Mittwoch | 30. Mai 2012 | 18:02 Uhr
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  • Black Snake Moan

    Drama | USA 2006
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      • | Über den Film

      • Die Qualen des Liebeskummers

        „There is a balm in Gilead to make the wounded whole. There is a balm in Gilead to save my sick, sick soul…“ (Angela)

        „BLACK SNAKE MOAN“ handelt eigentlich von zwei völlig unterschiedlichen Perso-nen, die zusammenkommen, um einander genesen zu lassen“, sagt Regisseur und Dreh-buchautor Craig Brewer, „und es sind sehr eigenartige Umstände, durch die diese beiden Personen aufeinander treffen.“

        Es ist eine wagemutige Geschichte und ein phänomenales Drehbuch, das Produzent John Singleton staunen ließ, „wie zum Teufel wir es schaffen sollten, diesen Film gemacht zu bekommen“. Singleton, der für seinen mutigen und kontroversen Film „Boyz’n The Hood – Jungs im Viertel“ für den Oscar in den Kategorien Bestes Originaldrehbuch und Beste Regie nominiert war, sagt, „BLACK SNAKE MOAN“ sei „noch viel wagemutiger als Craigs anderer Film („Hustle & Flow“). Das hier ist etwas, das die Menschen noch nie zuvor gesehen haben.“

        Doch auch dieser Film offenbart Brewers unverwechselbares Markenzeichen: er begleitet die packende Metamorphose, die zutiefst verletzte und nach einem besseren Leben dürstende Menschen durchmachen.

        „Wir alle sind auf irgendeine Art verletzt worden. Wir alle haben unsere Schwächen, Ängste, Eigenarten, und die Art und Weise, wie wir durchs Leben gehen, wird von dieser Zusammengehhörigkeit bestimmt – wir wollen zu jemandem gehören“, sagt Produzentin Stephanie Allain, die bereits für die Produktion von Singletons „Boyz’n The Hood – Jungs im Viertel“ und Brewers „Hustle & Flow“ verantwortlich zeichnete. „Durch Craigs Arbeit können wir uns in die Lage eines anderen hineinversetzen. Anfangs identifiziert man sich vielleicht noch nicht damit. Man möchte sich vielleicht nicht damit i-dentifizierten. Man empfindet vielleicht sogar Verachtung, Feindseligkeit oder verurteilt die Charaktere – doch gegen Ende des Films liebt man diese Personen, und nicht nur das: man stellt fest, dass man ihnen gleicht. Es geht hier grundsätzlich um die Kraft der Ver-bindung mit einem anderen Menschen“, erklärt sie. „Und in diesem Fall ist es Raes Bin-dung an Lazarus.“

        Es ist die Geschichte von Lazarus, der seine Tage als Gitarrenspieler und Kneipenmusi-ker hinter sich gelassen hat, zur Religion fand und sich als Ehemann niederließ. „All seine Liebe hat er dieser Frau geschenkt, und gleich zu Beginn der Geschichte verlässt sie ihn“, berichtet Brewer. Und sie verlässt nicht nur einfach das gemeinsame Haus, sondern tauscht Lazarus gegen seinen jüngeren Bruder Deke ein. „Lazarus ist ein älterer Mann, und das bricht ihm das Herz. Nachdem er in Wut und Trauer versunken ist, schnappt er sich wieder die Gitarre, die zehn Jahre lang unter dem Bett gelegen hatte. Er war einst Blues-Musiker gewesen, ein richtig cooler Typ, doch all das liegt nun hinter ihm.“

        „Lazarus ist zu einem Landbewohner geworden“, erklärt Samuel L. Jackson, der für „Pulp Fiction“ für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert war. „Nachdem er der Musik den Rücken gekehrt hatte, wurde sein Leben eintönig und auf gewisse Weise langweilig – bestimmt langweilig genug um seine Frau an seinen jüngeren Bruder zu verlieren. Dann findet er dieses Mädchen und versucht, sich die Kontrolle über sie zu verschaffen.“

        Das Mädchen ist Rae, „dieser Wildfang, die Stadtschlampe. Genau das würden viele Leute von ihr denken“, fährt Brewer fort. „Doch Rae leidet sehr an einer Angsterkran-kung. In ihrer Kindheit wurde sie missbraucht, und diese Vergangenheit beeinträchtig ihr Sexualleben. Es ist leichter für sie, durch diesen emotionalen Kick und die körperliche Anstrengung alles zu vergessen.“

        Nur wenige Stunden nachdem Ronnie (Justin Timberlake), ihre wahre Liebe, die Stadt in verlässt, betäubt Rae ihre Verzweiflung mit Drogen und Sex. Sie bietet sich sogar Ronnies bestem Freund Gil (Michael Raymond-James) an. Er verprügelt sie und wirft sie in den Straßengraben. Lazarus findet sie, nimmt sie bei sich auf und pflegt sie wieder gesund.

        Doch Lazarus will Rae nicht nur wieder auf den Pfad der Tugend bringen; eigentlich ist er „ein alter Mann, der einer Frau, die auf den Leuten herumgetrampelt hat, endlich einmal die Meinung sagen will“, meint Brewer. „In ihm hat sich eine tiefe, männliche Rachsucht angestaut, die er nun an ihr abreagieren will. Gleichzeitig entdecken die beiden aber eine Verbundenheit – eine Verbindung, die weit über die Kette hinausreicht, die Lazarus um Raes Taille gebunden hat.“

        Diese Verbindung entwickelt sich zu einem Machtkampf.

