensreise hatte es Pitt angetan. „Viele Schauspieler beurteilen eine Rolle danach, was sie auf der Leinwand zu tun bekommen“, sagt Fincher. „Nun, Benjamin tut eigentlich recht wenig, und trotzdem macht er eine Menge durch. Dafür war Brad die perfekte Besetzung. Ein weniger fähiger Darsteller würde in dieser Rolle passiv wirken.“

        Als Pitts Partnerin besetzte Fincher Cate Blanchett. Sie war ihm nicht aus dem Kopf gegangen, seit er sie in „Elizabeth“ (Elizabeth) gesehen hatte. „Ich weiß noch, wie ich den Film im Kino Sunset 5 sah und dachte: ,Wer ist denn das, meine Güte!‘“, erinnert er sich. „Man bekommt nicht jeden Tag Leute mit derartigen Fähigkeiten, mit einer solchen Ausstrahlung zu sehen.“

        Laut Pitt hat die Schauspielerin Cate Blanchett „die meisten unserer Kollegen zu besseren Leistungen inspiriert. Sie ist unübertrefflich. Und eine tolle Freundin. Wie sie eine Szene spielt, macht ihr so leicht niemand nach. Ich erlebe sie als Verkörperung der Anmut. Mir gefiel die Art, wie sie die Tänzerin spielt. Das passt zu ihr, zu ihrer unbestreitbaren Eleganz.“

        Die Beziehung zwischen der von Blanchetts gespielten Daisy und Benjamin entwickelt sich, als sie seine übernatürlichen Lebensumstände begreift und akzeptiert. Dazu Eric Roth: „Cate verkörpert eine Frau, die ihren Frieden damit macht, dass sie altert, während ihr geliebter Partner immer jünger wird. Wie sieht ihr Leben dann aus? Sie verändert sich von der ungestümen, leidenschaftlichen Tänzerin in eine Frau mit ungeheuren Kraftreserven.“

        Blanchett spielt Daisy mit den Manieren und der Passion einer Tänzerin, obwohl sie ihre eigene Ballettkarriere schon als Kind beendet hat. „Als ich klein war, wollte ich wie alle Mädchen Ballett tanzen, doch ich musste zwischen Tanzen und Klavierstunden wählen“, berichtet Blanchett. „Ich entschied mich fürs Klavier und gab es später wegen der Schauspielerei auf. Ich mag sehr gern tanzen, kenne aber meine Grenzen. Der Film bietet mir jetzt eine wunderbare Gelegenheit, meinem Faible nachzugehen.“

        Daisy ist nur eine von vielen Menschen, die Benjamin begegnen. „Benjamin ist die Spielkugel, die mit allen anderen Menschen zusammenstößt – sie hinterlassen ihre Spuren in ihm“, sagt Fincher. „Und darum geht es im Leben – um eine Ansammlung von Dellen und Kratzern. Sie machen seine Persönlichkeit aus, die ihn von anderen unterscheidet.“

        „Das Bild der Dellen gefällt mir“, fügt Pitt hinzu. „Ihm begegnen Leute und diese machen irgendwie Eindruck auf ihn. Diese Akzeptanz hat etwas sehr Poetisches. Denn das heißt ja nicht, dass er umkippt, dass er nicht für sein Glück kämpfen müsste. Es heißt nur, dass er das Unvermeidliche im Leben akzeptiert. Menschen kommen und gehen. Sie verlassen uns, ob aus eigenem Antrieb, oder weil sie sterben. Die Menschen gehen, so wie ich selbst eines Tages gehen werde – das ist unvermeidlich. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht.“

        Pitt bezieht diese Überlegungen auf seinen Freund und häufigen Mitarbeiter David Fincher: „Im Film geht es um ein Konzept, das auf Fincher zutrifft: Er glaubt, dass wir für unser Leben selbst verantwortlich sind“, sagt der Schauspieler. „Wir verantworten unsere Erfolge genauso wie unsere Niederlagen – niemand sonst trägt daran die Schuld oder darf sie für sich beanspruchen. Das Schicksal mischt durchaus mit, aber letztendlich können wir es doch gestalten.“

        Mit dieser Rolle stand Pitt vor einer komplexen Aufgabe, wie sie sich ihm noch bei keinem Film gestellt hat – er muss die innere Entwicklung seiner Figur ausdrücken, indem er auf andere reagiert, die ihm im Laufe der Handlung begegnen. „Benjamin Buttons Reise führt in sein Ich“, sagt Blanchett. „Neben den offensichtlichen körperlichen Anforderungen, die die Rolle an Brad als Schauspieler stellte, bestand der Trick darin, dass er eine Figur spielt, die allen anderen im Film zuhört und auf sie reagiert.“
        „Brad hat wohl noch nie so zurückhaltend gespielt“, fügt Fincher hinzu.

