Mittwoch | 30. Mai 2012 | 18:00 Uhr
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  • Inland Empire

    Drama, Mystery | Frankreich / Polen / USA 2006
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      • | Produktionsnotizen

      • David Lynch räumt ein, dass sein Film nicht leicht zu verstehen ist und er selbst nicht genau weiß, wovon INLAND EMPIRE eigentlich handelt. Einen roten Faden gibt es trotzdem – die Angst. Anhand dieses Grundthemas begann der Regisseur mit den Dreharbeiten, ohne festes Drehbuch. Er schrieb jede Szene unmittelbar bevor sie gedreht wurde.

        Der Titel geht auf eine Unterhaltung mit Laura Dern zurück, in der sie Lynch erzählte, dass ihr Mann Ben Harper aus dem “Inland Empire” kommt, einer Gegend östlich von Los Angeles, zu der Riverside und das San Bernadino County zählen. Lynch: “Ich mag das Wort ‘Inland’. Und mir gefällt ‘Empire’.”

        So wurde ein Filmtitel daraus. Und in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte er: „Meine Eltern haben eine Berghütte in Montana. Mein Bruder hat da eines Tages geputzt und hinterm Schrank ein altes Zeichenbuch gefunden. Es war mein altes Zeichenbuch, aus der Zeit, als ich fünf Jahre alt war. Das erste Bild ist eine Landschaftsansicht von Spokane, darunter steht: ‚Inland Empire‘. Also dachte ich, ich bin auf dem richtigen Weg.“

        Dern spielt mehrere Charaktere, darunter eine Schauspielerin, die während der Dreharbeiten zu einem altmodischen Südstaaten-Melodram ihren Verstand zu verlieren droht. Prostituierte, unheimliche polnische Volksmotive und Riesen-Kaninchen bevölkern das Lynch-Universum. Dern: “Der Film ist eine Reflexion von Davids Liebe zum alten Hollywood und handelt auch vom Tod dessen, wofür Hollywood für ihn steht. Es ist ein neuer Tag, für David, für den Film, für uns alle.” “Der Weg zu MULHOLLAND DRIVE war wunderbar und unheimlich,” beschreibt Lynch den Entstehungsprozess, “aber der Weg zu INLAND EMPIRE war noch unheimlicher…”

        Wie der Film “Mulholland Drive”, der ursprünglich als TV-Serie geplant war und an ABCs Veto gegenüber dem Pilotfilm im Fernsehen scheiterte, war auch INLAND EMPIRE nicht ursprünglich als Kinofilm gedacht. Am Anfang stand eine Serie von Experimenten, von Spielereien mit etwas, das Lynchs Leben veränderte: seiner “Spielzeugkamera”, wie er sagt, einem tragbaren Sony PD 150 Digital Videorekorder. Mit ihrer Hilfe konnte er vermeiden, was er beim Dreh auf Filmmaterial hasst: das Warten – auf die Ausleuchtung, das Bewegen der Kamera durch die Crew etc.

        Alles begann damit, dass Lynch vor ungefähr drei Jahren mit Laura Dern eine Szene filmte, die er für sie geschrieben hatte. Das wiederholte sich noch einige Male. Das digitale Drehen brachte seine Fantasie auf Hochtouren. Zu Hause drehte er eine surrealistische Sitcom über eine Familie von Riesen-Kaninchen. Zur gleichen Zeit entdeckte er, inspiriert von einer Reise zum Filmfestival in Lodz, seine Liebe zu Polen. Beim Besuch des Festivals filmte er mit heimischen Darstellern in den alten Fabrikgebäuden vor Ort eine Szene, die er sich im Flugzeug ausgedacht hatte. “Er war angesteckt von diesem Prozess, ging ungezwungen mit seiner Kamera um,” sagt Mary Sweeney, seine langjährige Produzentin.

        Eigentlich wollte Lynch dieses Material für seine Website verwenden. Doch dann begann er, die Szenen mit Laura Dern zu einem Film auszubauen. Ihm gefiel die Unschärfe der Bilder, die ihn an alte Hollywood-Filme erinnerten: “Ich glaube, wenn etwas nicht so realistisch ist, das Bild dunkel oder unscharf, kriegt die Vorstellung einen Kick und man beginnt zu träumen.”

        Schließlich kam ihm die Idee, die Dern-Monologe, die Hasen-Sitcom und die Polen-Episoden zusammenzufügen, ergänzt durch neues Filmmaterial. Lynch vergleicht diesen Prozess mit dem kreativsten seiner Karriere, der Entstehung von ERASERHEAD, die fünf Jahre dauerte: “Ich kam von der Malerei. Da gibt es nur dich und die Leinwand. Digitales Arbeiten ist eine ähnliche Erfahrung, man kann tiefer eindringen.”

        Die Dreharbeiten fanden im polnischen Lodz und in Los Angeles statt. Auch die Musik spielt eine zentrale Rolle im Film. Lynch wollte eine ähnliche Wirkung erzielen wie bei Godfrey Reggios “Koyaanisqatsi”, eine treibende Verbindung zwischen Bild und Musik.


        Dabei entstand mehr Independent-Kino, als man lange gesehen hat – folgerichtig vermarktete Lynch INLAND EMPIRE in den USA selbst und brachte ihn im Eigenverleih in ausgewählten Kinos zum Einsatz. Nach der Premiere in New York und Los Angeles im Dezember 2006 fuhr er mit seinem Film von Stadt zu Stadt.

        Ursprünglich hatte der Regisseur auch eine Oscar-Kampagne für seinen Star Laura Dern geplant. Als er herausfand, dass sich die Kosten dafür auf ca. $3 Mio. belaufen, verlegte er sich auf Guerilla-Marketing. An Straßenecken in L. A. sorgte David Lynch persönlich für Aufsehen, mit einem Poster von Dern – und einer Kuh. “Das ist wie ein David Lynch-Film,” lacht Dern. “Es ist öffentlich und respektlos, und doch sagt er etwas von enormer Bedeutung. Das ist fabelhaft, verrückt und sehr süß”.

        INLAND EMPIRE erfüllt in jedem Fall, was sich der Filmemacher selbst vom Kino erträumt: die Erfahrung anderer möglicher Welten.

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