„Wenn man sich einmal all das anschaut, was ich über die Jahre so geschrieben habe, dann wird man feststellen, dass ich vom Thema Arbeit besessen bin: Was Leute tun, wie viel sie dabei verdienen, und auf welche Art und Weise sie es tun. Mich faszinieren die dabei entstehenden Gewissenskonflikte, Sehnsüchte und Entscheidungen“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Tony Gilroy.
Gilroy hatte die eigentliche Inspiration für MICHAEL CLAYTON, als er bei der Recherche für das Drehbuch zu „Im Auftrag des Teufels“ einige New Yorker Anwaltskanzleien besuchte. Gilroy erinnert sich: „Als ich durch diese riesigen Büroräume spazierte, habe ich erst begriffen, wie viel sich hinter den Kulissen abspielt. Jede dieser Firmen hat riesige Abteilungen, die im Verborgenen wirken, aber rund um die Uhr arbeiten und so das ganze Unternehmen überhaupt erst am Laufen halten.“
„Ich bekam dabei eine Geschichte über eine Firma zu hören“, sagt Gilroy, „die in einem riesigen Wirtschafts-Rechtsstreit tätig war, der sich schon fast ein Jahrzehnt lang hingezogen hatte. Die Vergleichssumme betrug mehr als eine Milliarde Dollar. Doch zwei Tage bevor der endgültige Vergleich unterzeichnet werden sollte, tat ein Anwalt, der erst seit drei Jahren dort angestellt war, um vier Uhr morgens ein Dokument auf, das niemals zuvor zur Sprache gebracht worden war – ein ganz übles Dokument, das den ganzen Fall über den Haufen geworfen hätte. Das Dokument kam niemals ans Tageslicht, und der Anwalt wurde so schnell wie noch kein anderer zuvor in der Firma zum Partner befördert.“
„In einem anderen Fall aus dem 70er Jahren, Anderson vs. General Motors, ging es darum, dass Autos nach einem Aufprall in Flammen aufgingen. Einige Familien, die Verwandte als ,Brandopfer‘ verloren hatten, strengten eine Klage an, und 1999 wurde ihnen eine Entschädigungssumme von 4,9 Milliarden Dollar zugesprochen. Entschieden wurde der Fall durch die Entdeckung eines Dokuments, das GM und ihre Anwälte 20 Jahre lang versteckt gehalten hatten: die Notiz eines GM-Ingenieurs namens Edmund Ivey mit dem Titel „Kosten-Nutzen-Analyse von durch Kraftstoffbrand bedingten Todesfällen“. Es sind bloß zwei Seiten, und es ist nichts Kompliziertes daran. Es handelt sich dabei um eine ganz einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. GM wusste, dass die Autos explodieren konnten, und Iveys Notiz ist eine ganz nüchterne Berechnung, ob es billiger kommt, den Ablauf der Montage abzuändern oder Entschädigung für die Todesfälle zu bezahlen – und sie entscheiden sich dafür zu zahlen.“
Von derartigen Geschichten fasziniert, erfand Gilroy die Figur Michael Clayton, einen Mann fürs Grobe, der von seiner Anwaltskanzlei beauftragt wird, lautlos und effizient heikle Situationen für wichtige Kunden und ihre Anwälte zu bereinigen.
Obwohl er schon 15 Jahre bei derselben Firma ist, wird Clayton immer noch als untergeordnete Charge und nicht als Partner behandelt. Seine Versuche, diesem Leben zu entfliehen, sind nicht nur gescheitert, sondern haben ihn auch noch in Schulden gestürzt.
Da erleidet Arthur Edens, der Prozessbevollmächtigte von Kenner, Bach & Leeden, einen Nervenzusammenbruch, nachdem er ein belastendes Dokument entdeckt hat, das die ganze moralische Verkommenheit ihres Klienten U/North aufdeckt.
„Wenn man sich überlegt, wie viel Unrecht geschieht, wie groß dieses begangene Unrecht ist und wie viel davon von Leuten angezettelt wird, die abends nach Hause gehen, brav ihre Steuern zahlen und ihre Kinder lieben, dann muss man sich doch wirklich darüber wundern, dass nicht noch viel mehr durchdrehen“, sagt Gilroy.