        Roth betont, dass Pitt die außergewöhnlichen Lebensumstände seiner Filmfigur aus seiner eigenen fundamentalen Menschlichkeit heraus entwickeln konnte. „Brad spielt so bravourös, weil er einen Jedermann darstellt. Ich habe den Eindruck, dass Brad eine persönliche Affinität zu dieser Figur hat, die über das eigentliche Darstellen hinausgeht. Er weiß genau, was es bedeutet, ein so ganz anderes Leben zu führen.“
        Wie sagt doch Benjamins Adoptivmutter Queenie immer wieder: „Du weißt nie, was auf dich zukommt.“

        Benjamin wird 1918 in New Orleans geboren, als der Weltkrieg zu Ende geht – eine gute Nacht für eine Geburt. Als Benjamins Mutter bei der Geburt stirbt, legt sein Vater, der über Benjamins Aussehen völlig entsetzt ist, das Baby auf der Treppe zum Altersheim Nolan House nieder – die Wirtschafterin Queenie nimmt sich des Findelkinds an.

        Schon lange bevor das Projekt in die Produktionsphase eintrat, stand Taraji P. Henson für die Rolle der Queenie fest, denn Finchers Besetzungschef Laray Mayfield hatte den Regisseur auf ihren Auftritt in „Hustle & Flow“ (Hustle & Flow) aufmerksam gemacht. „Wir waren von ihrer quirligen Mütterlichkeit einfach hingerissen“, erinnert sich Fincher. „In Taraji fand ich all die Wärme und Vorurteilslosigkeit, die Queenie ausmachen.“

        Queenie leistet etwas, was nur wenigen Menschen gegeben ist. „Sie weiß mit dem Tod umzugehen“, sagt Henson. „Gleichzeitig verkörpert sie die bedingungslose Liebe. Sie bringt es fertig, ein fremdes Kind anzunehmen, obwohl damals der Rassismus an der Tagesordnung ist: Benjamin ist weiß und wurde unter so ungewöhnlichen Umständen geboren – trotzdem schaut sie einfach darüber hinweg und schenkt ihm ihre Liebe.“

        Die Figur brachte in Henson sehr persönliche Saiten zum Klingen: „Für mich war das eine sehr spirituelle Reise. Ich hatte gerade meinen Vater verloren, und obwohl ich ihn sehr vermisse, habe ich fast den Eindruck, als ob sein Tod zu meiner Reise in Richtung Queenie dazugehört. Als mein Vater krank wurde, achteten wir darauf, dass er nie allein war – immer wachte jemand an seinem Bett. Er starb, als ich bei ihm war, weil ich wusste, dass ich das aushalten würde. Diese Rolle hat mir in meiner Trauer geholfen, und meine Trauer hat meine Darstellung beeinflusst. Die Kunst kann ein großer Heiler sein.“

        Benjamin wächst auf und nimmt Verluste mit einem Gleichmut hin, wie er sehr selten ist. „Er wird in einer Umgebung groß, in der die Menschen sich mit ihrer Sterblichkeit abgefunden haben – ihm macht kaum etwas Angst“, sagt Fincher. „Alle Menschen, die er kennen lernt, haben sich bereits auf den Weg gemacht – jeder Moment mit ihnen könnte der Letzte sein. Doch keiner dieser Leute ist hysterisch, alle finden sich damit ab. So gewöhnt er sich schon sehr früh an die tiefgreifendsten Aspekte des Todes. Der Tod wartet auf alle, doch wir verbringen unser Leben damit, uns auf andere Dinge zu konzentrieren, um über diese Unausweichlichkeit nicht nachdenken zu müssen.“