        „Ganz egal was sie tut, um sich ihm anzubieten, er schiebt sie von sich“, fügt Jackson hinzu. „Sie ist aber nicht daran gewöhnt, keinen Erfolg damit zu haben, wenn sie ihre Sexualität einsetzt, um das zu bekommen, was sie will. Dieser Kerl frustriert sie, aber er kümmert sich um sie, pflegt sie, und befreit sie schließlich auf eine andere Weise.“

        Als Rae aus ihrem halbpsychotischen Zustand wieder erwacht und feststellt, dass ein Mann eine lange, schwere Kette um ihre Taille gebunden und sie an den Heizkörper in seinem Farmhaus gefesselt hat, flippt sie total aus. „Ich glaube, sie denkt wohl an all die Horrorgeschichten mit geisteskranken Mördern in der Wildnis“, erzählt Christina Ricci über ihre Rolle. „Sie fragt sich, in was für eine Situation sie sich nun schon wieder ge-bracht hat.“ Aber Rae hat kein Empfinden für Grenzen. „Die meisten Menschen hätten wohl ein großes Problem damit, über längere Zeit an der Taille fest gekettet zu sein“, sagt Ricci.

        „Rae hat ein furchtbares Leben gehabt – wegen der Dinge, die man ihr, aber auch der Dinge, die sie sich selbst angetan hat. Deshalb ist ihre Denkweise ziemlich verquer“, be-richtet die Schauspielerin. „Missbrauch und Liebe stecken immer in einem Paket; also bedeutete diese Kette für Rae, dass dieser Mann sie liebt. Eigenartigerweise beginnt La-zarus dann, sie wirklich zu lieben, und auch sie empfindet etwas für ihn – aufrichtige Zuneigung, also nichts von dem, was man sonst annehmen würde. Die Kette wird ironi-scherweise zu einer Metapher für ihr gemeinsames Leben – es ist eine Verbindung, die niemand durchtrennen kann.“

        Bis sie auf Lazarus traf, war Ronnie in Raes Leben die einzige echte Liebesbeziehung. Er ist der einzige Mensch in ihrem Leben, auf den sie sich verlassen kann. „Ronnie hat auch seine Probleme“, merkt Singleton an. „Doch wenn er und Rae zusammen sind, bilden sie eine Einheit und fühlen sich wohl.“

        „Sie sind der Traum dieser Kleinstadt“, meint der zweimalige Grammy-Preisträger, der Ronnie spielt. „Sie sind jung und verliebt, wollen hinaus in die Welt und gemeinsam ein neues Leben beginnen. Wahrscheinlich werden sie die Stadt nie verlassen, und genau das ist die Ursache für ihre Probleme. Trotz der Schwierigkeiten ist Ronnie der einzige, der Raes Schwäche versteht und ihr helfen kann, damit umzugehen.“

        Als Ronnie die Stadt verlässt, hängt Raes Selbstkontrolle an einem seidenen Faden.
        Als Lazarus sie findet, „versucht er die Kontrolle zu übernehmen“, meint Jackson. Es ist Preacher R. L. (John Cothran) der Lazarus hilf, sich selbst wieder in den Griff zu be-kommen. Beide Männer sind schon seit langem befreundet, „beide sind auf nicht traditi-onelle Weise spirituelle Menschen. R.L. ist ein Durchschnittsmann“, sagt Cothran. „Ob-wohl er einen weißen Kragen trägt, einer Gemeinde vorsteht und oft eine Bibel in der Hand hält, weiß er doch, dass er eigentlich ganz genau wie Laz ist. Diese beiden Männer leiden aus demselben Grund. Als R.L. mit Rae spricht, sagt er sogar: ‚Ich bin von Sünde erfüllt, genau wie die Welt vom Bösen erfüllt ist.’ Also weiß er genau, wo er steht; er leidet nicht an Selbsttäuschung.“

        Lazarus’ Bemühungen, die Kontrolle über Rae zu erlangen, führen ihn zurück zur Musik. „Das gibt ihm ein neues Selbstwertgefühl“, erzählt Jackson. „Je mehr er wieder in die Musik eintaucht, desto mehr findet er zu sich selbst zurück. Er entdeckt seine Kraft, sein Vertrauen und sein Mitgefühl. Und er weiß, dass die Musik ein Teil dessen ist, wodurch er zu einem besseren Leben finden kann.“

        Der andere Teil besteht aus Liebe – und dem Vertrauen einer guten Frau. Er beginnt den langsamen Tanz mit Angela (S. Epatha Merkerson).

        „Wahrscheinlich hatte sie schon seit Jahren ein Auge auf Lazarus geworfen“, meint Merkerson, die für „Law and Order“ mit einem Golden Globe und einem Emmy ausge-zeichnet wurde. „Angela weiß, mit wem Laz verheiratet war, und hat diese Frau nie gut-geheißen. Sie weiß, dass Laz ein guter Mensch ist. Und sie sieht nun die Gelegenheit, diesem Mann zu zeigen, welche Gefühle sie für ihn hegt, und dann lernt sie die junge Rae kennen, die ein Teil seines Lebens ist. Zwar versteht sie nicht genau, was da vor sich geht, beschließt jedoch, dem Mann den sie liebt zu vertrauen.“

        Angelas Vertrauen in die Liebe hält ihre Hoffnung aufrecht. „Sie braucht etwas von Laz, und das ist Aufrichtigkeit“, sagt Merkerson. „Es ist nicht so, dass sie wie ein Engel in sein Leben tritt, vielmehr hat sie ihre eigenen Schwierigkeiten und auch eine Vergan-genheit.“

        Doch Lazarus und Angela haben eines gemeinsam: Den Wunsch, die Musik der Seele zum Klingen zu bringen. Es mag zwar Gospel statt Blues sein, doch für Lazarus ist Angela der Engel der Gnade.

        Als er wieder auferstanden ist, stellt Lazarus fest, dass er alles haben könnte: den Glau-ben, die Liebe einer guten Frau und den Blues.

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