Produzent Sydney Pollack merkt an: „Mich hat das Material vom allerersten Moment an gepackt. Ich finde es außerordentlich gut geschrieben. Es ist authentisch und zugleich sehr filmisch. Und die Themen sind sowohl brandaktuell als auch absolut zeitlos.“
Produzent Steven B. Samuels sagt über seine Zusammenarbeit mit dem Regiedebütanten Gilroy: „Tony hat mich schwer beeindruckt. Er ist sehr talentiert und er ist ein echter Visionär. Ich bin sicher, die Geschichte wird vielen Leuten nahe gehen, die schon einmal in der Situation waren, dass von ihnen eine bestimmte Arbeit oder eine bestimmte Verhaltensweise gefordert wurde, die ihre persönliche Moral verletzte.“
Zur Besetzung der Titelrolle sagt Gilroy: „Michael ist ein komplizierter Typ. Alle seine Charaktereigenschaften, die ihm vorher immer so gut geholfen haben - sein Charme, seine Nonchalance, seine natürliche Autorität - nützen ihm immer weniger, je weiter sich die Geschichte entwickelt. Das ganze Charisma der Welt nützt einem nichts, wenn man sich verirrt hat und nicht mehr nach Hause findet. Es gibt viele Schauspieler, die sagen, dass sie gern solche Rollen spielen, aber man braucht dazu eine große Portion Mut und Ehrgeiz, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen und sich wirklich darauf einzulassen.“
Zu der Zeit arbeitete Gilroy an einem anderen Projekt mit Regisseur Steven Soderbergh zusammen, der ein Treffen mit George Clooney arrangierte. „Für mich verkörpert George New York“, erklärt Gilroy. „Er hat die nötige Gerissenheit, und er ist intelligent und charmant. Er kann zerrissene Charaktere sehr überzeugend spielen, was ihn zur perfekten Besetzung für die Rolle machte.“
Produzentin Jennifer Fox war aus mehreren Gründen sicher, dass die Zusammenarbeit von Gilroy und Clooney gut funktionieren würde: „Sie haben dieselben Referenzpunkte. Sie sind beide von den großen Regisseuren der 70er wie Alan Pakula, Sidney Lumet, Mike Nichols und Sydney Pollack beeinflusst. Sie haben dieselbe Herangehensweise bei der Arbeit, sind unglaublich diszipliniert und gut vorbereitet; und doch schaffen sie es irgendwie, dass alles ganz mühelos aussieht.“
Seit sechs Jahren vertritt Kenner, Bach & Leeden U/North, einen Hersteller von Chemikalien für die Landwirtschaft, der beschuldigt wird, mit einem Unkrautvernichtungsmittel Menschen vergiftet zu haben. Als der hart umkämpfte Fall schließlich kurz vor dem Abschluss durch einen außergerichtlichen Vergleich steht, geschieht das Undenkbare, als Arthur Edens Gewissensbisse bekommt und bei einer Aussage unter Eid zusammenbricht.
Sydney Pollack erläutert: „Der Prozessbevollmächtigte der Kanzlei erleidet einen totalen Zusammenbruch und fängt praktisch an, für die Gegenseite zu arbeiten. Die spannende Frage ist also, ob er durchhält oder nicht, ob er den Prozess für die Gegenseite gewinnt oder nicht und wie Michael Clayton diese Sache ausbügeln will.“
Der anerkannte britische Schauspieler Tom Wilkinson ist in der Rolle des Arthur Edens zu sehen. Gilroy beschreibt Arthur als jemanden, der über Jahre allen Ärger heruntergeschluckt hat. „Das Leben als Prozessbevollmächtigter ist ganz schön hart”, sagt Gilroy, „sie machen ständig Überstunden, und die Arbeit ist eine echte Knochenmühle. Man opfert dabei viel von seinem Leben.“
Gilroys erste Wahl für die Rolle der Karen Crowder, die Leiterin der Rechtsabteilung von U/North, war Tilda Swinton. „Ich brauchte einfach jemanden, der einen Rechtsanwalt glaubwürdig darstellen konnte, aber auch in den vielen privaten Szenen überzeugend wirken würde. Jemand, der sowohl extrem fähig als auch mit Fehlern behaftet wirken würde.“
Swinton stellt eine Figur dar, deren Aufgabe als Leiterin der Rechtsabteilung es ist, sicherzustellen, dass der gegen ihre Firma angestrengte Prozess zu einem guten Ende kommt. Außerdem hat sie die zusätzliche Last zu tragen, sich als harte Karrierefrau in der von Männern dominierten Geschäftswelt durchzusetzen.