        Benjamin lernt Daisy bereits in beider Kinderjahren kennen – sie besucht ihre Großmutter im Altersheim. Daisy kann durch sein greisenhaftes Äußeres hindurch das Kind in seinem Innern erkennen. „Ein Dreh- und Angelpunkt der Story sind die Berührungspunkte ihrer sehr verschiedenen Lebensläufe“, sagt Roth. „Die Beziehung entwickelt sich, indem sie reifer werden und sich verändern – mit all den versäumten und wahrgenommenen Chancen.“

        Als die Menschen in seiner Umgebung altern, wird nur Benjamin immer jünger. „Benjamins umgekehrter Alterungsprozess macht ihm umso deutlicher, dass er nichts festhalten kann“, sagt Schauspielkollege Mahershalalhashbaz Ali. „Er weiß, dass ihm für alles nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, und dann muss man sich damit abfinden loszulassen. Man nutzt es, so lange es dauert, aber es gehört uns nicht.“

        Diese Akzeptanz des Unabänderlichen führt Fincher auf seinen eigenen Vater zurück. „Vieles in Benjamin erinnert mich an meinen Vater“, sagt der Regisseur. „Als Journalist und als jemand, der in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre aufwuchs, wirkte er etwas stoisch, er war ein Beobachter, er akzeptierte die Dinge, ohne sie zu beurteilen. Wie ich mich an ihn erinnere, nahm er die Menschen so, wie sie waren. Das habe ich auf Benjamins Reaktionen und seinen Umgang mit Menschen und Situationen übertragen. Ich sehe ihn an und denke: ,Ja, so würde Jack sich verhalten, so würde er handeln.‘“

        Außer von Queenie wird Benjamin von den Altenheimbewohnern aufgezogen, die ihre Abenteuer und Lebenslektionen längst abgeschlossen haben und ihren Lebensabend ruhig im Nolan House verbringen wollen.

        Queenies langjähriger Freund Tizzy Weathers zählt zu Benjamins ersten „Vätern“. „Tizzy ist eine Art Maßstab, ein Barometer für seine Männlichkeit“, sagt Mahershalalhashbaz Ali, der die Rolle des Tizzy übernimmt. „Er erzieht ihn, gibt ihm Richtlinien vor. Er bringt ihm Lesen und Schreiben bei, lehrt ihn Shakespeare. Vor allem aber dient er Benjamin als Vorbild für männliches Verhalten. Tizzy legt das Fundament, so dass Benjamin auch mit seiner Rolle als Mann seinen Frieden machen kann.“

        Doch wie alle, die Benjamin kennen und lieben lernt, begleitet Tizzy ihn nur eine kurze Wegstrecke. Benjamin lässt Queenie und Tizzy, Daisy und seine übrigen Freunde hinter sich und verlässt sein Heim, um in die Welt hinauszuziehen. Das lockende Abenteuer wird von Kapitän Mike und der bunt zusammengewürfelten Crew auf dessen Schleppboot repräsentiert.
        Jared Harris spielt den wettergegerbten Kapitän, der seine Persönlichkeit in Form von Tattoos auf dem ganzen Körper mit sich herumträgt. Harris beschreibt die Figur als „unerfüllt, frustriert, besoffen – er wirkt wie ein grimmiger, verhinderter Künstler. Er übernahm den Beruf seines Vaters, weil er sich nicht gegen ihn durchsetzen konnte.“

        Trotz seiner Probleme mit dem Altvorderen wird Kapitän Mike selbst eine Vaterfigur für Benjamin. „Väter haben ungeheuren Einfluss auf unser Leben“, sagt Harris. „Und in dieser Geschichte bildet die Beziehung der Männer – das Verhältnis von Vätern zu Söhnen – einen wichtigen roten Faden. Wie ein schlechter Vater oder Onkel führt Kapitän Mike Benjamin in die sündigen Freuden des Lebens ein. Außerdem lehrt er ihn das Seemannsleben, das Benjamin die ganze Welt eröffnet.“

        Doch Kapitän Mike ist wie zuvor Tizzy nur Ersatz für den echten Vater, Thomas Button, der Benjamin auf Queenies Schwelle gelegt hat. „Thomas projiziert all seine Trauer, Ablehnung und Zukunftsangst auf dieses Kind“, sagt Jason Flemyng, der die Rolle des Thomas Button übernimmt. „Seltsamerweise glaubt Thomas, dass er sich nach dem Tod seiner Frau im Kindbett all seinen Schmerz vom Hals schaffen kann, indem er seinen Sohn aussetzt. Tatsächlich aber bereut er diese Tat sein Leben lang. Sie lässt ihn nie mehr los.“

        Flemyng ist mit Pitt und Fincher befreundet und war derart beeindruckt von Eric Roths Drehbuch, dass er sofort eigene Probeaufnahmen von sich machte, um die Rolle des Thomas Button zu ergattern. Er erinnert sich: „Ich wollte Fincher und Céan Chaffin unbedingt zeigen, was ich aus dieser Rolle machen kann. Ich wusste sofort, dass ich solch einen Film auf jeden Fall im Kino sehen möchte. Ich wollte partout dabei mitmachen.“
        Erwachsen wird Benjamin in dem abgelegenen russischen Hafen Murmansk, wo er eine weitere entscheidene Persönlichkeit kennen lernt – Elizabeth Abbott, gespielt von Tilda Swinton. „Tilda hat immer wieder bewiesen, dass sie absolut jede Rolle spielen kann“, sagt Kennedy. „Die Chance, dass sie die Leinwand mit Brad, Cate, Taraji und den übrigen wunderbaren Schauspielern teilen würde, erhöhte die Wattzahl dieses Films ganz beträchtlich.“

        Die einsame Diplomatengattin Elizabeth Abbott träumt davon, den Ärmelkanal zu durchschwimmen – sie ist die erste Frau, die Benjamin küsst. „Sie lernen voneinander“, sagt Swinton. „Sie ist sehr offen, dynamisch, analysiert sich selbst; er ist geduldig, einfach und optimistisch – ein fairer Handel. Dass sie noch am Ende ihres Lebensabenteuers von Benjamins anfänglichem Gefühl animiert wird, das Neue, die Unabhängigkeit zu wählen, ihr Leben selbst zu bestimmen – das findet ich sehr anrührend.“
        Während Benjamin auf dem Schleppboot durch die Welt schippert, landet Daisy in New York und wird als junge Frau eine von Emotionen geleitete Balletttänzerin, die immer wieder aneckt. „Es geht hier nicht um eine Ballade über gegenseitige Abhängigkeit – also kein: ,Ich kann ohne dich nicht leben‘“, sagt Fincher. „Sie warten nicht aufeinander. Sie sind beide sexuell aktiv. Beide sind sie eigenständige Individuen, die sich aussuchen, in welchem Lebensabschnitt sie zusammen sein wollen – auch wenn das die Sache nicht gerade einfacher macht.“

        Immer wieder kreuzen und trennen sich ihre Lebenswege, bis sie laut Fincher in der Lebensmitte an einem „empfindlichen Punkt“ ankommen, der sie zum Paar macht. „Das Universum intrigiert und lässt die beiden genau im richtigen Moment zu sich selbst finden“, sagt er. „Man atmet erleichtert auf, als sie zusammenkommen, denn jetzt läuft es so, wie es sollte.“

        Daisy und all die anderen Menschen in Benjamins Welt durchleben im Laufe der Geschichte ihre eigenen Zyklen. Ihre Biografien, ob sie sich nun im Einklang oder außerhalb von Benjamins Schicksal abspielen, sind in jedem Fall untrennbar ins Gewebe des Films integriert.
        „David hat das Gespür des Künstlers, der den Filmstoff mit eigenen Händen gestaltet“, sagt Swinton. „Er krempelt die Ärmel hoch. Er kennt nicht nur die Traditionen des Hollywood-Kinos, sondern erkennt auch praktisch, unendliche Möglichkeiten – ganz in der Art eines wahren Pioniers. Er ist wie ein Kind im Sandkasten. Man bekommt das Gefühl, dass die Bilder, die er mit seinen Kollegen erschafft, einfach nur aus dem Film heruntergeladen werden, der bereits fertig in seinem Kopf existiert. Das wirkt so, als ob er den Film wie in einem elaborierten Spiel zusammensetzt – als ob er sich an einen Traum erinnert. Wunder sind ihm durchaus nicht fremd.“
        Pitt bestätigt das: „David ist besessen. Er hat ein untrügliches Auge für das Filmische – die Ausgewogenheit, das Ballett einer Kamerabewegung muss für ihn nichts weniger als vollkommen sein. Das Wunderbare daran: Am Ende kommt dabei eine fein ziselierte Skulptur heraus. Er ist ein Bildhauer.“