Gilroy betont, dass er nie das Naheliegende beabsichtigte, einen gesichtslosen Großkonzern zum Schurken zu machen. „Ich fühle mit Karen. Auch wenn es seltsam klingen mag, mir ist es so gegangen, dass ich in jeder Szene auf ihrer Seite stand. Der harte Job, den sie hat, ist ihr Ein und Alles. Doch als diese überwältigende Krise eintritt, merkt sie, dass sie nicht mithalten kann. Sie versagt – und zwar, weil sie sich nicht mehr zurechtfindet. Sie versagt, weil alles zu schnell auf sie zukommt. Sie versagt, weil sie sich von ihrem Ehrgeiz und ihrer Angst überwältigen lässt. In letzter Konsequenz versagt sie aber aus demselben Grund, aus dem der GM-Ingeneur Ivey seine Notiz ablieferte, denn sie ist dem bösen Zauber einer psychopathischen Firmenkultur erlegen. Mit dieser ganz besonderen Art von Gift kann man ganz leicht jemanden zum Opfer machen, der charakterlich verkorkst genug ist, um die Grenzen nicht mehr wahrzunehmen.“
Um die Rolle des Marty Bach, des tonangebenden Seniorpartners von Kenner, Bach & Leeden, zu besetzen, wandte sich Gilroy an seinen Produzenten Sydney Pollack. Gilroy sagt: „Ich brauchte jemanden, dem man den Chef einer großen Anwaltskanzlei abnimmt, jemanden, der in der Lage ist, Michael einzuschüchtern. Ich brauchte jemanden mit echter Autorität, und es sollte jemand sein, den man nicht in allzu vielen Rollen gesehen hat. Dabei kam eine sehr, sehr kurze Liste heraus.“
Pollack erzählt: „Marty ist stark von Michael Clayton abhängig. Dieser Fall erwischt Kenner, Bach & Leeden zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, weil Kenner, Bach & Leeden gerade die Fusion mit einer großen Londoner Kanzlei plant, und für Marty würde es einen Riesenbatzen Kleingeld bedeuten, wenn er sich auskaufen ließe. Als nun der U/North-Fall anfängt, den Bach runterzugehen, versucht Marty verzweifelt, Arthur wieder unter Kontrolle zu bekommen und übt starken Druck auf Michael aus.“
Die Hauptdreharbeiten zu MICHAEL CLAYTON begannen im Januar 2006 in New York, der Stadt, in der Gilroy fast sein ganzes Leben verbracht hat. „An keinem anderen Ort der Welt gibt es diese hohe Konzentration von Geld und Business”, erklärt er, „kein anderer Ort der Welt hat diese Intensität.“
Gilroy wollte unbedingt inmitten der Schachtelarchitektur der Wolkenkratzer von Manhattans Midtown, der Herzkammer der Geschäftswelt, drehen. Ganz besonders ging es Gilroy darum, an der Avenue of the Americas zu filmen, wo durch den Bauboom der 60er und 70er Jahre wahre Massen von 50 Stockwerken hohen, verglasten Klötzen entstanden waren, einer direkt neben dem anderen. Gilroy sagt: „Die Gebäude dort sind regelrecht aufeinander gestapelt, was wunderschön, aber auch furchteinflößend aussieht.“
Die Filmemacher schauten sich im Vorwege sechs verschiedene Anwaltskanzleien an und entschieden sich schließlich für die Büroräume von Dewey Ballantine, eine der angesehensten Sozietäten in New York.
Einige Szenen wurden in Dewey Ballantines Konferenzraum im 22. Stock gedreht, der sich über die gesamte Front des Gebäudes entlang der Sixth Avenue erstreckt und Ausblicke in drei Richtungen bietet.
Die Szenen in Marty Bachs Büro wurden im selben Gebäude, aber auf einer anderen Etage gedreht, in einem Büro des Finanzdienstleisters Oaktree Capital Management. „Wir haben extra ein Büro auf einem noch höheren Stockwerk, mit einem atemberaubenden Blick über den Central Park, gewählt, um die Macht von Martys Position zu betonen“, erklärt Produzentin Jennifer Fox.
Die Außenaufnahmen bei Arthurs Loft fanden in Tribeca statt, die Innenaufnahmen dagegen in Little Italy. „Es gab dort riesige Fenster mit extrem niedrigen Gesimsen“, sagt Szenenbildner Kevin Thompson, „was äußerst dramatisch und kraftvoll wirkte. Arthur hat ein richtiges Schloss, einen Palast, aber einen, der heruntergekommen ist.“ Für die Szenen, die das Gegengewicht zum Großstadtdschungel von Manhattan bilden sollten, reiste das Filmteam nach Cornwall im Bezirk Orange County im Bundesstaat New York. Thompson erklärt: „Wir wollten eine wilde Landschaft zeigen, eine, die das genaue Gegenteil der anderen Welt ist.“
Pollack fasst die Erfahrung, mit Regiedebütant Gilroy zusammenzuarbeiten, so zusammen: „Tonys Herangehensweise ist wirklich wie die eines Veteranen. Es gibt nur sehr wenige Leute, die gleichzeitig richtig gute Drehbuchautoren und Regisseure sind. Und auf Grundlage dessen, was ich hier mitbekommen habe, würde ich sagen, dass Tony auf dem besten Wege ist, einer der Spitzenleute zu werden.“