        „Er umkreist eine Idee, einen Moment, ein Bild, eine Figur oder eine Szene, schaut sie sich von allen Seiten an, und wenn andere schon längst zufrieden wären, weil sie die Idee in allen drei Dimensionen abgeklopft haben, forscht David einfach weiter, bis die Idee sechs oder sieben Dimensionen entwickelt hat“, fügt Blanchett hinzu. „Andere würden vielleicht sagen: ,Lass es, David, das ist unmöglich‘, doch dann fühlt er sich erst recht animiert weiterzumachen. Ganz sicher hätten andere Filmemacher längst aufgegeben, bevor sie in das unfassbare Reich gelangten, das David dieser Geschichte – und uns – eröffnet.“

        „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ entstand an sehr unterschiedlichen Schauplätzen: in Montreal, der Karibik und in Benjamins Heimatstadt New Orleans, die noch unter den Nachwirkungen des Hurrikan Katrina zu leiden hatte, als das Filmteam eintraf. „Wir hatten uns bereits vor Hurrikan Katrina auf Dreharbeiten in New Orleans festgelegt, und natürlich waren wir einige Zeit unsicher, ob wir nach der Katastrophe dort drehen könnten“, erinnert sich Kennedy. „Doch die Stadtvertretung rief uns bereits zwei Tage nach dem Hurrikan an und ermutigte uns, auf jeden Fall unseren Plan beizubehalten.“

        Die Arbeit in einem Bezirk, in dem die Verheerungen nicht nur physische, sondern auch emotionale Schäden verursacht hatten, stellte das Filmteam vor erhebliche logistische Probleme. „Es war überwältigend, wie die Stadt uns unterstützt hat, und weil unsere Darsteller und Mitarbeiter so fähig sind, waren die Komplikationen eher geringfügig“, sagt Marshall. „Jeder Drehtag wurde sehr sorgfältig geplant und geprobt, und da David die Leitung übernahm, wusste jeder ganz genau, was von ihm erwartet wurde – also insgesamt verlief der Dreh praktisch reibungslos.“

        Sehr schnell merkten die Filmemacher, dass die Not den Mut der Stadtbewohner nicht gebrochen hatte. „Fincher und ich hatten das große Glück, mit Leuten zu arbeiten, die freiwillig dort waren“, sagt Chaffin. „Bei diesem Film hörten wir außergewöhnlich oft: ,Ja, kommt doch bitte zu uns‘, besonders in Louisiana. Alle, die das Drehbuch lasen, ließen sich davon anrühren – bei jedem war es eine andere Stelle. Wahrscheinlich sahen sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben – sie wollten einfach mit dabeisein.“

        Der zeitlose Charakter der Stadt passt wunderbar zum Panorama der Epochen in Finchers Film. „Es war sehr wichtig, jede Epoche im Film deutlich von den anderen abzusetzen, ohne die Zeitwechsel jedesmal großartig anzukündigen“, sagt Produktionsdesigner Donald Graham Burt. „Viel wichtiger war es, den natürlichen Ablauf der Zeit innerhalb der Sets deutlich zu machen. Victor J. Zolfo, Innenrequisiteur, und ich legten fest, welche Elemente auf den Sets sich verändern und welche immer gleich bleiben sollten. Jedes dieser Element sollte seine Bedeutung, seinen Zweck haben und nicht nur eine leere Ecke ausfüllen oder nur wegen der Abwechslung geändert werden.“
        Beim Ausgestalten der Sets arbeitete Fincher mit dem Ausstattungsteam zusammen, als ob er ein Fotoalbum vom Dachboden durchblättern würde, dessen Bilder einfache Menschen in ihrem gewöhnlichen Leben zeigt. „Für jedes dieser Sets bastelten wir uns eine eigene ,Lebensgeschichte‘, vor allem für das Nolan House und das Winterpalast-Hotel in Murmansk [wo Benjamin Elizabeth kennen lernt] – das sind Orte, an denen Benjamin entscheidende Momente erlebt“, sagt Zolfo.

        Für jede Produktionsabteilung galt die Vorgabe, einen Realismus zu schaffen, der die Grundwahrheiten im Kern der Story ergänzen soll. „Obwohl es in der Geschichte viele fabelartige Elemente gibt, will ich davon doch abweichen, indem ich sie so realistisch wie möglich erzähle“, erklärt Fincher. „Es soll nicht die Atmosphäre von ,Es war einmal…‘ entstehen. Ich behalte die Darsteller immer an der Kandare. Und die Zuschauer ebenfalls. Und das gilt auch für den Produktionsdesigner. Alles soll exakt der jeweiligen Epoche entsprechen – die Einrichtung, die Kleidung, die Brillen und Hörgeräte.“

        Die Kostüme orientieren sich an der jeweiligen Ära, sind aber stilisiert. Kostümdesignerin Jacqueline West traf sich schon in der Anfangsphase mit Burt und Zolfo, um sicherzustellen, dass ihre Abteilungen an einem Strang zogen. „David komponiert die Bilder wie ein Maler“, sagt West. „Als ich mir das Eisenbahnset anschaute, sah es wie ein Gemälde von Caillebotte aus. Also ließ ich mich von Caillebotte und den übrigen frühen Impressionisten inspirieren: Edouard Manet, Toulouse-Lautrec, Courbet. Eines war klar: Sobald ich Don Burts wunderbar sensibles Konzept nachvollziehen konnte, musste es funktionieren – egal was ich hinzufügte, so lange ich mich innerhalb der vorgegebenen Farbpalette bewege, die ziemlich dunkel und erdig ist.“

        West orientierte sich an den Fotografien der staatlichen Hilfsprogramme Works Progress Adminstration und Farm Security Administration aus der Zeit der großen Wirtschaftskrise, um sich vor allem zu Queenies Kleidung in Benjamin Buttons Jugend inspirieren zu lassen. „Queenie ist arm, hat aber ein starkes Selbstbewusstsein – ihre Kleider sollen ihre Persönlichkeit widerspiegeln“, sagt sie. „Außerdem überlegte ich, dass sie wohl meist Kleider der alten Frauen tragen würde, die im Nolan House gestorben waren. Diese Frauen hatten ihr letztes Kleid sicher schon 20 Jahre zuvor gekauft. Deshalb bin ich bei ihr zeitlich rückwärts gegangen.“

        Im Gegensatz dazu trägt Daisy stets die neueste Mode und figurbetonte Kleider einer Ballerina. Bei Daisy benutzte West den bahnbrechenden Tanzchoreografen George Balanchine und seine Frau und Muse Tanaquil LeClercq als Referenz – dieselben Personen, an denen auch Blanchett sich orientierte: „Ich schaute mir die Tanzbewegungen an, die in Daisys Jugend üblich waren. Dabei interessierten mich George Balanchine und Tanaquil LeClercq ganz besonders.“

        Blanchett verwandelte sich laut West „schon bei der Anprobe in eine Ballerina. Sie erinnerte mich verblüffend an die Bilder, die ich von LeClercq kannte – die Körpersprache, die Manieren, der innere Konflikt.“

        LeClercq schätzte besonders die Modelle von Claire McCardell, einer der berühmtesten amerikanischen Designerinnen der 1940er- und 1950er-Jahre, die den „American Look“ erfunden hat. McCardell beeinflusste eines von Wests beeindruckendsten Kostümen für Daisy – das fließende rote Kleid, das sie bei ihrem Date mit Benjamin trägt. „Jackie war auf jeden Fall meine Komplizin“, sagt Blanchett. „Ich vergöttere jede Naht, jeden Knopf. Sie hat mich auf Claire McCardell gebracht, und die Anproben waren eine Offenbarung. Das war ein wahrer Segen für mich.“

        Bei Benjamin Buttons Kleidung in den verschiedenen Lebensabschnitten orientierte sich West an Kino-Ikonen des 20. Jahrhunderts. „Das Vorbild für die 1940er-Jahre war Gary Cooper, Brando für die 1950er; Steve McQueen für die 1960er. Das war sehr inspirierend, und Brad besitzt genau dasselbe Charisma – klar, dass ihm dieser Look stehen würde“, sagt sie.

        Rein physisch halfen Pitt auch digitale Techniken, die ihm die Darstellung des Benjamin durch alle Lebensabschnitte erleichtern sollten. Der für die visuellen Effekte verantwortliche Eric Barba, der schon lange mit Fincher zusammenarbeitet, sagt dazu: „Von Anfang an sagte David: ,Brad hat die Darstellung von Anfang bis Ende in der Hand.‘ Benjamin bildet das emotionale Zentrum des Films und ist ständig präsent, auch wenn das unmöglich erscheint. Das war also unsere Aufgabe in Bezug auf die Effekte.“

        Barba bildete ein Team mit dem Oscar-preisgekrönten Make-up-Designer Greg Cannom, der die Masken schuf, die den Alterungs- und Verjüngungsprozess über den ganzen Film hinweg unterstützen.

        Digitale Bilder sind unauffällig ständig im Film präsent, wobei man bei den gewaltigen Panoramen mit großer Liebe zum Detail vorging. „Davids Kamerastil erinnert an das, wofür David Lean berühmt war: überwältigend epische Einstellungen, die einen Ort und eine Zeit definieren“, sagt Marshall. „Dass uns der Film so sehr berührt, ist auf Davids sehr effektive Verwendung der Kamera als Beobachter zurückzuführen. Er möchte, dass wir Zuschauer teilhaben an der Charakterstudie, also gestaltet er die Kamerabilder sehr bewusst und sehr ruhig. Dieser Film hat keine schnellen Schnitte und spontanen hektischen Kamerabewegungen nötig.“

        „Wir gestalten die Aufnahmen so naturalistisch wir nur möglich“, sagt Kameramann Claudio Miranda. „Wir überlegten, woher das Licht wohl kommen mag, und entweder übernahmen wir es aus den natürlichen Gegebenheiten, oder wir versuchten es für unsere Zwecke zu modifizieren. In manchen Einstellungen sind ein paar Glühbirnen die einzige Beleuchtung. Meist wird dabei getrickst, indem man eine Glühbirne filmt, sie aber herunterdimmt, damit sie nicht zu sehr strahlt, um sie dann heimlich durch eine andere Lichtquelle außerhalb des Kamerawinkels zu ergänzen. Doch ich fand es diesmal genau richtig so, wie es war.“

        Die Lichtquellen verändern sich, als die Epochen sich überlappen und einander abwechseln. „Der technische Fortschritt wird sichtbar – von Kerzen über Gaslampen bis zu klaren Glühbirnen und schließlich Leuchtröhren“, erklärt Fincher. „Wir haben auch Filmscheinwerfer eingesetzt, aber selten. Meist haben wir mit digitalen Kameras gedreht, um solche Lichtquellen zu verwenden und schneller arbeiten zu können.“

        Manchmal ergaben sich Einstellungen ganz organisch – wie das zurückhaltende, elegante Bild, das Blanchett tanzend in einem Gartenpavillon zeigt, als sie mit Benjamin in New York ausgeht. „Die Einstellung im Pavillon war ganz einfach“, sagt Fincher. „Wir entdeckten ihn und meinten: ,Da müssen wir drehen.‘ Erst überlegten wir wegen des Hintergrunds, aber dann sagte ich: ,Also, dahinten befindet sich ein Sumpf, also verwenden wir Dampf oder Rauch und leuchten die Bäume aus, damit Cate als Silhouette zu sehen ist.‘ Wir ahmten den alten, klassischen Hollywood-Stil nach, extrem einfach gehalten. Es sah aus wie eine Spieluhr.“

        Finchers untrügliches Gespür für Details ergänzte auf ideale Weise sein tiefes Verständnis für die Wahrheiten im Kern von Benjamins Geschichte. Kennedy sagt abschließend: „Wenn man das epische Panorama der Story und die sehr emotionalen Spannungsbögen bedenkt, so hat David in jedem Einzelfall genau die richtige Entscheidung getroffen – es war eine wunderbare Erfahrung, daran teilhaben zu dürfen.“

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